Straßen-DM auf dem Sachsenring (Archivversion)

Kurvendiskussion

Trotz eigener Wege in der Startkurve holte Christer Lindholm (2) zwei überlegene Superbike-Siege. Und auch sonst boten die neuen Kurven des Sachsenrings genügend Diskussionsstoff.

Formel 1-Rennen in Monaco ist wie Hubschrauber fliegen im Wohnzimmer. Oder wie Superbikes auf dem Sachsenring. Das wissen jetzt rund 40000 begeisterte Fans.Wie bei der Straßenschlacht im Jet-Set-Fürstentum besteht auch der als Mischung aus einem Verkehrssicherheitszentrum und Teilen der alten Straßenrennstrecke neu konzipierte Sachsenring fast ausschließlich aus engen Kurven mit geringem Sturzraum. An den wenigen schnelleren Stellen stehen Leitplanken in unangenehm nahem Abstand. So darf es niemand verwundern, wenn es bei der Premierenveranstaltung nicht nur in den Superbike-Rennen, sondern bei fast allen Läufen in der Startkurve, einer Bergabrechtskehre, knallte. Prominentestes Opfer im ersten Superbike-Rennen war der Trainingschnellste und DM-Favorit Christer Lindholm. Der Schwede auf der DNL-Ducati leistete sich, vielleicht verwirrt von dem stürzenden Suzuki-Fahrer Claus Ehrenberger zu seiner rechten, einen kapitalen Verbremser, der ihn von der Spitze auf Rang sieben zurückwarf. Damit schien Lindholm zunächst abgehakt, denn Überholmöglichkeiten gelten auf dem neuen Sachsenring als Mangelware. »Ich weiß überhaupt nicht, wo ich hier überholen soll«, gab etwa Ex-Meister Udo Mark nach seinem neunten Trainingsrang enttäuscht zu Protokoll.Aber Lindholm schien anderen Meinung zu sein und stürmte schon in der zweiten Runde an Mark vorbei auf Rang vier und unaufhaltsam der Spitze entgegen. Der Schwarzwälder aber war bereits wehrlos, weil an seiner Yamaha die Hauptsicherung gebrochen war. Lindholm ließ sich davon nicht stören. Schon zu Beginn des zweiten Renndrittels hatte er die noch vor ihm fahrenden Jochen Schmid, Roger Kellenberger und Andreas Meklau geschnappt. Bis zu acht Sekunden brachte der Vizemeister der letzten beiden Jahre zwischen sich und die Verfolger, sodaß er es sich leisten konnten, die letzte Rennrunde mit freundlichem Winken und sehenswerten Wheelies zu feiern.Aber weder die Begeisterung der Rekordkulisse von 40000 noch der durch den ebenfalls ungefährdeten Sieg im zweiten Rennen komplette Triumph im sächsischen konnten Lindholm den Blick für die Realitäten verstellen. »Es ist wunderbar hier. Ich habe zweimal gewonnen, die Zuschauer sind sensantionell und die Veranstalter geben sich sehr viel Mühe. Aber leider ist die Strecke sehr gefährlich.«Auch bei den anderen Fahrern auf dem Siegerpodest herrschte zweispältige Stimmung. Roger Kellenberger etwa freute sich auf der zum Spitzenbike gereiften Thiede-Honda mit zwei tadellosen zweiten Plätzen, die ihn auch auf Rang zwei in der DM-Gesamtwertung nach vorn brachten, zwar endlich über eine konstante Leistung. Aber selbst der robuste Schweizer stellte fest: »Es gibt Stellen hier, da fällst du besser nicht runter«.Promotor Power Horse-Ducati-Fahrer Andreas Meklau und Jochen Schmid auf der offiziellen ZX-7R von Kawasaki Deutschland nahmen ihr identisches Ergebnis, jeweils Platz drei und vier, unterschiedlich auf.Meklau freute sich über den Podestplatz im ersten Rennen, »ein endlich mal komplett gelungenes Wochenende« sowie die Tatsache, daß er in beiden Rennen in der letzten Runde noch einen Platz gutmachen konnte - zu erst an Jochen Schmid vorbei auf Rang drei und im zweiten Lauf an noch vor Udo Mark auf Rang vier.Schmid haderte dagegen mit einer problematischen Fahrwerksabstimmung, die ihn im ersten Rennen von der Spitze auf Rang vier zurückdrängte und im zweiten ebenfalls von ganz vorn auf Rang drei. »Ich kann jeweils nur ein begrenzte Anzahl von Runden richtig schnell fahren«, so der Titelverteidiger, »dann läßt der Grip ganz massiv nach. Ich denke, daß das Problem in der Fahwerksgeometrie steckt.«»Schlicht und einfach mit den Reifen verwachst« hatte dagegen Bohnhorst-Ducati-Fahrer Bernhard Schick. Aber immerhin konnte er mit den Plätzen fünf und sieben seine beim von den meisten Top-Team nicht bestrittenen DM-Rennen auf dem Nürburgring eroberte DM-Tabellenführung noch einmal verteidigen. Obwohl Christer Lindholm mit seiner derzeitigen Überlegenheit andeutet, daß es zumindest an der Spitze schon bald keinen Unterschied mehr geben soll zwischen der offiziellen DM-Wertung und der internen Rangliste des Industriepools Pro Superbike, welche das Boykott-Rennen auf dem Nürburgring nonchanlant ignoriert. Lindholms Teamchef Wolfgang Zeyen übrigens ist sich sicher, daß »Christers Überlegenheit von ihm selber kommt. Unser Motorrad ist nicht besser als die anderen.«Im Suzuki-Lager bekam man die Kehrseite des neuen Sachsenrings am schlimmsten zu spüren. Andreas Hofmann, die Nummer eins von Suzuki Deutschland, stürzte nach Rang sieben im ersten Rennen im zweiten schwer und brach sich das Schlüsselbein. Aushilfsfahrer Claus Ehrenberger tat sich beim Startcrash im ersten Lauf zwar nichts, mußte aber ganz am Ende des zweiten Rennen im Kampf um Platz elf mit Kawasaki-Privatfahrer Thomas Ochsenreiter nochmals zu Boden und brach sich dabei den Arm.So gewinnen die unerwartet kritischen Worte von Michael Rudroff, mit zwei sechsten Plätzen bester Suzuki-Fahrer, auf unangenehme Art an Bedeutung. Noch in der Startaufstellung erklärte der Bayer, der auch beim letzten Rennen auf dem alten Sachsenring 1990 dabei war, klar und deutlich: »Der neue Sachsenring ist genau so gefährlich wie der alte.«Das mag vielleicht nicht ganz zutreffen, immerhin gehts nicht mehr mit Vollgas durch Ortschaften. Unbestritten ist jedoch, daß der sehr engagierte Veranstalter ADAC Sachsen bis zum Sachsenringrennen 1997, dem 70jährigen Jubiläum, noch eine ganze Menge zu tun hat. Aber nichts ist unmöglich. Bis dahin aber behält Udo Mark recht: »Wer hier fährt, kann auch überall fahren.«Auch in den anderen DM-Klassen 125, 250 und Superpsort 600 galt es zunächst einmal, sich aus der Startkollision herauszuhalten. Dies gelang am besten den Siegern Mike Baldinger (125), Matthias Neukirchen, denkbar knapp vor Tabellenführer Micahel Schulten (250) sowie Bernhard Schick, der weiterhin neben der Superbike-DM auch die Supersport 600-DM anführt.
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Straßen-DM Sachsenring (Archivversion) - Ergebnisse

