Streckenposten beim Supercross (Archivversion) Schipp, schipp, hurra

Mittendrin statt nur dabei? Gemeinsam mit 40 weiteren Streckenposten griff MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer beim Dortmunder Supercross zu Hacke, Schaufel und Flagge.

Wusch, Collin Dugmores Unterarm schlägt mir im Vorbeiflug die grüne Flagge aus der Hand. Ich versuche nachzugreifen, doch das einzige, was ich dabei erwische, ist eine kräftige Prise Zweitakt-Qualm, der mir aus dem Auspuff von Collins Honda entgegenbläst. Näher dran am Geschehen geht nicht. Mittendrin statt nur dabei - im wahrsten Sinn der Worte. Streckenposten beim Supercross. Für die einen Traumjob für ein Wochenende, für die anderen Frondienst ohne Lohn und Anerkennung. Groupie oder Lastenkuli? Für Manfred, den Chef der insgesamt 40 Mann starken Streckenposten-Truppe beim Supercross in der Dortmunder Westfalenhalle, keine Frage. »Aus den Clubs der Region melden sich mittlerweile so viele Leute, die können wir gar nicht mehr alle einsetzen«, weiß der 56jährige hauptberufliche Fliesenleger. Kein Wunder, denn mit der geringen Fluktuationsrate unter seinen Flaggenschwenkern könnte jeder Industriebetrieb protzen. 80 Prozent der Mannschaft winken seit dem allerersten Supercross im Ruhrpott im Premierenjahr 1989. Für mich heißt´s erst mal Grundlagenforschung. Ohne den obligatorischen Eintages-Lehrgang für Streckenposten gibt´s statt der Flaggenstange zunächst nur den Schaufelstil zu fassen. Ich werde Günter zugeteilt. Der rundliche Warsteiner, der seltsamerweise kein Bier mag, gilt als Frohnatur der weißen Belegschaft. Happy, wie den Kommissar demnach nicht nur seine Kollegen bei der Polizei nennen, versprüht Lebensfreude und Begeisterung pur. Braucht er auch. Mitsamt Sohnemann rackert der 48jährige wie fast alle Streckenposten nämlich schon einen Tag länger als ich. Am Donnerstag werden 1300 Strohballen fein säuberlich um die Piste verteilt sowie Strecke und Umfeld der letzte Schliff verpaßt. Freitag mittag, 13 Uhr, stehen wir zum ersten Training gemeinsam am Ende des Waschbretts. Von wegen stehen. Der Dortmunder Parcours ist für seinen butterweichen Boden bekannt und berüchtigt. Die Fahrer purzeln aus den Sätteln wie Cowboys von nicht zugerittenen Pferden. Günter schwenkt die Fahne, während ich so gut es eben geht, Mensch und Maschine am Pistenrand wiedervereinigen helfe.Je öfter die Supercrosser trainieren, desto seltener reiten sie aus - und desto mehr Gas geben sie. Für Streckenposten eine schweißtreibende Entwicklung. Kiloweise schleudern die Stollenreifen den weichen Lehm in die Luft. Nach jedem der kurzen Trainings ist Streckenkosmetik angesagt. Lose Erde in die Spurrillen schippen und festtrampeln. Zehn Minuten später das gleiche. Schaufeln, festdrücken. Kurz darauf wieder. Erst eine längere Trainingspause schafft Erleichterung. Bagger und Walze ersetzen die Hand am Arm. Happy sieht´s pragmatisch. Muß sein, der Sicherheit der Fahrer zuliebe. Und was bringt´s mir? Happy schaut mich verständnislos an. Egoist, kapiert. Außer mir scheint ohnehin keiner der neuen Kollegenschar nachzulassen. Jeder kratzt, harkt und gräbt, als würde er nach der Menge umgesetzten Erdreichs bezahlt. Freitag, Samstag und Sonntag. Trainings und Rennen. Die Begeisterung, ein Teil des Geschehens zu sein, motiviert mehr als jeder Lohn der Welt.Um so mehr Respekt und Bewunderung zollt ein Großteil der Streckenposten den Stars. Wenig überraschend, daß die sogenannte Fahrerlagerparty Samstag nacht die weiße Truppe anzieht wie Motten das Licht. Ein Schwätzchen mit Finalsieger Kyle Lewis oder ein Gläschen mit Wahnsinns-Springer Edgar Torronteras sind auch morgens um halb vier allemal drin. Erfahrungen, die selbst mit der allerteuersten VIP-Karte kaum erkauft werden können.Allerdings bleibt´s weder bei den meisten meiner Kollegen noch bei mir bei der vernünftigen Menge des guten Gerstensafts. Der Dienstantritt am Sonntag um zwölf Uhr fällt deutlich schleppender aus als gewohnt. Lockvogel bleibt die erstklassige Bewirtung, welche die Mannen seit vier Tagen geboten bekommen. Der brummende Schädel macht mich sensibler für die Leidensfähigkeit der Truppe. Höllischer Lärm, beißende Abgase und letztlich der buchstäblich schmale Grat, auf dem die Fahnenjunker wandeln. Gerade mal 50 Zentimeter trennen die gegenläufigen Fahrspuren in der engen Halle voneinander. Ausweichmöglichkeiten vor stürzenden Piloten gibt´s keine. Die Hoffnung auf Glück und Gottvertrauen gehören offensichtlich zur Arbeitseinstellung der Posten.Als Lohn winkt die Verlosung nach dem Rennen. Signierte Fahrerhemden, allerlei Moto Cross-Utensilien und als Hauptpreis eine Reise zum Supercross in Paris - bestimmt nicht, um den Streckenposten beim Schaufeln zuzuschauen.

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