Straßen-DM in Most/CZ (Archivversion)

Hexensabbat

Am Samstag abend nach dem Training verfluchte Christer Lindholm sein verhextes Motorrad. Schließlich aber schenkte ihm die höhere Magie einen Doppelsieg.

Am Samstag abend war die Stimmung des sonst meist gutgelaunten Christer Lindholm nicht gerade überragend. »Wir haben die Hokus Pokus-Lady im Motorrad«, umschrieb der Schwede in seinem immer besser werdenden Deutsch das ihm gerade entfallene Wort »Hexe«.Denn trotz des einigermaßen standesgemäßen Startplatz drei hinter Kawasaki-Deutschland-Fahrer Jochen Schmid und Andreas Meklau auf seiner Red Bull-Ducati war die Verwirrung groß im Yamaha Deutschland-Team. Völlig unvermittelt hatten Elektrikdefekte eine der beiden Lindholm-Yamaha YZF 750 überfallen. »Aber zwischendurch ist wieder alles in Ordung, und ich kann mit dem Ding sogar schneller fahren als mit der anderen Maschine, die fehlerfrei läuft«, versuchte Lindholm, der Elektromagie nachzuspüren.Zur Sicherheit »nicht mit dem Magic-Bike« zog der deutsche Meister in der zweiten Hälfte des ersten Rennens auf der bekannt holprigen Piste von Most der Konkurrenz unwiderstehlich davon. Lediglich der Österreicher Andreas Meklau konnte anfangs dagegenhalten und lag für einige Runden in Führung. Ganz am Schluß mußte Lindholm zwar der Entscheidung Tribut zollen, mit vergleichsweise weichen Michelin-Reifen gestartet zu sein. »Aber es reichte noch, um den Andy zu kontrollieren«, so Sieger Lindholm. »Der hat mir ganz gewaltig eingeheizt. Wir sind bereits in der zweiten Runden schneller gefahren als im Training.«Hinter Lindholm und Meklau krönte Jochen Schmid mit seiner Kawasaki seine Aufholjagd mit dem letzten Podestplatz. »Der Start selber war ja noch o.k.«, grantelte der Schwabe, »aber in der ersten Schikane, die ja hier Most ein bekanntes Nadelöhr ist, wurde ich von Gregorio Lavilla etwas abgedrängt, und schon war ich im Mittelfeld.« Und die Fahrer hinter dem Spitzen-Duo standen diesem im Tempo in nichts nach. Als Suzuki-Vertragsfahrer Udo Mark - »diplomatisch gesprochen, hatte ich zu weiche Reifen« - nichts mehr entgegenzusetzen hatte, war für Schmid der Weg aufs Podest frei.Die Herren Schmid und Mark trafen sich im zweiten Rennen mit umgekehrten Vorzeichen wieder. Diesmal hatte Schmid seine grüne Kawasaki perfekt von der Startlinie gebracht, konnte aber auf Dauer das Tempo des Führungstrios Lindholm, Meklau und Lavilla nicht ganz mithalten. »Es ist etwas mysteriös«, so der Analytiker Schmid, »wenn ich auf das Data Recording schaue, hat eigentlich alles perfekt funktioniert. Aber ich bin ganz vorn einfach nicht mitgekommen. Wir haben wohl momentan gewisse Schwächen in der Beschleunigung.«Ob da wohl die böhmische Hexe von der Yamaha auf die Kawasaki gesprungen war? Udo Mark jedenfalls donnerte von hinten unwiderstehlich an Schmid heran, konnte problemlos vorbeiziehen. »Und dann kamen die Überrundeten«, rapportierte Mark nur knapp. Schmid kam besser durch und fuhr in der vorletzten Runde auf der Zielgeraden wieder an Mark vorbei auf Rang vier. Über die Höchstgeschwindgikeit der Kawa hatte sich Schmid ja nicht beschwert.An der Spitze war derweil der Teufel los. Andy Meklau hatte noch im Parc fermé des ersten Laufs seinem Techniker Charlie Putz kurz und knapp erklärt, was zu tun ist. »Mir san’ z’lang«, waren seinen ersten Worte, noch mit dem Helm auf dem Kopf. Und der Werkstattmeister des österreichischen Ducati-Importeurs BLM fand offenbar die richtigen Zahnräder für das zweite Rennen.Denn es gab für Lindholm nun kein Entrinnen mehr. Meklau war immer und überall. Sein Markenkollege Lavilla durfte sich dies eine Zeit lang direkt aus dem Epizentrum mitansehen, ehe er allmählich in die Langeweile des einsamen dritten Platzes verabschiedet wurde.Die gegenseitigen Überholmanöver zwischen Lindholm und Meklau waren längst ungezählt, als in der letzten Runde die Ducati als erste auf die Doppelrechtskurve vor dem Ziel zu donnerte und Charlie Putz als Gast auf der Aussichtsplattform des Kawasaki Deutschland-Trucks schon den Siegesjodler auf den Lippen hatte. Christer Lindholm aber öffnete eine Tür, die längst geschlossen schien, und tauchte auf der Bremse in Führung. Die brachiale Gewalt der Red Bull-Ducati brachte auf der Zielgeraden Meklau zwar wieder an Lindholms Yamaha heran. Aber die Ziellinie kam zu früh - Lindholm war um drei Hundertstelsekunden vorn, und der Doppelsieg und die neue DM-Tabellenführung unter Dach und Fach. Während Meklau ein wenig mit sich selbst haderte - »einen Gegner wie Lindholm darfst du nicht einen Millimeter Platz lassen« -, blieb der Sieger selbst gelassen und generös: »Eine so knappe Rennentscheidung hast du kaum noch selber in der Hand. Aber diesmal war die Hexe wohl ein bißchen freundlicher zu mir.«Weniger von Hexen als eher von einem magischen Großmeister beherrscht wurde das Supersport 600-Rennen. Yamaha-Laaks-Fahrer Herbert Kaufmann, bislang in der DM punktlos, deklassierte die komplette und nicht gerade namenlose deutsche Weltcup-Fraktion. Die Ducati-Fahrer Thomas Körner, Bernhard Schick und Yamaha-Laaks-Mann Jörg Teuchert blieben nach begeisertendem Infight, nur unterbrochen vom drittplazierten Stefan Scheschowitsch auf Kawasaki, die Plätze zwei, vier und fünf. Etwas ruhiger ging es dahinter zu. Der Sechste Volker Bähr auf Kawasaki hatte ebenso keine Spielkameraden wie hinter ihm Honda-Pilot Jürgen Oelschläger und der über eine schleifende Kupplung an seiner Laaks-Yamaha klagende MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner.Das 125er Rennen gewann DM-Favorit Maik Stief auf der Docshop-Honda vor Yamaha-Fahrer Alexander Hofmann, von dem gern vergessen wird, daß er trotz seiner mittlerweile bereits dritten DM-Saison erst 17 Jahre alt ist, und Emanuel Buchner auf Aprilia. Seinen Heimsieg in der 250er Klasse verpaßte der Tscheche Bohumil Stasa auf Aprilia. Denn gegen die Überlegenheit des schwedischen Honda-Jungstars Johan Stiegefelt war nichts auszurichten. Dritter auf dem Podest und weiterhin DM-Tabellenführer bleibt Honda-Mann Markus Ober.
Anzeige

Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³: 1. Maik Stief, Honda, 14 Runden in 23.22,58 min ( = 149,053 km/h), 2. Alexander Hofmann, Yamaha, 3. Emanuel Buchner, Aprilia, 4. Robbin Harms (DK), 5. Gabor Talmacsi (H), 6. Klaus Nöhles, 7. Tomascz Hlavatka (CZ), 8. Dirk Heidolf, alle Honda, 9. Reinhard Stolz, Yamaha, 10. Attila Magda (H) Aprilia;Schnellste Runde: Talmacsi in 1.38,13 min ( = 152,173 km/h);DM-Stand: 1. Stief, 70 Punkte, 2. Buchner 54, 3. Hofmann 40, 4. Nöhles 29, 5. Heidolf, Baldinger und Perschke, je 27;250 cm³: 1. Johan Stiegefelt (S) Honda, 22.08,41 min ( = 157,375 km/h), 2. Bohumil Stasa (CZ) Aprilia, 3. Markus Ober, Honda, 4. Thorsten Lackner, 5. Michael Schulten, beide Aprilia, 6. Matthias Neukirchen, Yamaha, 7. Marcel Rannacher, 8. Jürgen Lingg, 9. Alexander Frank, 10. Hanspeter Mühlebach (CH);Schnellste Runde: Stasa in 1.33,64 min ( = 159,470 km/h);DM-Stand: 1. Ober 65, 2. Schulten 58, 3. Stiegelfelt 41, 4. Lingg 32, 5. Lackner 25;Supersport 600: 1. Herbert Kaufmann, Yamaha, 22.18,78 min ( = 156,156 km/h), 2. Thomas Körner, Ducati, 3. Stefan Scheschowitsch, Kawasaki, 4. Bernhard Schick, Ducati, 5. Jörg Teuchert, Yamaha, 6. Volker Bähr, Kawasaki, 7. Jürgen Oelschläger, Honda, 8. Gerhard Lindner, Yamaha, 9. Markus Barth, 10. Christian Kellner, beide Suzuki;Schnellste Runde: Teuchert in 1.34,71 min ( = 157,668 km/h);DM-Stand: 1. Körner 45, 2. Teuchert 40, 3. Ralph Stelzer, Honda, 36, 4. Barth 34, 5. Schick 33, 6. Lindner 27;Superbike: 1. Lauf: 1. Christer Lindholm (S) Yamaha, 21.34,21 min ( = 161,534 km/h), 2. Andreas Meklau (A), 3. Jochen Schmid, Kawasaki, 4. Udo Mark, Suzuki, 5. Gregorio Lavilla (E) Ducati, 6. Roger Kellenberger (CH) Honda, 7. Michael Rudroff, Suzuki, 8. Rob Phillis (AUS), 9. Juha Berner (FIN), beide Kawasaki, 10. Anton Gruschka, Yamaha;2. Lauf: 1. Lindholm, 21.28,66 min ( = 162,229 km/h), 2. Meklau, 3. Lavilla, 4. Schmid, 5. Mark, 6. Kellenberger, 7. Phillis, 8. Rudroff, 9. Andrea Mazzali (I) Ducati, 10. Robert Hüber, Kawasaki; Schnellste Runde: Lindholm in 1.31,09 min ( = 163,934 km/h);DM-Stand: 1. Lindholm 111 Punkte, 2. Meklau 102, 3. Lavilla 94, 4. Schmid 81, 5. Rudroff 65, 6. Kellenberger 50, 7. Phillis 48, 8. Mazzali 46.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote