Straßen-DM-Finale Hockenheim (Archivversion)

Der doppelte Lindholm

Alle sahen doppelt in der Ehrenrunde des Superbike-DM-Finals in Hockenheim. Christer Lindholm schien gleichzeitig auf zwei Bikes seinen Meistertitel zu feiern. Wer spielte seinen Zwillingsbruder?

Der DM-Titel war schon drei Wochen vorher auf dem A1 Ring-Austria unter Dach und Fach. Aber die große Party von Christer Lindholm und seinem DNL-Ducati-Deutschland-Team fand erst beim Finale in Hockenheim statt. Und zwar bereits auf der Strecke, noch vor dem großen offiziellen Pro Superbike-Abschlußfest am Abend.Nach überlegener Trainingsbestzeit siegte Lindholm im ersten Rennen, nachdem er Yamaha-Mann Udo Mark und den entthronten Meister Jochen Schmid auf Kawasaki niedergerungen hatte. Während seine Konkurrenten zwischen den beiden Rennen sich die Köpfe hauptsächlich über die auf der Gummi-mordenden Strecke von Hockenheim besonders sensible Reifenwahl zerbrachen, geschah mit Lindholms Kopf etwas ganz anderes. Mit knallgelben Haaren erschienen er und seine Mechaniker zum zweiten Start, und Lindholm ließ durchblicken: »Alles, was jetzt gelb ist, kommt heute noch runter, wenn ihr genug bezahlt.« Denn mit der haarigen Aktion hatte das Team um Manager Wolfgang Zeyen eine Spende zugunsten einer Kinderkrebsklinik verbunden. Das zweite Rennen selbst wurde von der gelben Gefahr kaum beeinflußt, war aber stärker besetzt als das erste. Denn die beiden Streiter um den Supersport 600-Titel, Bernhard Schick und Ralph Stelzer, haten zwar auch im Superbike-Feld trainiert, ließen aber das erste Rennen aus, um alle Kraft in ihren Titelfight zu legen, der eine Woche zuvor in Assen vertagt worden war, weil Tabellenführer Schick einfach hinter Stelzer hergefahren war und nicht die vorzeitige Entscheidung gesucht hatte. Mit der gleichen Taktik holte Schick in Hockenheim als Fünfter im Rennen hinter Stelzer den Titel, während der abdankende Supersport-Meister Tom Körner seine Ducati zum überlegenen Sieg trieb. Schon in Assen konnte sich Michael Schulten auf seiner Aprilia als 250er Meister feiern lassen. Es genügte Rang zwei hinter dem Holländer Bolwerk, da Konkurrent Bernd Kassner nur Vierter wurde.Jochen Schmid war dies alles egal. Er brauste im zweiten Superbike-Rennen auf und davon und siegte völlig unangefochten. Er hatte wohl zwischen den beiden Rennen die Reifenaufgabe am besten gelöst.Meister Lindholm hielt sich zunächst zurück und ließ Udo Mark sowie Promotor-Power Horse-Ducati-Fahrer Andreas Meklau den Vortritt, bevor er gegen Rennende noch auf Rang zwei vor Meklau und Mark vorzog. In der Auslaufrunde waren plötzlich zwei Lindholms unterwegs, einer auf dem Rennmotorrad mit der Nummer zwei und einer auf einer identischen Ducati, aber mit der Startnummer eins des neuen Meisters. Und beide brieten in typischer Lindholm-Manier mit gewaltigen Burn-outs in das Motodrom. Selbst der erfahrene Streckensprecher Hubert Schweizer verlor für einmal den Überblick und verdächtigte zunächst Jochen Schmid und später Andreas Meklau als Co-Burn-outer.Die waren aber schon längst an den Boxen, als der doppelte Christer endlich zur Siegerehrung erschien. Auf dem Nummer zwei-Bike saß inzwischen Owen Coles. Der australische Ex-Rennfahrer, heute Mechaniker im DNL-Team, hatte die Maschine mit der Nummer eins nach dem Rennen auf die Strecke geschmuggelt und dann mit dem Meister getauscht.Dieser Doppler-Effekt, der den für ein Saisonfinale eher spärlichen 3500 Zuschauern großen Spaß brachte, war jedoch beileibe nicht das einzige Verwirrspiel in Hockenheim. Phasenweise kam der Eindruck auf, die Rennen bildeten nur die Kulisse, hinter der viel größere Dinge vorgingen. Transfergerüchte jagten sich im Überschalltempo. Lediglich zwei der bekannteren Fahrer sind dabei außen vor. Der dreifache Meister Andreas Hofmann beendet seine Karriere: »Ich bin jetzt 41 Jahre alt, und diesmal ist die Altersangabe ehrlich«, grinste der ewig junge Schweizer