Straßenschäden: Reportage (Archivversion) Bruch-Stellen

Die Gemeinden klecksen, können nicht mal die Hälfte dessen verasphaltieren, was nötig wäre, um die Straßen in einem ordnungsgemäßen Zustand zu halten.Bei den Ländern die gleiche Misere: mindestens Millionen Mark hätte der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann Schauffler 1996 in die Renovierung der Landesstraßen ausgeben müssen, gereicht hat’s lediglich für ein Viertel der Summe. Und jetzt will Bonn die Länder obendrein noch mit ein paar Bundesstraßen beglücken. Ein eigennütziges Geschenk gemäß dem Motto: Sollen die doch zahlen. Nach der Einheit floß eine Menge Geld aus dem Verkehrsetat in den Osten, und auch das Prestigeobjekt Transrapid wollte mit Milliarden subventioniert sein. Große Politik, die den kleinen Mann betrifft, am brutalsten den Motorradfahrer, der für diese Sparerei den Kopf hinhält. Weil sein einspuriges Gefährt auf Pfusch im Straßenbau am sensibelsten reagiert. Ebbe in den Kassen - da wird Schmalhans Straßenmeister. Und so gilt das Reparieren von Straßenschäden mit Bitumenmasse als gern genommenes Sonderangebot im Repertoire der Straßenbauämter. Daß das Zeug blitzschnell glatt wird - es besitzt dann nur noch Drittel des Reibwerts von normalem Asphalt - nehmen sie in Kauf. Hauptsache billig. Was ursprünglich als Notlösung zum Flicken kleinerer Ritzen, Rillen und Frostaufbrüche gedacht war, entwickelte sich zur Motorradfahrer gefährdenden Normalität. »Das Ausbessern mit Bitumen ist ein gängiges Verfahren«, stellt der Generalstaatsanwalt in Koblenz fest. Genauso lapidar konstatiert er im Fall zweier Biker, die an ein und derselben Kurve der B 257 binnen weniger Tage auf solchem Flickwerk tödlich verunglückten: »Der Reibwert an der Unfallstelle genügte nicht den Anforderungen.« Daß die Straße rutschig wie Schmierseife gewesen sei, reicht nach Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft nicht aus, dem zuständigen Straßenbauamt eine Vernachlässigung seiner Aufsichtspflicht nachzuweisen. Eben weil Bitumenschmiererei »ein gängiges Verfahren« sei, könne die Behörde nur dann zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie übersehen habe, daß die bewußte Stelle ein Unfallschwerpunkt sei. Auf gut Deutsch heißt das: Bevor nicht ein paar Motorradfahrer gestürzt sind, kann niemand belangt werden. Niemand - stimmt nicht ganz. Dran ist nämlich zunächst mal der Biker. Denn noch immer reden sich die für den Stuß auf Asphalt Verantwortlichen samt Polizei mit den stets gleichen Argumenten heraus, machen Opfer zu Tätern. Standardfloskel: Unfall wegen zu hoher Geschwindigkeit. Ein Bußgeldverfahren drohte denn auch Axel Raus aus dem westfälischen Steinfurt. Auf einer sieben mal zwei Meter großen Bitumenfläche rutschte dem routinierten Biker beim Überholen einer Pkw-Kolonne auf der B 54 das Hinterrad weg, er stürzte, brach sich ein Fußgelenk, seine BMW mutierte zu Schrott. »Unangepaßte Geschwindigkeit«, diagnostizierte der Beamte vor Ort - wider besseres Wissen der Unfallzeugen. Raus schaltete sofort einen Anwalt ein, der schlug das Verfahren nieder, verlangte eine Reibwertmessung an der Unfallstelle. Und siehe da: weit unter den zulässigen Werten. Worauf Raus Schadenersatz und Schmerzensgeld vom zuständigen Landschaftsamt Westfalen-Lippe verlangte. Und auch bekam. Freilich in einem außergerichtlichen Verfahren. An einem Präzedenzfall hatten die Verantwortlichenkein Interesse. Ein Richter am Stuttgarter Oberlandesgericht sprach dies sogar offen aus. »Die Klage habe doch sicher eine Pilotfunktion.« Zur Vorgeschichte: Gleich drei Mitglieder der BMW-Freunde Stuttgart waren auf nassem Bitumen gestürzt, eine GS erlitt Totalschaden. Das Landgericht Tübingen wies die Schadenersatzklage eines BMW-Fahrers zurück. Worauf dieser in Berufung ging. In der mündlichen Verhandlung äußerte der Stuttgarter Richter dann oben genannten Verdacht: Wenn der eine Motorradfahrer sein Recht bekomme, würden die zwei anderen doch sicher auch klagen. Und das, fügte er hinzu, angesichts der äußerst gespannten Finanzsituation der Gemeinden. »Daraus könnte man ja schließen«, meint Hermann Schöb, Vorsitzender der BMW-Freunde, »daß der Rechtsprechung fiskalische Überlegungen zugrunde liegen, aber das wäre ja Rechtsbeugung.« Genau. Motorradfahrer, das die noch immer herrschende Meinung, sind nicht nur prinzipiell zu schnell und unfähig, die Straße richtig zu lesen, sie gelten auch als Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. Anders ist eine Auskunft des Verkehrsministeriums Rheinland-Pfalz an die »Westerwälder Zeitung« nicht zu verstehen: »Wir müssen (beim Renovieren der Straßen, die Redaktion) leider abwägen - auch wegen der Pendler. Zunächst soll der Familienvater sicher zur Arbeit kommen. Trotzdem haben wir Verständnis für die Motorradfahrer.« 200 Kilometer weiter im Süden verunglückte im Oktober ein Vater von vier Kindern auf der Grösseltalstrecke im Schwarzwald tödlich. Schon vorher waren an der bitumengeflickten Kurve Autos vom rechten Weg abgekommen. Im März haben Wissenschaftler der Universität Stuttgart die Straßenoberfläche untersucht. Befund: An der Unfallstelle wurde der zulässige Mindestgriffigkeitswert unterschritten. Im Fall der Stuttgarter BMW-Fahrer lehnte das Gericht eine solche Messung von vornherein ab. Weil die Richter stur davon ausgingen, daß einfach ein Fahrfehler vorliegen müsse. Daß der binnen Sekundenbruchteilen wunderbarerweise dreimal passiert sein muß, irritierte nicht. Obwohl »der Kläger«, so heißt es in der Ablehnungsbegründung, »einen sehr besonnenen Eindruck macht, woraus man schließen kann, daß er sich gleichermaßen besonnen und überlegt verhält.« Den schwarzen Peter kriegt immer der Motorradfahrer. Gegen diese seltsamen Spielregeln müssen sich die Biker wehren. Indem sie gefährliche Straßenschäden sofort den zuständigen Verkehrsbehörden oder der Polizei melden. Dann müssen die reagieren, konnen sich nicht länger herausreden, weil die Sache aktenkundig ist, Am besten und am einfachsten geht das mit dem Meldebogen, den das Institut für Zweiradsicherheit herausgegeben hat (anfordern bei IfZ, Postfach 120 288, 45314 Essen ). Zugegeben, das macht ein wenig Mühe, aber die lohnt sich, kann - auch wenn’s pathetisch klingt - Leben retten.

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