Straßen DM in Speyer (Archivversion)

Standort-Debatte

Neben der Frage, welche Fahrer den besten Start beim DM-Auftakt in Speyer erwischen würde, erhitzten noch andere Themen die Gemüter.

Premiere zum DM-Auftakt: Die neue Supersport 750-Klasse trat erstmals an und der Fernsehsender DSF übertrug den zweiten Superbike-Lauf nicht mehr zeitversetzt, sondern live. Die Kooperation zwischen Promotor Moto Motion und DSF treibt jedoch manchmal seltsame Blüten, wie der Streit zwischen der deutschen Föderation OMK und dem Promoter um das Rennen am 19. Mai am Nürburgring (siehe auch Kasten Seite 259) zeigt. Zudem es mit der Professionalität der DSF-Mitarbeiter auf der Rennstrecke nicht weit her sein kann. Ein übereifriger DSF-Reporter nahm den eigenen Werbeslogan »Mittendrin statt nur dabei« allzu wörtlich: In der für die Fahrer wichtigsten Konzentrationsphase – kurz vor dem Start – irrte DSF-Co-Kommentator Wolfgang Rother durch die Superbike-Startaufstellung auf der Suche nach Interviewpartner.Rennfahrer haben in dieser Situation eigentlich ganz andere Sorgen, was in Speyer vor allem für den amtierenden Superbike-Champion Jochen Schmid galt. Der Schwede Christer Lindholm, Schmids schärfster Konkurrent im Kampf um den Titel, ist von der Yamaha YZF auf eine Ducati 916 des DNL-Teams mit 996 cm³ umgestiegen. Daß der Schwede ausgezeichnet mit seinem neuen Arbeitsgerät zurechtkommt, demonstrierte er bereits eindrucksvoll beim Superbike WM-Auftakt in Misano. Und auch beim DM-Start auf dem kurzen Flugplatzkurs in Speyer legte er am Samstag gleich die Trainingsbestzeit vor. Doch auch mit dem Vorjahresmotorrad namens Paul konnte Schmid seinen Rivalen im ersten Lauf nicht darin hindern, vor 13000 begeisterten Zuschauern souverän davonzuziehen. Zudem fuhr der deutlich abgemagerte Schweizer Roger Kellenberger auf einer Tiede-Honda RC 45 kurzfristig vor Schmids Nase herum. Niemand schien Lindholm den Auftaktsieg nehmen zu können, bis der Schwede beim Überrunden am Ende der gefürchteten Linkskurve vor der Start-Zielgeraden zu früh Gas gab und sich unvermittelt im Grünen wiederfand. Nur so konnte »Schwabenpfeil« Schmid sorgenfrei zu seinem ersten Saisonsieg finden. Den Eidgenossen Roger Kellenberger, in dieser Phase des Rennens hoffnungsvoll auf Platz zwei, stoppte ein gebrochenes Kabel des Schaltautomaten.Doch auch einer der Neulinge im Feld gab einen imposanten Einstand: Überglücklich und völlig überraschend beendete der Schotte Brian Morrison vom United Grey Team den ersten Lauf als Zweiter. Als zusätzlicher Fahrer für den verletzten Michael Liedl ins Team geholt, erwies sich der sympathische Schotte für UG-Teamchef Ralf Schindler jetzt als Glücksgriff. Den auch Bernhard Schick mit dem Kauf der Ex-Udo Mark-Ducati getätigt zu haben scheint. »Nach dem verkorsten WM-Auftritt in Italien ist mein dritter Platz genau das Richtige für die Motivation meines Teams«, lautete Schicks Fazit. Für den viertplazierten Mark muß es ein komisches Gefühl gewesen sein, seinem altem Motorrad in den Auspuff zu schauen.Der zweite Lauf zeigte dann deutlich, wie die Kräfteverhältnisse bei den Superbikes in dieser Saison aller Voraussicht nach verteilt sein werden: Lindholm und Schmid sind eine Klasse für sich. Hinter den beiden Titelaspiranten folgte im zweiten Heat mit gebührendem Abstand der drittplazierte