125 cm³: 1. Mike Baldinger, 15 Runden in 28.02,18 min ( = 115,018 km/h), 2. Christian Kellner, beide Honda, 3. Emanuel Buchner, Aprilia, 4. Markus Hollenstein (CH), 5. Alexander Hofmann, beide Yamaha, 6. Engelbert Hierl, Honda, 7. Bernhard Absmeier, Aprilia, 8. Markus Ober, Honda, 9. Josef Lutzenberger, Yamaha, 10. Steve Jenkner, 11. Georg Koliha (A), beide Aprilia, 12. Benjamin Weiß, 13. Sirko Wache, beide Honda, 14. Katja Poensgen, Yamaha, 15. Oliver Kohlinger, Honda;Schnellste Runde: Hollenstein in 1.50,45 min ( = 116,784 km/h);DM-Stand: 1. Kellner, 65 Punkte, 2. Lutzenberger 43, 3. Buchner 36, 4. Hierl 31, 5. Baldinger 29;250 cm³: 1. Matthias Neukirchen, Yamaha, 27.04,25 min ( = 119,120 km/h), 2. Michael Schulten, Aprilia, 3. Jürgen Oelschläger, 4. René Schmidt, 5. Evren Bischoff, 6. Killian Bühlmann (CH), 7. Thorsten Lackner, 8. Kai Schlieper, alle Honda, 9. Bohumil Stasa (CZ) Aprilia, 10. Andreas Wanninger, 11. Hanspeter Mühlebach (CH), 12. Jochen Raible, 13. Norman Rank, alle Honda, 14. Johannes Leber, Yamaha, 15. Alexander Folger, Aprilia;Schnellste Runde: Schulten in 1.46,67 min ( = 120,922 km/h);DM-Stand: 1. Schulten 58, 2. Neukirchen 54, 3. Bernd Kassner, Aprilia 36, 4. Oelschläger 35, 5. Folger und Jürgen Lingg, Honda, je 31;Supersport 600: 1. Bernhard Schick, 27.40,56 min ( = 116,516 km/h), 2. Ralph Stelzer, beide Ducati, 3. Michael Eberle, Kawasaki, 4. Jürgen Teuchert, Yamaha, 5. Volker Bähr, 6. Ferdinand Franz, 7. Tobias Mauch, alle Kawasaki, 8. Hans-Peter Meyer, 9. Maurizio Bäumle (CH), 10. Wolfgang Geißler, alle Ducati, 11. Robert Hueber, Kawasaki, 12. Stefan Holz, Honda, 13. Jürgen Geißler, Kawasaki, 14. Thomas Franz, Ducati, 15. Detlef Karthin, Bimota;Schnellste Runde: Schick in 1.49,19 min ( = 118,131 km/h);DM-Stand: 1. Schick 66, 2. Eberle 47, 3. Stelzer 33, 4. Toni Heiler, Kawasaki, 29, 5. Thomas Körner, Ducati, 25;Superbike: 1. Lauf: 1. Christer Lindholm (S) Ducati, 26.49,99 min ( = 120,175 km/h), 2. Roger Kellenberger (CH) Honda, 3. Andreas Meklau (A) Ducati, 4. Jochen Schmid, Kawasaki, 5. Schick, 6. Michael Rudroff, 7. Andreas Hofmann (CH), beide Suzuki, 8. André Friedrich, 9. Anton Gruschka, beide Yamaha, 10. Jörgen Hallinder (S) Suzuki, 11. Franz Einberger, Yamaha, 12. Thomas Ochsenreiter, 13. Heinz Platacis, beide Kawasaki, 14. Bernd Caspers, Suzuki, 15. Harry Fath, Ducati;2. Lauf: 1. Lindholm, 26.36,59 min ( = 121,184 km/h), 2. Kellenberger, 3. Schmid, 4. Meklau, 5. Udo Mark, Yamaha, 6. Rudroff, 7. Schick, 8. Brian Morrison (GB) Ducati, 9. Herbert Kaufmann, Yamaha, 10. Friedrich, 11. Ochsenreiter, 12. Einberger, 13. Fath, 14. Platacis, 15. Patrick Leuthard, Kawasaki;Schnellste Runde: Lindholm in 1.45,34 min (122,449 km/h);DM-Stand: 1. Schick 91, 2. Kellenberger 78, 3. Lindholm 75, 4. Schmid 74, 5. Morrison 68, 6. Meklau 46, 7. Mark 40.

