Straßen-EM 1998 (Archivversion) Euro Fighter

Auch ohne offizielle Nachwuchskonzepte glänzten die mehr oder weniger jugendlichen deutschen Angreifer in der Straßen-Europameisterschaft 1999.

Ein EM-Titel, zwei Vizemeister, ein dritter und zwei fünfte Plätze im Gesamtklassement: Deutschland war in der Saison 1998 die erfolgreichste Nation in der Straßen-Europameisterschaft, der klassischen Nachwuchskategorie für den internationalen Spitzenrennsport. Und zwar ohne organisierte Förderung seitens des nationalen Dachverbands DMSB, wie das etwa in Italien, Frankreich oder Spanien üblich ist.Die Erfolge der deutschen EM-Delegation sind vielmehr Produkte sich gegenseitig befruchtender Einzelinitiativen. Alexander Hofmann etwa, der 18jährige 250-cm³-Europameister und ungeschlagene deutsche Meister, wird seit vier Jahren von seinem Team Racing Factory professionell betreut. Die Grand Prix-erfahrene Crew um Teamchef Dieter Theis und Cheftechniker Konrad Hefele arbeitet seit dem Einstieg des mehrfachen deutschen Jugend-Moto Cross-Meisters in den Straßen-Rennsport, 1995 im 125er OMK-Pokal, nach einem klaren Aufstiegsszenario. Und für die Saison 1999 ist das Ziel erreicht: Teilnahme an den 250er GP. »DM- und EM-Titel im ersten 250er Jahr, das ist bei aller Planung mehr, als du erwarten darfst«, so Teamchef Theis. Seine erste GP-Saison wird Alex Hofmann mit dem verbesserten Production Racer TSR-Honda 250 in Angriff nehmen. »1999 wird ganz klar ein Lernjahr«, erklärt Hofmann seine Strategie, »aber in der Saison 2000 will ich mit einer Werksmaschine angreifen.«Als direkte Gegner in der 250er Klasse wird der Europameister möglicherweise seine EM-Mitstreiter Markus Ober und Mike Baldinger wiedersehen. Für Ober plant sein neuer Manager, Ex-GP-Star Martin Wimmer, sogar, ihn in der 500er WM unterzubringen. »Zusammen mit dem italienischen Motorenspezialisten Matteoni wollen wir Markus mit einer V2-Honda die 500er Grand Prix fahren lassen«, plant Wimmer, »sollte das IRTA-Selektionskomitee ihn ablehnen, werden wir mit einer Matteoni-Honda bei den 250ern antreten. Dort liegt die Startzulassung bereits vor. In der 500er Klasse hätte Markus als einziger Deutscher aber die wesentlich bessere Öffentlichkeitswirkung.«Erste Erfahrungen mit dem renommierten italienischen Techniker, der zum Beispiel auch für die Maschinen des 125er Jungstars Melandri verantwortlich war, konnte Markus Ober im herbstlichen Spanien machen. Zum einen reichte noch nicht einmal eine heldenhafte kämpferische Leistung des 23jährigen, um beim EM-Finale in Cartagena den nur mäßig talentierten Filippo Cotti im Kampf um Rang zwei niederzuringen. Der Italiener düste auf einer Matteoni-Honda dem technisch weitgehend auf sich selbst gestellten Ober regelmäßig auf den Geraden davon. Drei Wochen später durfte der EM-Fünfte Ober beim spanischen Meisterschaftsfinale in Jerez die Matteoni-Granate selbst ausprobieren und kam auf Rang X.Deutlich schwieriger, wenn auch nicht ganz hoffnungslos gestalten sich derzeit die Aufstiegspläne des DM-Dritten und EM-Neunten Mike Baldinger. Der Honda-Privatfahrer aus Südbaden könnte bei Yamaha-Kurz als zweiter WM-Fahrer mit einem TZM 250-Production Racer unterkommen. Derzeit ist der 22jährige aber noch nicht als GP-Fahrer für 1999 akzeptiert.Nicht nur in der 250er Klasse wird die deutsche GP-Fraktion aufgestockt. 125er Vize-Europameister Klaus Nöhles, beim vorletzten EM-Rennen im portugiesischen Braga am Titel vorbeigestürzt, und Reinhard Stolz, EM-Dritter, haben ihre GP-Pakete bereits fertig geschnürt. Nöhles wird zusammen mit seinem Teamchef und Techniker, dem Ex-Rennfahrer Jörg Seel, und seinem bisherigen Sponsor-Partner UGT 3000 in die 125er WM aufsteigen. Das GP-Motorrad des 21jährigen Klaus Nöhles wird übrigens nicht mehr Honda, sondern UGT 3000 heißen. »Die technischen Veränderungen von Seel an der Maschine sind so einschneidend, daß wir uns das guten Gewissens erlauben können«, klärt UGT-Chef Ralf Schindler auf.Massiv auf Honda setzt dagegen Reinhard Stolz. Sein GP-Team wird Sarholz-Honda heißen. »Honda-Händler Sarholz ist zwar als Sponsor und Teamchef bisher nur im Moto Cross ein Begriff«, so der 22 Jahre alte Stolz, »aber er ist Profi genug, um auch eine schlagkräftige GP-Struktur aufzubauen.« Und dazu kommt Stolz’ bekannt guter Kontakt zu Ex-Rennfahrer Adi Stadler, dem Kundensportbetreuer der Honda Racing Corporation HRC.Der neben Klaus Nöhles zweite deutsche Fast-Europameister hat weniger GP-Ehrgeiz und ist mit seinen 35 Jahren auch nur bedingt Nachwuchsfahrer. Michael Schulten war mit seiner Suzuki klar der schnellste Mann in der Supersport 600-EM, trat aber zu Saisonbeginn nicht bei allen Rennen an. Somit vereitelte auch bei ihm ein Sturz in Braga den EM-Titel. »Ein klarer Fahrfehler«, gibt der Bergbau-Hydrauliker ohne Groll zu. 1999 wird er für seinen Teamchef, Suzuki-Händler Michael Schäfer, die Pro Superbike-DM bestreiten. »Für mich wird Schulten nicht älter, sondern jedes Jahr schneller«, freut sich Schäfer auf 1999.Eigentlich nur in der entscheidenden Saisonendphase als Helfer für Schulten in die EM beordert, erreichte Suzuki Deutschland-Fahrer Christian Kellner ganz nebenbei den letzten deutschen Top five-Platz. Der 26jährige verabschiedet sich damit von Suzuki und wird im nächsten Jahr zusammen mit dem Deutschen Meister Jörg Teuchert für das neue Yamaha Deutschland-Team von Ex-Rennfahrer Udo Mark in der Supersport 600-WM antreten. Also möglicherweise der sechste WM-Aufsteiger des deutschen Zufalls-EM-Jahrgangs 1998.Wie wird das erst Ende 1999 aussehen, wenn die langangekündigte organisierte Nachwuchsförderung des DMSB tatsächlich Wirklichkeit werden sollte?

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