Udo Mark. Den Furtwangener Yamaha-Piloten plagten Dämpfungsprobleme, die das Team durch ausgiebige Tests bis zum nächsten Rennen in den Griff bekommen will. Roger Kellenberger, Morrison und Schick belegten die nachfolgenden Plätzen. Für Andreas Meklau, den WM-erfahrenen Neuzugang vom österreichischen Promotor-Team, endete der erste DM-Auftritt in Speyer mit den Plätzen sechs und neun versöhnlich. Auf Grund eines Motorschadens, Folgen seines Sturzes beim WM-Lauf in Misano, stand sein erster DM-Einsatz lange in Frage.Auch Suzuki-Vertriebschef Bert Poensgen gewann dem Saisonauftakt nur Positives ab. Es sei ihm völlig egal, welcher seiner beiden Fahrer vorn liegen würde, kommentierte er den Auftritt von Andi Hofmann (Rang fünf und zehn) und Michi Rudroff (Ausfall wegen Problemen mit der Benzinpumpe, Rang sieben im zweiten Lauf) auf den mit viel Vorschußlorbeeren bedachten neuen Suzuki GSX-R. »Mehr konnten wir mit den völlig neuen Maschinen nicht erwarten«, sagte der gut gelaunte Poensgen nach den Rennen.Das lag vielleicht auch an der gelungen Premiere der neuen 750er Supersport-Klasse (siehe Kasten Seite 258). Gleich drei Suzuki-Fahrer standen hier auf dem Podest. Böse Zungen sprachen gar von einem verkappten Suzuki-Cup, was man von der Supersport 600-Klasse beileibe nicht behaupten kann. Thommy Körner fuhr mit seiner Ducati 748 im Training mit 51,32 Sekunden eine Fabelzeit, die ihm im Superbike-Feld für die zweite Startreihe gereicht hätte – und von der manche Superbike-Neueinsteiger vermutlich noch lange träumen werden. Er gewann das 600er Rennen überlegen vor Michael Eberle auf Kawasaki und dem Vielstarter Bernhard Schick, der sich nach den beiden Superbike-Läufen zu »ausgepowert« gefühlt hatte, um das hohe Tempo von Körner mitgehen zu können. Vielleicht hatte es Bert Poensgen aber auch die Leistung seiner Tochter Katja angetan. Die letztjährige ADAC-Cup Siegerin stürzte bei ihrem ersten 125er DM-Rennen und fuhr dem Feld zunächst mit über einer halben Runde Rückstand hinterher, um schließlich trotz abgerissener Fußraste und lädiertem Ellenbogen noch auf Rang 19 zu landen. Derweil focht das Spitzentrio die höchst inoffizielle bayerische Meisterschaft aus: Während des Überrundens gelang es Emanuel-Rudolf Buchner mit einem geschickten Manöver, den bis dahin in Führung liegenden Honda- Fahrer Christian Kellner zu überrumpeln, Markus Ober belegte Rang drei.Anderen 125er DM-Favoriten scheint der durchaus vielversprechende EM-Start in Spanien noch in den Knochen zu stecken: Steve Jenkner und Alexander Folger reihten sich artig im Mittelfeld ein. Für Katja Gassmann kam es noch dicker: Sie stürzte im Training, beschädigte ihre Honda, und konnte sich in Ermangelung von schnellen Rundenzeiten nicht für das Rennen qualifizieren, was, so berichteten Augenzeugen, auch einige Tränen der Enttäuschung zur Folge hatte. Sie habe zuviel auf richtigen Grand Prix-Kursen trainiert, war zu hören. Die Strecke in Speyer liege ihr nicht so richtig.Aufatmen, Katja. Mit dem DM-Auftakt 1996 fiel voraussichtlich der letzte Vorhang die Rennstrecke auf dem Speyerer Flughafen - sehr zum Leidwesen der zahlreichen Fans. Als neuer Austragungsort ist die neu homologierte Rennstrecke in Zweibrücken im Gespräch.
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Ergebniskasten (Archivversion)

