Straßen-DM-Auftakt in Hockenheim (Archivversion) Da schau her

In Hockenheim begann eine neue Ära im deutschen Straßenrennsport: ohne die bisherige Top-Klasse Superbike, dafür mit den neuen Superstock-Big-Bikes und einigen Überraschungen. Grund genug, die DM 2000 genau in Augenschein zu nehmen.

Über den Winter hatte die Straßen-DM nicht nur ihre Topkategorie, sondern auch die großzügige Unterstützung der meisten Importeure sowie die Fernsehübertragungen verloren – da befürchteten viele in der Szene den Absturz in die Motorsport-Steinzeit, vor allem angesichts des jämmerlichen Saisonfinales im vergangenen Herbst in Assen.Das erste DM-Rennen im neuen Jahrtausend auf dem kleinen Kurs in Hockenheim brachte dann aber trotz verschwindend geringer Zuschauerzahl nicht den endgültigen Todesstoß des deutschen Motorradsports. Der fröhliche Aufbruch in paradiesische Zeiten, wie er wohl von den leuchtend gelben Polohemden der Funktionsträger des Deutschen Motor Sport Bundes (DMSB) symbolisiert werden sollte, war es jedoch auch nicht.Zunächst zum Sport. Gleich vier Fahrer sorgen mit den neuen Yamaha-Production-Racer TZM 250 für ganz massive Belebung der Viertelliter-Traditionsklasse. Die Juniorabteilung des Yamaha-Kurz-Grand-Prix-Teams mit 125er-Meister Dirk Reissmann und dem 17-jährigen Philipp Hafeneger hat sich den DM-Titel ebenso auf ihre Fahnen geschrieben wie der von Honda umgestiegene Dirk Heidolf.Klassischer Gegner der wilden Yamaha-Junioren ist Matthias Neukirchen aus dem Docshop-Team. Der von Aprilia zu Yamaha zurückgekehrte Routinier hatte zunächst schwer zu kämpfen. Dirk Heidolf etwa war schon fast uneinholbar entschwunden, bis an seiner Yamaha ein Kolbenring brach und den überaus traurigen Sachsen auf Rang sieben zurückwarf. Als dann noch in der letzten Runde Reissmann zusammen mit dem tschechischen Aprilia-Helden Bohumil Stasa stürzte, war kein Gegner mehr da für Neukirchen. Jung-Philipp Hafeneger und der Österreicher Michael Witzeneder als Ehrenretter für Honda folgten mit Respektabstand auf den Plätzen.Mehr Grund zum Feiern hatte Honda-Pressechef Klaus Wilkniß beim 125er-Rennen. Hinter dem überlegenen Sieger Jarno Müller aus dem ADAC-Junior-Team fuhren noch acht weitere Honda RS 125 ins Ziel, angeführt von Achim Kariger und dem Dänen Robin Harms. So konnte Wilkniß mit großer Freude seine Schecks verteilen. Denn Honda hatte am Vorabend der DM-Premiere völlig überraschend ein Förderkonzept vorgestellt, dass den ersten fünf eines jeden DM-Rennens, sofern sie Honda-Fahrer sind, Prämien zwischen 300 und 1000 Mark zusichert. Am Saisonende kann sich ein deutscher Meister auf Honda 10000 Mark in die taschen stecken. Ein ähnlich lobenswertes System existiert übrigens schon länger für Suzuki-Fahrer.Weniger erfreut als über die 1300 Extra-Mark für seine Fahrer Jarno Müller und den fünftplazierten Claudius Klein war ADAC-Junior-Teamchef Stefan Kurfiss über den DMSB. »Jarnos Manager Thomas Reister, der ja auch mit Heinz-Harald Frentzen in der Formel 1 zusammenarbeitet, hatte den regionalen Fernsehsender BTV für ein Teamporträt gewonnen«, schilderte der Ex-Rennfahrer, »und plötzlich wollen Leute vom DMSB Geld für Übertragungsrechte sehen. Das ist doch lächerlich. Wir können froh sein, wenn überhaupt über die DM berichtet wird.«Ebenfalls eigenartig berührt vom Finanzgebaren des DMSB fühlte sich Detlef Karthin. Für sein Yamaha-Supersport-Team mit Evergreen Toni Heiler und dem jungen Angreifer Stefan Nebel hat der Dusiburger mit der Firma Fuji-Film einen renomierten, branchenfremden Hauptsponsor gewonnen. In der Karthin-Box hing eine Web-Cam, die alle fünf Minuten ein Livebild auf die Fuji-Internetseite übertrug. Und auch hier wollten die DMSB-Gewaltigen um Motorradsport-Geschäftsführer Jürgen Lamberty abkassieren. Schließlich handele es sich um eine Quasi-Live-Sendung. »Ich bringe hier einen großen Sponsor in die Szene«, echauffierte sich Karthin, »und der DMSB tut alles, dass der sich so unwohl wie möglich fühlt.« Die Web-Cam blieb – vorläufig – hängen.Das Supersport-Rennen selbst war ebenfalls nicht erfreulich für Karthins Film-Crew. Stefan Nebel stürzte bereits ausgangs der allerersten Kurve und zog sich Brüche im Handgelenk, der Schulter sowie eine ausgerenkte Hüfte zu. Toni Heiler klagte über mangelnden Grip der Reifen und wurde nur Achter. An der Spitze machten die Suzuki-Fahrer Stefan Scheschowitsch, Europameister von 1992, und Herbert Kaufmann, im gleichen Jahr Deutscher Serienmaschinenmeister, die Sache unter sich aus. Scheschowitsch zeigte sich beim Überrunden auf dem kleinen Kurs in Hockenheim gnadenloser und holte so die entscheidenden anderthalb Sekunden heraus. Nach dem Rennen hatte es der Schwabe in Diensten des Steinhausen-Racing-Teams immer noch eilig: »Ich muss blitzartig nach Hause, meine Tochter hat doch heute Erstkommunionfeier.«Die Premiere der Superstock-Klasse, Serienmaschinen bis 1000 cm3, wurde eine klare Sache für Claus Ehrenberger und seine Suzuki GSX-R 750. Der Lokalheld aus der Nähe des Hockenheimrings war vorher schon Siebter im Supersport-Rennen geworden und offenbar gut aufgewärmt. Weder sein Markenkollege Markus Wegscheider aus Südtirol noch Frank Heidger auf einer Yamaha R1 konnten Ehrenberger gefährden.Völlig überraschend blieb Scheschowitschs Triumph der einzige Sieg für das Steinhausen-Team. Denn Titelvertiger Jörg Steinhausen musste mit seinem brandneuen Gespann mit Suzuki-Hayabusa-Motor schon in der Startrunde mit Getriebschaden aufgeben. So siegten unerwartet Mike Roscher und Torsten Gries. Da schau her.

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