etwas wehmütig.Der andere vom Transferkarussell weitgehend unberührte ist Jochen Schmid. »Das Team Green Kawasaki Deutschland wird unverändert in die Saison 1997 gehen«, erklärte Teamchef Manfred John schon zu Beginn der Veranstaltung kategorisch. Vielleicht ist das aber nur die halbe Wahrheit. Denn John selbst dementiert nicht, daß es ernsthafte Überlegungen in Japan gibt, das Kawasaki-Werksteam für die Superbike-WM auch von Deutschland aus zu steuern - ebenfalls im Verantwortungsbereich von John.Vielmehr Wirbel brandet um das Suzuki Deutschland-Team. Verkaufsleiter Bert Poensgen, dessen Tochter Katja übrigens ein vielversprechendes Superbike-Debüt auf der zweiten DNL-Ducati gab - Rang 16 im zweiten Lauf und Motorschaden auf ähnlicher Position im ersten - hat Meister Lindholm ein Angebot unterbreitet, das, so Poensgen, »schon unverschämt gut ist«. Lindholm bestätigt dies, will jedoch die Entscheidung um seinen Platz im Ducati-Werks-Team abwarten. Unabhänig davon will die Brauerei Hasseröder nicht nur als Titel-Sponsor für die gesamte Pro Superbike-Serie einsteigen, wofür die Verträge zur Unterschrift bereit sind, sondern auch bei Suzuki Deutschland. Hasseröder ist aber nur dann an Suzuki interessiert, wenn dort ein deutscher Fahrer fährt. Der wiederum könnte nur Udo Mark heißen. Da Suzuki nächstes Jahr mit zwei Fahrern plant, könnte hier ein Superteam Lindholm/Mark entstehen. Allerdings nur, wenn sich die beiden Herren zutrauen, die trotz respektablen Fahrern wie Andreas Hofmann und Marcel Kellenberger in Hockenheim ohne DM-Punkte gebliebene GSX-R zum Sieger-Bike zu machen.Udo Mark selbst will sich noch nicht entschließen: »Weiterhin Priorität hat das Projekt GP 500 mit einer Honda V2 und Hein Gericke. Aber wenn wir bis zur IFMA da nichts im Kasten haben, müssen wir uns neu orientieren, mich gibt’s jedoch immer nur mit Hein Gericke.« Die Möglichkeiten sind: Pro Superbike mit Suzuki Deutschland, Supersport 600-Weltcup mit Suzuki, die Wiederauferstehung des Thunderbike-Meister-Teams mit Peter Rubatto und Kawasaki, ebenfalls im Supersport-Weltcup. Oder einfach weiter mit Yamaha-Deutschland, wie gehabt. Yamaha-Teamchef Hayri Winter geht noch weiter: »Für mich ist klar, daß Udo Mark bei uns bleibt.“
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»Vielleicht ist es gar kein Nachteil, daß ich nicht mehr der Allerjüngste bin.« Dies sagt ein 24jähriger, der gerade deutscher Meister in der 125er Klasse geworden ist und erzeugt damit zunächst Verwunderung. Aber Christian Kellner erklärt sich: »Einige meiner Konkurrenten haben in etwa den gleichen Werdegang hinter sich wie ich und sind doch einige Jahre jünger. Aber ich glaube, speziell bei den Entscheidungen, die jetzt anstehen, hilft es mir, schon ein bißchen älter und vielleicht auch reifer zu sein.«Denn die nächste Zukunft des Top-Fahrers aus dem Hein Gericke-Castrol-Junior-Team kann sehr wichtig werden für seinen weiteren Werdegang. Der Bayer, der außerdem in der 125er EM auf Rang fünf liegt, will ab 1997 Grand Prix-Rennen fahren. »Und am liebsten mit meinem bestehenden Team, also mit Hein Gericke, Honda und Techniker Stefan Kurfiss.«Die Aktien stehen trotz der Verringerung der GP-Fixstarter auf 24 Fahrer pro Klasse nicht schlecht für den gelernten Schreiner. Durch eine Zusammenarbeit von Hein Gericke und dem United Grey Team könnte ein Parallel-Team entstehen, auf der einen Seite die bereits bestehende und erfolgreiche Mannschaft um Teamchef Mario Rubatto und Barcelona-GP-Sieger Manako und dazu eben die Aufsteiger-Crew mit Techniker Kurfiss und Christian Kellner. »Die Verhandlungen mit UGT-Chef Rolf Schindler laufen positiv, und wir sind sehr optimistisch, daß wir für die GP-Saison 1997 zusammenkommen«, so Hein Gericke-Teamkoordinator Thomas Schwarz dazu. So könnte Christian Kellner nach dem ADAC-Junior-Cup 1994 und zwei Jahren in der 125er DM schon in seinem vierten Rennjahr in die WM aufsteigen.

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»Nein, nein, es ist gar nicht mein erster Titel«, wiegelt 250er Champion Michael Schulten die Gratulanten mit dem »Toll, daß du es endlich geschafft hast«-Gesichtsausdruck ab. Und tatsächlich, der heute 32jährige konnte gleich in seinem ersten Rennjahr feiern. 1983 wurde er auf einer Yamaha RD 500 Gesamtsieger des Motorrad-Rallye-Pokals. »Dann mußte ich die A-Lizenz nehmen«, blickt Schulten zurück, der sich über all die Jahre als Amateur-Fahrer gesehen hat, »und bin in die 350er DM eingestiegen.«Nach einer Reihe von Spitzenplätzen des Bergbau-Hydraulikers wurde Ende 1987 die 350er Klasse aus dem DM-Programm genommen, Schulten wechselte mit einer Bakker-Rotax zu den Viertellitern. Und in dieser Katagorie entstand dann das Bild vom sympathischen Underdog-Helden, der mit unterlegenem Material phasenweise unglaubliches vollbringen konnte. Vor allem in den Jahren 1991 bis 1995, als Michael Schulten mit dem Rotax-befeuerten Eigenbau-Gitterrohrrahmen seines Freundes und Mechanikers Günter Dreier gegen die sündhaft teuren japanischen Production Racer der Konkurrenz antrat wie Don Quichote gegen die Windmühlen. 1994 reichte es sogar zu einer Wild Card-Teilnahme beim deutschen Grand Prix.Für die Saison 1996 konnte Schulten wohl erstmals überhaupt über ein voll konkurrenzfähiges Bike verfügen. »Ein Freundeskreis finanzierte mir mit zahlreichen kleineren Geldbeträgen den Erwerb einer 1994er Aprilia RSV 250.« Und schon war der Meister-Titel da. Da stellt sich die Frage, was alles hätte passieren können, wenn Michael Schulten irgendwann doch Profi-Rennfahrer geworden wäre.

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Am Anfang war er der Buhmann bei den Superbikern, weil er die Streikbrecher-Front beim Nürburgring-Rennen im Mai anführte, und jetzt kann Bernhard Schick den DM-Titel in der Supersport 600-Klasse feiern. Diese beiden Ereignisse sind symptomatisch für die 1996er Saison des TÜV-Ingenieurs. Mit großem Elan in die Superbike-DM eingestiegen, betrieb er die Supersport-Rennen zunächst nur nebenbei. »Aber dann kam das Theater um das Nürburgring-Rennen«, denkt Schick zurück, »dazu kommt, daß du als Ducati-Privatteam schon für die Superbike-DM nicht mehr genügend Geld auftreiben kannst, um wirklich ernsthaft um die Spitze mitzufahren.« So legte der in Bayern wohnende Odenwälder gegen Mitte der Saison den Schwerpunkt auf die Supersport-Klasse, verzichtete zugunsten des DM-Laufes in Brünn auf die Superbike-Rennen in Zolder, und holte sich den Titel, wie es sich für einen bekanntermaßen sehr analytischen Menschen gehört. Den genauen Punktestand zwischen ihm selbst und seinem Meisterschaftskonkurrenten Ralph Stelzer sowie alle Eventualitäten stets abrufbar im Kopf, folgte Schick mit seiner Bohnhorst-Ducati der schwarzen UGT-Duc während den beiden letzten Rennen in Assen und Hockenheim wie ein Schatten und rollte beim Finale unmittelbar hinter Stelzer als neuer Meister über die Linie.Und vielleicht bleibt es für Bernhard Schick nicht der einzige Grund zu feiern. Denn Schicks Freundin Elli Bindrum liegt im Supermono-Europacup vor dem Finale in Albacete mit ihrer Werks-MuZ auf Platz vier, durchaus noch mit Titelchancen. Dort wird das Ergebnis der Analyse allerdings »Angriff« heißen müssen.

