Straßen-DM-Finale in Hockenheim (Archivversion) Ende oder Wende?

Die Entwscheidung der letzten drei deutschen Meistertitel fiel beim Finale in Hockenheim vergeben. Die Entscheidung über die Zukunft der Meisterschaft insgesamt aber wurde vertagt.

Sie arbeiteten in einer Box, nur durch eine Stoff-Trennwand mit ihren Sponsoraufschriften getrennt. Das Docshop-Team mit 250er-DM-Tabellenführer Matthias Neukirchen und das Freudenberg-Racing-Team um Verfolger Dirk Heidolf sahen die finale Entscheidung um den traditionsreichen Titel in der Viertelliter-Klasse offensichtlich als freundschaftliche Auseinandersetzung.Die Situation war ja auch alles andere als verzwickt. Der 24-jährige Sachse Heidolf, mit 16 Punkten Rückstand in Hockenheim angetreten, musste versuchen, seinem zehn Jahre älteren Yamaha-Markenkollegen und dem gesamten restlichen Feld auf und davon zu fahren. Und erst, wenn Neukirchen weiter als auf Rang sechs zurückfallen würde, ginge der Titel nach Sachsen.Heidolf erledigte seinen Teil der Arbeit mit der sicheren Pole Position und der Führung im Rennen ganz im Sinne der Vorgaben, aber nur bis in die dritte Runde. Ausgangs der Sachskurve öffnete sich eine Schelle an der Kühlwasserleitung der Freudenberg-Yamaha, und der völlig überraschte Dirk Heidolf rutschte auf der eigenen Kühlflüssigkeit aus und brach sich bei einem Highsider-ähnlichen Sturz die linke Schulter.»Danach war die Spannung weg«, resümierte Meister Neukirchen, »aber zunächst auch die Konzentration. Ich musste meinen Rhythmus wieder ganz neu finden. Und das ist in der 250er-DM gar nicht so einfach. Durch die Zusammenlegung mit den B-Lizenzfahrern fährst du auf einer so kurzen Strecke wie hier in Hockenheim dauernd Slalom. Und die Nachzügler sind zum Teil so langsam, das es richtig gefährlich wird.« Tatsächlich wurde Neukirchen von einem Überrundeten fast abgeschossen.Den Sieg beim letzten Rennen der Saison musste der Meister aus Unterfranken allerdings Honda-Fahrer Christian Gemmel überlassen. Der 22-Jährige holte sich in Hockenheim den dritten Triumph in Folge und konnte sich damit noch am unglücklichen Heidolf vorbei auf den DM-Gesamtrang zwei schieben.Im Gegensatz zur 250er-Klasse stach bei den 125ern das As aus Sachsen. Jarno Müller aus dem ADAC-Junior-Team musste zwar sieben Punkte auf Seel-Honda-Fahrer Achim Kariger gutmachen. Dieses Vorhaben war aber zu keiner Phase des Rennens gefährdet. Zusammen mit seinem Erzrivalen aus der Europameisterschaft, dem Tschechen Jakub Smrz, enteilte Müller schon frühzeitig dem Feld und damit dem Zugriff des Hessen Kariger, dem auch die Anwesenheit und moralische Unterstützung seines Vorgängers im Seel-Team, Grand-Prix-Star Klaus Nöhles, nicht helfen konnte. Jarno Müller konnte letztlich sogar den Fight mit Smrz vorzeitig beenden und locker als Zweiter und neuer Meister ins Ziel rollen, denn Kariger kam nicht über Rang fünf hinaus.Nach dem Motto »Einer kam durch« erledigte sich die Entscheidung um den DM-Titel der Gespanne von ganz alleine. Hinter dem einsam zum Sieg cruisenden Weltcup-Team Jörg Steinhausen/Christian Parzer, in diesem Jahr in der DM ohne Ehrgeiz und nur sporadisch dabei, fuhren zunächst Wolfram Centner/Guido Rodler sicher auf Rang zwei und damit zur Meisterschaft, bis in der vierten Runde ihr LCR-Suzuki-Gespann schlapp machte.Die Tabellenführer Mike Roscher/Torsten Gries auf Rang drei hatten damit keine Gegner im Titel-Kampf mehr, vorausgesetzt, sie würden nicht das Schicksal ihrer Hauptgegner teilen. Aber alles lief glatt für Roscher/Gries. Nach dem Ausfall des Teams Becker/Abel zwei Runden vor Schluss, die ebenfalls noch theoretische DM-Chancen hatten, war die Meisterschaft schon gewonnen, noch bevor die beiden als Vierte ins Ziel rollten.Weniger gemächlich ging es in der Supersport-Klasse zu, wenngleich die Titelentscheidung zugunsten von Schäfer-Suzuki-Fahrer Herbert Kaufmann bereits beim vorletzten Rennen auf dem Eurospeedway Lausitz gefallen war. Der Meister wurde im Kampf um den Sieg vom jungen Angreifer Stefan Nebel auf der Fujifilm-Karthin-Yamaha ganz gewaltig belästigt. Nebel, nach einem schweren Sturz auf der badischen Rennstrecke zu Saisonbeginn in der DM-Tabelle weit zurück, aber als Sieger des letzten Rennens in der Lausitz mit großem Selbstvertrauen angereist, begeisterte die nicht allzu zahlreichen Fans im Motodrom mit Bremsmanövern vor der Sachs-Kurve, die denen eines Garry McCoy nur wenig nachstanden. »Eigentlich wollte ich den Herbert erst in der letzten Runde, dann aber entscheidend angreifen«, so Nebel, »doch als ich merkte, dass Michael Schulten mit Überschall von hinten heranflog, habe ich mir gedacht: Nichts wie weg.«Und der gute Stefan hatte recht. Denn Altmeister Schulten fuhr auf seiner Laaks-Yamaha nach einem wieder einmal verschlafenen Start ein Drei-Sekunden-Loch zwischen dem Verfolgerfeld und dem Spitzenduo in kürzester Zeit zu. In der letzten Runde dann schnappte sich der unwiderstehliche Schulten tatsächlich noch den Zweiten. Doch der hieß inzwischen nicht mehr Stefan Nebel, sondern Herbert Kaufmann.Wie Kaufmann bei den 600ern-Supersportlern stand Claus Ehrenberger bereits als Superstock-Meister fest. Der Lokalheld, er lebt nur rund 30 Kilometer von Hockenheim entfernt, hatte dennoch einen ganz besonderen Ehrgeiz. Ehrenberger war vor dem Finale in Hockenheim noch ungeschlagen. Nach zunächst heftigster Gegenwehr und auch rundenlager Führungsarbeit von Vizemeister Norbert Fritz auf Kawasaki konnte der Champion seinen Nimbus erhalten und siegte noch recht deutlich.Obwohl die »Internationale deutsche Motorradmeisterschaft« (IDM) im Jahr eins nach dem Ende der Pro Superbike-Ära schwere Zeiten durchmachte und mit schwindendem Zuschauer- wie Sponsoreninteresse ebenso zu kämpfen hatte wie mit einem nicht mehr zeitgemäßen Veranstaltungsformat mit gähnenden Längen zwischen den Rennen, wächst die Hoffnung auf eine wesentlich bessere Zukunft. Die in Hockenheim geplante Präsentation der IDM in ihrer neuen Form wurde zwar auf den 5. Oktober verschoben. Unter der Federführung der in der Superbike-WM als Promoter äußerst erfolgreichen Flammini-Group soll ab nächstem Jahr aber dennoch alles gut werden.

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