Supersport 750-Cup (Archivversion) - Action Team

Er startet für das »MOTORRAD Action Team«, unser Redaktionskollege Gerhard Lindner. Und der Name war auf dem Sachsenring mal wieder Programm. Von Startplatz drei in das dritte Rennen zum deutschen Supersport 750-Cup gestartet, wurde »Gegesch« schon in der ersten Kurve von einem stürzenden Kollegen mit zu Boden gezwungen. Aber Lindner packte seine Suzuki wieder bei den Hörnern, als 34. und Letzter. Am Ende der 15 Runden aber mußte seine Boxencrew nur noch bis acht zählen. Gegesch hatte 26 Plätze gut gemacht, mehr als 20 davon durch saubere Überholmanöver. Und am Ende bekam er noch ein kleines Geschenk. Der viertplazierte Jonnie Ekerold sowie der überlegene Sieger Bernd Caspers wurden disqualifiziert, der MOTORORAD-Mann rückte gar noch auf Rang sechs vor. Neuer Sieger wurde Norbert Fritz vor seinen Suzuki-Kollegen Josef Sattler und Alexander Schaden. In der Gesamtwertung führt weiter der verletzte Claus Ehrenberger mit 50 Punkten vor Sattler und Schaden, je 43. Lindner ist mit 26 Punkten Sechster.

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