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Siebenmal war Christer Lindholm schwedischer Meister. »Aber das kannst du nicht vergleichen. Bei uns zu Hause ist das Niveau nicht so hoch wie hier in Deutschland, in England oder Italien, das sind reinrassige Amateur-Serien«, relativiert der 30jährige, der wohl zur Zeit der einzige Skandinavier ist, der vom Motorradrennfahren leben kann, seine beeindruckende Titelsammlung. Und so ist der Superbike-DM-Titel für Lindholm twas ganz Sezielles. Nicht nur, weil er ihn auf seiner DNL-Ducati mit neun Einzelsiegen überlegen gewonnen hat, sondern auch, weil der Schwede sich 1994 ja schon einmal als Meister fühlen durfte, bis es dem deutschen Motorradsportverband OMK lange nach Ende der Saison endlich gelang, einen Rechtstreit zu beenden, welcher den Titel dann doch noch Udo Mark zusprach. So standen auf Lindholms DM-Konto bislang nur zwei Vizetitel, 1994 und 1995 mit Yamaha. Nicht gerade ideal für einen Menschen, der von sich verlangt, »daß es immer einen Schritt vorwärts geht«.Ob der sympathische Schwede, der auf der idyllischen Mini-Insel Gällstaö an der westlichen Peripherie von Stockholm lebt (ein ausführliches Porträt erscheint in Heft 24/1996), die Meisterschaft im nächsten Jahr auch verteidigen wird, ist noch nicht klar. Denn neben DM-Angeboten von Ducati und Suzuki lockt auch Ducati-Boß Claudio Castiglioni, der Christer Lindholm gern auf einer Werks-996 in der WM sehen würde, samt seinem kompletten DNL-Team. Und dies wäre tatsächlich ein, noch dazu recht großer Schritt vorwärts.

Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³ Assen: 1. Reinhard Stolz, 2. Christian Kellner, beide Honda, 3. Markus Hollenstein (CH) Yamaha;DM-Endstand: 1. Kellner, 173 Punkte, 2. Josef Lutzenberger, Yamaha, 118, 3. Markus Ober, 118.250 cm³ Assen: 1. Maurice Bolwerk (NL), 2. Peter Koller, beide Honda, 3. Michael Schulten, 4. Bernd Kassner, beide Aprilia, 5. Kai Schlieper, Honda;DM-Endstand: 1. Schulten, 187, 2. Kassner 170, 3. Matthias Neukirchen, Yamaha 119;Supersport 600 Assen: 1. Herbert Kaufmann, Yamaha, 2. Ralph Stelzer, 3. Bernhard Schick, beide Ducati, 4. Michael Eberle, 5. Volker Bähr, beide Kawasaki;Supersport 600 Hockenheim: 1. Thomas Körner, Ducati, 2. Jörg Teuchert; Yamaha, 3. Stefan Scheschowitsch, Kawasaki, 4. Stelzer, 5. Schick;DM-Endstand: 1. Schick 182, 2. Stelzer 176, 3. Eberle 138;Superbike Hockenheim: 1. Lauf: 1. Christer Lindholm (S) Ducati, 2. Udo Mark, Yamaha, 3. Jochen Schmid, 4. Rob Phillis (AUS), beide Kawasaki, 5. Andreas Meklau (A) Ducati, 6. Kaufmann, 7. Roger Kellenberger (CH) Honda, 8. Michael Paquay (B) Ducati;2. Lauf: 1. Schmid, 2. Lindholm, 3. Meklau, 4. Mark, 5. Phillis, 6. Michael Rudroff, Suzuki, 7. Kellenberger, 8. Paquay;DM-Endstand: 1. Lindholm 268,5, 2. Schmid 203, 3. Mark 194, 4. Meklau 186,5. 5. Brian Morrison (GB) Ducati 173, 6. Kellenberger 151,5.

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