125 cm³1. Christian Kellner, Honda, 21 Runden, 19.31,25 min (= 156,847 km/h), 2. Emanuel Buchner, Aprilia, 3. Markus Ober, 4. Engelbert Hierl, beide Honda, 5. Josef Lutzenberger, Yamaha, 6. Ralf Ehrensperger, 7. Oliver Kohlinger, 8. Oliver Perschke, alle Honda, 9.Steve Jenkner, Aprilia, 10. Alexander Hofmann, Yamaha, 11. Frank Baldinger, Honda, 12. Oliver Schmidt, Yamaha, 13. Frank Fiedler, 14. Sirko Wache, 15. Armin Kopp, alle Honda;Schnellste Runde: Kellner in 54,30 sek (= 161,104 km/h)250 cm³1. Michael Schulten, Aprilia, 18.39,74 min ( = 164,063 km/h), 2. Jürgen Lingg, Honda, 3. Bernd Kassner, Aprilia, 4. Matthias Neunkirchen, Yamaha, 5. Jürgen Oelschläger, Honda, 6. Bohumil Stasa (CZ) Aprilia, 7. René Schmitt, Honda, 8. Evren Bischoff, Yamaha, 9. Hansgeorg Öttl, 10. Kilian Bühlmann (CH), beide Honda, 11. Alexander Folger, Aprilia, 12. Rigo Richter, 13. Thorsten Lackner, beide Honda, 14. Johannes Leber, Yamaha, 15. Andreas Wanninger, Honda;Schnellste Runde: Schulten in 52,20 sek (= 167,586 km/h)Supersport 6001. Thomas Körner, Ducati, 18.xx.xxx min ( = 161,227 km/h), 2. Michael Eberle, Kawasaki, 3. Bernhard Schick, Ducati, 4. Anton Heiler, Kawasaki, 5. Jörg Teuchert, Yamaha, 6. Tobias Mauch, 7. Volker Bähr, 8. Ferdinand Franz, alle Kawasaki, 9. Ottavio Bernhard, Honda, 10. Fritz Steidel, Ducati, 11. Michael Linden, Honda, 12. Wolfgang Geißler, Ducati, 13. Martin Johansson (S) Honda, 14. Maurizio Bäumle (CH) Ducati, 15. Lutz Fahr, Yamaha;Schnellste Runde: Körner in 53,68 sek (= 162,965 km/h)Superbike1. Lauf: 1. Jochen Schmid, Kawasaki, 29/24.59,77 min ( = 169,153 km/h), 2. Brian Morrison (GB) Ducati, 3. Bernard Schick, Ducati, 4. Udo Mark, Yamaha, 5. Andreas Hofmann (CH) Suzuki, 6. Andreas Meklau (A) Ducati, 7. Marcel Kellenberger (CH) Kawasaki, 8. Herbert Kaufmann, 9. André Friedrich, beide Yamaha, 10. Peter Linden (S) Ducati, 11. Anton Gruschka, Yamaha, 12. Arpard Harmati (H) 13. Juha Berner (SF), 14. Thomas Ochsenreiter, alle Kawasaki;2. Lauf: 1. Lindholm, 24.52,39 min ( = 169,990 km/h), 2. Schmid, 3. Mark, 4. Roger Kellenberger (CH) Honda, 5. Morrison, 6. Schick, 7. Michael Rudroff, Suzuki, 8. M. Kellenberger, 9. Meklau, 10. Hofmann, 11. Harmati, 12, Gruschka, 13. Kaufmann;Schnellste Runde: Lindholm in 50,36 sek (= 173,709 km/h)DM-Stand: 1. Schmid 45 Punkte, 2. Morrison 31, 3. Mark 29, 4. Schick 26, 5. Lindholm 25;Seitenwagen1. Wyssen/Wyssen (CH), 21/19.25,24 min ( = 157,656 km/h), 2. Bohnhorst/Rösinger, 3. Klaffenböck/Parzer (A), alle LCR-BRM, 4. Hock/Kasel, HP 500, 5. Hollweg/Mädler, LCR-ADM.Schnellste Runde: Klaffenböck/Parzer in 53,77 sek (= 162,692 km/h)

