Straßen-DM in Zweibrücken (Archivversion) Italienische Momente

Das Pirelli-De Ceccho-Team bringt frischen Wind mit über die Alpen in die Superbike-DM, holt auf Anhieb zwei Siege und feiert mit eigenem Prosecco. Aber es gibt leider auch unitalienische Momente in der Straßen-DM.

»Mansche saache so, mansche saache ganz anners« - das klassische hessische Sprichwort hat offenbar auch in der Westpfalz seine Gültigkeit. Denn das Auftaktrennen zur deutschen Straßen-Meisterschaft auf dem neuen, 4,35 Kilometer langen Flugplatz-Vollgaskurs in Zweibrücken hinterläßt eine zwiespältigen Eindruck.Erfreulich waren bei trotz strahlendem Sonnenschein bitterkalten Temperaturen die italienischen Momente. Die Reifenfirma Pirelli präsentierte in Zweibrücken das WM-erfahrene De Ceccho-Ducati-Team aus Italien für die Superbike-DM. »Wir wollen zeigen, daß unsere von der Serienproduktion abgeleiteten Stahlgürtel-Rennreifen erfolgversprechend sind«, erklärte Pirelli-Rennsport-Koordinator Thomas Bischoff, »dafür erscheint uns die DM als zweitwichtigste Superbike-Meisterschaft weltweit als logischer Aufbauschritt.«Die Pirelli-Aktion weckte Erstaunen bei der Konkurrenz, hatten doch die italienischen Pneus bisher den Ruf, gerade wegen des Stahlgürtel-Konzepts zu schwer und somit chancenlos zu sein. Aber es kam anders. Zunächst ging zwar Titelverteidiger Christer Lindholm auf der offiziellen Yamaha mit einem Bilderbuchstart in Führung. Aber schon ab der zweiten Runde wurde der Schwede von dem Österreicher Andreas Meklau und eben Lavilla mit zwei nagelneuen Ducati gejagt. Aus dem Vierzylinder-Establishment konnten überhaupt nur Meister Lindholm selbst sowie Roger Kellenberger auf der Thiede-Honda dagegenhalten. Genau dieses Quartett verschaffte zumindest dem TV-Publikum die Illusion, hochkarätige Rennen zu erleben. Denn um die Spitze wurde in beiden Rennen bis aufs Messer gekämpft. Leider mußte Lindholm nach zwei Dritteln des ersten Laufes seine Yamaha mit defekter Batterie abstellen und die Plätze hinter Lavilla, der im übrigen noch nie zuvor ein Superbike-Rennen bestritten hatte, Kellenberger und Meklau überlassen.Das zweite Rennen sah zunächst einen überlegenen Andreas Meklau. Er verabschiedete sich für zehn Runden vom Rest der deutschen Superbike-Welt, mußte sich dann aber wieder von Lavilla stellen lassen. »Bei den Überrundungen war Lavilla einfach viel brutaler als ich«, erinnerte sich Meklau, »so konnte er sich einen kleinen Vorsprung erarbeiten.« Vier Hundertstelsekunden davon rettete der Spanier bis ins Ziel, und die Sensation war perfekt. Lavilla war der glücklichste Mensch der Welt, lobte brav seine Pirelli-Reifen als neue Wunderwaffe, und Teamchef Fernando de Ceccho ließ die Korken des Prosecco aus den familieneigenen Weingütern knallen.Dritter wurde mit Respektabstand Lindholm. Die Batterie hatte gehalten. »Dafür hatte ich einen zu weichen Hinterradreifen«, so der Schwede, »der schon früh abbaute.« Dasselbe gab sein Michelin-Kollege Kellenberger für seine im zweiten Rennen deutlich diskretere Vorstellung an, die hinter Suzuki-Mann Michael Rudroff und Weber-Kawasaki Fahrer Rob Phillis aus Australien auf Rang sechs endete.Dahinter kamen noch, wie im ersten Lauf, Jochen Schmid mit seiner Kawasaki, der nach einem Trainingssturz mit einem riesigen Bluterguß auf dem Rücken eher ins Krankenbett als aufs Motorrad gehört hätte, der zweite Pirelli-Ducati-Mann Andrea Mazzali sowie im ersten Rennen noch der schwedische Jet-Pilot Peter Linden auf Kawasaki. Dann war große Pause. Die Paradedivision des deutschen Motorradrennsport besteht noch aus zehn ernsthaften Fahrern, rechnet man zum Resultat von Zweibrücken den offiziellen Suzuki-Fahrer Udo Mark dazu, der nach einem kapitalen Trainingssturz mit gebrochenem Brustwirbel sowie dreifachem Mittelfußbruch in die Uniklinik Homburg eingeliefert wurde, sich aber auf dem Wege der Besserung befindet. Es fehlen inzwischen fast vollständig die starken Händler-Teams wie beispielsweise Yamaha-Laaks, Bohnhorst-Ducati, RubattoYamaha-Emonts oder Kawasaki-Jung.Für solche Mannschaften, die für ihre Verhältnisse, vor allem in finanzieller Hinsicht, auf sehr hohem Niveau agierten, muß entweder eine vernünftige Medienpräsenz her, die auch sie für Sponsoren attraktiv macht. Oder man muß in das technische Reglement eingreifen, um die Kosten zu senken.Aber auch die übrigen DM-Klassen sehen alles andere als rosig aus. So starteten in der Supersport 600-Klasse, die sich über den Winter als die neue Hammer-Kategorie mit riesigen Feldern ankündigte, auch nur 30 Fahrer, die jedoch immerhin ein spannendes Rennen lieferten. Am Ende hatte Vizemeister Ralph Stelzer, bei UGT 3000 von Ducati auf Honda umgestiegen, die Nase vor dem B-Lizenz-Aufsteiger Markus Barth, der mit der Rubatto-Suzuki nach Pole Position am seinem 24. Geburtstag Zweiter wurde. Letzter Mann auf dem 600er Podest war Claus Ehrenberger (Ubl-Suzuki) vor den beiden Yamaha-Laaks-Fahrern Jörg Teuchert und MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner.Im 250er Rennen zeigte der Unsinn des Einschreibe-Regel erstmals Wirkung. Sieger Bohumil Stasa aus Tschechien ist nämlich kein DM-Fahrer. So hatte Titelverteidiger Michael Schulten das Glück, die Verfolgung seines Aprilia-Kollegen nicht allzu ernst nehmen zu müssen und konnte sich darauf konzentrieren, seine mit über 85 Grad Wassertemperatur heißlaufende Maschine heil vor 125er Aufsteiger Markus Ober auf Honda bei vollen DM-Punkten ins Ziel zu bringen.Das Achtelliter-Rennen brachte einen Überraschungstriumph für Aprilia-Fahrer Emanuel Buchner, der den Überflieger-Favoriten Maik Stief auf seiner Docshop-Honda in der letzten Runde abfangen konnte. Hervorragender Dritter wurde in seinem ersten A-Lizenz-Rennen Dirk Heidolf aus dem Hein Gericke-Junior-Team von Stefan Kurfiss.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote