Straßenrennen Hengelo/NL (Archivversion) Schöner rasen

Eigentlich geht es beschaulich zu in Hengelo. Aber einmal im Jahr ist alles anders. Dann verwandeln sich schmale Feldwege plötzlich in einen traditionsreichen Rennkurs.

Ein vergilbtes Schild am Straßenrand mit der Aufschrift »Rennerskwartier« ist alles, was auf die Existenz einer Rennstrecke in dem verträumten holländischen Dorf Hengelo hindeutet. Hengelo mit dem Zusatz Gld. Steht für Gelderland. Ein kleiner, doch für Rennfans wichtiger Zusatz. In den Niederlanden gibt es nämlich zwei Orte namens Hengelo, aber eben nur einen, in dem alljährlich ein traditionsreiches Motorradrennen stattfindet. »Wegraces« nennt das der Einheimische. Einmal jährlich verwandeln die zahlreichen Helfer des 400 Mitglieder zählenden Hengeloer Motorsportclubs HAMOVE schmale Landsträßchen über Nacht in den 4848 Meter langen Varsselring. Mittendrin einige Bauernhöfe, saftige Weiden mit schwarzweiß gefleckten Kühen. Eine Rennstrecke der besonderen Art, mit einem Hauch der legendären TT auf der Isle of Man: Statt ausladender Kiesbetten funktionieren rennbegeisterten Gelderländer einfach Nachbars Gemüsebeet zur Sturzzone um. Was den Nachbarn nicht im geringsten stört. Im Gegenteil: Der gute Mann stiftet - ist doch Ehrensache - auch noch etliche Strohballen aus seiner Scheune zur Absicherung der Bäume rund um den Kurs. Damit den Rennfahrern im Falle eines Falles auch ja nichts passiert.Die Hengeloer lieben ihr Rennen. »Jeder hier in Hengelo ist groß geworden damit«, sagt Henk te Brake, der erste Vorsitzende des Clubs. Was auf den breitschultrigen Mann ganz besonders zutrifft: Sein Geburtshaus steht nur 300 Meter vom Varsselring entfernt. Im ganz normalen Leben arbeitet der 41jährige als Wirtschaftsprüfer. Wohl mit ein Grund dafür, daß der Club finanziell auf gesunden Beinen steht. Rennsport wird auch in den Niederlanden immer teurer, Topfahrer verlangen oft einen »Fahrkostenzuschuß«. Rennleiter Karel Lubbers, 58, seit 1963 mit Herzblut bei der Sache, weiß davon ein Lied zu singen. Früher, ja, da sei alles einfacher gewesen. Da hat der Club noch ein Moto Cross-WM-Rennen veranstaltet, ein Zuschauermagnet. Doch 1989 war dann abrupt Schluß mit Moto Cross. »Ein Privatmann hat das Gelände gekauft und wollte einfach keine Cross-Rennen mehr«, sagt Lubbers.Seit 1967 finden die Straßenrennen auf dem Varsselring statt. Seine Blütezeit erlebte der Kurs in den 70ern und frühen 80ern. Den rührigen Gelderländern gelang es immer wieder, internationale Spitzenfahrer nach Hengelo zu lotsen. Allen voran deutsche Renn-Asse wie Dieter Braun , Toni Mang, Reinhold Roth oder Gustl »Kamikaze« Reiner, viele dieser Ehemaligen erwartet Lubbers anläßlich des 60jährigen Bestehens des Clubs (siehe Kasten Seite 223).Seit je her scheinen deutsche Rennfahrer zu Hengelo ein besonders Verhältnis zu haben. Von einer anti-deutschen Stimmung, Folge des deutschen Einmarsches während des Zweiten Weltkriegs, überhaupt keine Spur. Das bestätigt auch der ehemalige Grand Prix-Pilot Hans Becker, vor einigen Jahren noch selber aktiver Fahrer und heute bekennender Hengelo-Fan. Die Atmosphäre beim Rennen hat für den deutschen Zuschauer etwas ungewohnt Lockeres. Keine übermotivierten, engstirnigen Funktionäre oder überteuerten Eintrittspreise. Lubbers und te Brake wissen selber nicht so genau, was nun den Flair an ihrem kleinen Rennen ausmacht. »Wir hören jedes Jahr von den Besuchern und Fahren, daß es bei uns so gemütlich ist«, sagt Lubbers. Vielleicht ist es das, was Fans und Fahrer honorieren. An den für deutsche Gaumen stark gewöhnungsbedürftigen Rennwürsten kann es jedenfalls nicht liegen.Obwohl Hengelo kein internationales Prädikat besitzt und die wirklich großen Stars schon länger fernbleiben, kommen heute immer noch gut 5000 Zuschauer. »Früher hatten wir 20000 Fans«, sagt Karel Lubbers etwas traurig, verfällt aber nicht in ein sonst gern angestimmte Funktionärs-Jammerlied. Die Hengeloer machen das Beste daraus. Sie setzen sich bisweilen sogar ins Privatauto und fahren rüber nach Deutschland zu DM-Rennen, so zum Beispiel beim Saisonauftakt in Speyer letztes Jahr. Dort versuchte Lubbers dem Ducati-Piloten Tommy Körner den Varsselring schmackhaft zu machen. Doch der mußte leider absagen - Terminprobleme.Daß es 1996 trotzdem Motorradrennen mit deutscher Beteiligung gab, dafür sorgten der spätere 250er Meister Michael Schulten oder Stefan Scheschowitsch mit seiner Kawasaki ZX-6 R.Oft sind die Fahrer für die Fans beinahe zum Greifen nahe. Da kommt dann auch bei einem beherzten Nachwuchsrennen der 400er Klasse richtig Stimmung auf. Als übermäßig gefährlich gilt der Kurs aber trotzdem nicht. »Die Strecke sieht schlimmer aus, als sie in Wirklichkeit ist«, sagt Hans Becker, »du braucht aber ein verdammt starkes Motorrad, sonst hast du auf dem schnellen Kurs keine Siegchance«. Worte, die vielleicht auch die Herren der Pro Superbike hellhörig stimmen sollten. Mit den Gewaltigen der deutschen Superbike-Meisterschaft, hierzulande nicht gerade ein Zuschauerhit, stand Lubbers nämlich in Verhandlung. »Die Strecke sei zu gefährlich, haben sie uns erklärt«, sagt Lubbers. »Wir haben die Herrschaften darauf hin zu einer Streckenbesichtigung eingeladen, aber es hat sich leider niemand in Hengelo blicken lassen... .“

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