Straßen-DM Speyer (Archivversion) - Truck-Grand Prix

Eher massiven Kraftsportlern als leichtfüßigen Sprintern glichen die 47 mutigen Männer, die auf ihren neuen Supersport 750-Kisten beim Auftakt der neuen Cup-Klasse im Rahmen der DM-Rennen in Speyer um die 32 Startplätze kämpften. Dies hatte zwei Gründe: Erstens ist das Mindestgewicht mit 180 Kilogramm so hoch wie in sonst keiner Motorrad-Rennklasse und so der dezente Hinweis auf die schwerste Klasse im Automobilsport, die Racing-Trucks, durchaus zulässig. Und zweitens ist der Flugplatzkurs in Speyer, wo es fast ausschließlich auf Bremsen und Beschleunigung aus unteren Drehzahlen ankommt und von flüssigem Fahren keine Rede sein kann, nicht gerade ideal für Schwerathleten.So war es zwar nicht angenehmer für die 750er Supersportsfreunde, daß ihre kleine Brüder der 600er Klasse etwas flotter unterwegs waren. Aber Realisten hatten wenigstens schon vorher damit gerechnet.Das Rennen aber zeigte deutlich, daß auch Schwerathletik attraktiv und spannend sein kann. Dies lag hauptsächlich an MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner. Der deutsche Supersport 600-Meister von 1992 startete mit seiner Suzuki GSX-R 750 katastrophal von der Pole Position, um dann den erstaunten Fans zu zeigen, daß man auch in Speyer fast überall überholen kann, sogar mit den zweirädrigen Renn-Trucks. Seinem brachialen Durchmarsch konnten nur Sieger Claus Ehrenberger sowie der dreifache Serienmeister Bernd Caspers, beide auch auf Suzuki, widerstehen, an denen der drittplazierte Lindner nicht mehr vorbeikam, weil er sich selbst wie die Reifen seiner GSX-R übermäßig stark beansprucht hatte.

Straßen-DM Speyer (Archivversion) - Spaß am Rennsport, ein lächerlicher Traum?

Eine klassische Tragödie hat fünf Akte, die Posse um den vom Motorradsportverband OMK nachträglich angesetzten Superbike-DM-Lauf am 19. Mai auf dem Nürburgring auch:Erster Akt: Dem die DM finanzierenden Industriepool Pro Superbike fällt spät ein, daß man am 21. Juli lieber im belgischen Zolder als vor einer Geisterkulisse auf dem GP-Kurs in Brünn fahren will. Die OMK billigt die Brünn-Absage, lehnt aber Zolder ab, weil es dort keine OMK-gültige Streckenhomologation gibt. Die unbestrittenen Rennen auf den neuen Strecken Sachsenring und Österreichring haben im übrigen ebenfalls noch keine Abnahme.Zweiter Akt: Die OMK gibt dem vom 28. April auf den 19. Mai verlegten Nürburgring-Rennen ein Superbike-Prädikat, ohne Pro Superbike oder dessen Agentur Moto Motion offiziell zu benachrichtigen.Dritter Akt: Zolder erhält eine vorläufige Abnahme unter hohen Auflagen, der 21. Juli wird von der OMK bestätigt. Die Superbike-DM hat nun acht statt sieben Termine. »Es war immer klar: Pro Superbike auf dem hohen Niveau mit Live-TV-Übertragungen und so weiter ist 1996 nur für sieben Rennen finanzierbar«, so Moto Motion-Chef Franz Rau, »außerdem sind dem Deutschen Sportfernsehen am 19. Mai die Hände gebunden, weil sie eine Livesendung des Super-Tourenwagen-Cups haben.«Vierter Akt: Die OMK pocht auf den Nürburgring-Termin und verweist auf die fehlende Homolgation von Zolder. Die meisten Pro Superbike-Teams beschließen, am 19. Mai nicht zu starten.Fünfter Akt: Die OMK bleibt hart. »Das ist eine Kriegserklärung«, so OMK-Präsident und Chef der Hockenheimring GmbH Dieter Herz, »wenn Franz Rau den Nürburgring-Boykott durchzieht, dann wird er in Hockenheim keine Rennen mehr bekommen.«Epilog: Keiner merkt, daß am 21. Juli auf dem Nürburgring nur unbedeutende Klein-Termine geplant sind, die ohne weiteres einer Superbike-DM-Veranstaltung Platz machen könnten. Dann müßte keiner in Zolder Kopf und Kragen riskieren und niemand in der Eifel schmollen. Zum Lachen oder nur lächerlich?

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