Streckensperrung Sudelfeld (Archivversion) Freizeitpark

Wo Senioren rotkariert über Berg und Tal strolchen, da ist Ruhe erst Bürgerpflicht. Und der Motorradler muss mit dem Schlimmsten rechnen. Seinem Ausschluss.

Das Vieh ist schier verrückt geworden, deswegen hat der Bauer seinen Stall umgebaut und den Eingang von der Straße weg nach hinten verlegt.« Für Horst Ritter, Zweiter Bürgermeister von Oberaudorf, ein Indiz dafür, dass der Lärm, den die Motorradfahrer auf dem Sudelfeld fabrizieren, auf keine Kuhhaut geht. Im August 1998 hat die »Anliegergemeinschaft Tatzlwurmstraße« den Rosenheimer Landrat aufgefordert, die beliebte Motorradstrecke vom Treffpunkt Café Kotz bis runter nach Oberaudorf an Wochenenden für Biker zu sperren. »Zunehmender Verkehr und Uneinsichtigkeit der Motorradfahrer machen uns das Leben entlang der Tatzlwurmstraße förmlich zur Hölle.«In höher gelegenen Ortsteilen wie Auerbach oder Seebach prunken notorisch adrette Bauten im rustikal-oberbayerischen Stil direktemang am Straßenrand. »Ferien auf dem Bauernhof«, hier ist ein Zimmer frei, dort eine Wohnung für die schönsten Wochen des Jahres zu vermieten. Von dem Lärm droben kriegen die Oberaudorfer unten im Inntal nur bei Westwind was mit. Dennoch stand die Gemeinde einhellig hinter dem Begehr, die Motorradfahrer von der Tatzlwurmstraße zu verbannen. Und war umso frustrierter, als im September 2001 die Regierung von Oberbayern, der Landkreis Rosenheim und das Bayerische Staatsministerium des Inneren unisono entschieden, eine Sperrung der beliebten Motorradstrecke hielte man »derzeit nicht für angebracht«.Dabei beriefen sich die Behörden auf eine Analyse des Bayerischen Landesamts für Umweltschutz, deren Autor, Regierungsdirektor Rainer Kühne, Fahrverbote nur dann für durchsetzbar hält, wenn alle anderen Mittel versagen. Als da wären Geschwindigkeitsbeschränkungen, Überholverbote und andere verkehrsberuhigende Maßnahmen (siehe Interview Seite 112). Die Politik hat auch nicht verdrängt, dass sie anno 1985 eine Sperrung der Sudelfeldstrecke zurücknehmen musste. Damals entschied der Bayerische Verwaltungsgerichtshof, dass Artikel 3 des Grundgesetzes - alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich - es verbiete, Motorradfahrer vom öffentlichen Straßenverkehr auszuschließen. Außerdem habe die Polizei sich gefälligst um die schwarzen Schafe zu kümmern. Wenn sie ihrer Pflicht und Schuldigkeit nicht nachkomme, dürften nicht alle Motorradfahrer für diese Nachlässigkeit büßen. Deshalb reichen die übergeordneten Behörden den schwarzen Peter, heißt in diesem Fall Anordnung und Überwachung von Geschwindigkeitsbeschränkungen, liebend gern weiter. »Dazu sind seit 1.7. 2001 neben der Polizei auch die Gemeinden ermächtigt«, steht im Schreiben des Staatsministeriums. In der Gemeinderatssitzung Anfang November haben die Oberaudorfer beschlossen, erst einmal nichts zu unternehmen. Sie hoffen auf die Einsicht der Motorradfahrer. Womit sie schon mal prima gefahren sind. Als 1994 erneut eine Sperrung des Sudelfelds drohte, appellierten einheimische Motorradler zusammen mit Biker Union und Bundesverband der Motorradfahrer an das Verantwortungsbewusstsein der Kradler. Krawalliere, bei denen weder Flugblätter noch gute Worte zur Einsicht verhalfen, erhielten die Höchststrafe: Sie wurde von Leni Kotz, der Wirtin des beliebten Cafés, schlicht ignoriert.Auch jetzt wären die paar Heizer mit dem Faible fürs Kakophone, die am Sudelfeld den Ton angeben, gut beraten, die laxe Haltung der Oberaudorfer nicht als Freibrief zu interpretieren. Dass zunächst nichts passiert, ist ein klassisches Stück auf Ausgleich bedachter Kommunalpolitik. »Verschärfte Kontrollen kriegen wir momentan im Gemeinderat nicht durch«, weiß Florian Seebacher, in Oberaudorf zuständig für den Verkehr. Schließlich haben die Einheimischen keinen Bock, mit 60 oder gar 30 km/h durch die Serpentinen zu gurken. Genau deshalb gilt ein Fahrverbot für Motorräder gern als der Bauernschlauheit letzter Schluss: 1. Biker aussperren, 2. ansonsten weitermachen wie bisher, wenn freilich 1. nicht klappt, bleibt 2. alldieweil in Kraft.Mit der bayerischen Gemütlichkeit nimmt es jedoch spätestens dann ein Ende, wenn’s ans Eingemachte geht. In den Weilern am Berg sind Bauplätze ausgewiesen. Wehe, die verlieren wegen des Motorradlärms an Wert. Oberaudorf lebt vom Tourismus. Bleiben Gäste weg, tut das dem Geldbeutel richtig weh. Die Alpen sind nun mal ein Freizeitpark. Auch für Motorradler, meinen Bürgermeister Ritter und Verkehrsreferent Seebacher. Sofern die der Versuchung widerstehen, auf den Schaukurven der alten Bergrennstrecke von Bayerischzell rauf zum Tatzlwurm und von dort runter nach Oberaudorf den Rossi für Arme zu spielen.Falls nicht, werden alle Zweiradler erleben, dass Bayern nicht nur gemütlich, sondern richtig grantig sein können. Da tuckerten schon Traktorenkonvois, die mit Tempo 30 den Verkehr sabotierten. Selbst die Abneigung gegen scharfe Kontrollen, spekuliert so mancher Oberaudorfer, muss ja nicht bis zum jüngsten Tag existieren. Zumal dann nicht, wenn das Auge des Gesetzes überzeugt werden kann, sich voll und ganz auf die zweirädrige Fraktion zu konzentrieren. In Oberaudorf ist noch so manches möglich. MOTORRAD wird 2002 zusammen mit Rainer Kühne vom Landesamt für Umweltschutz die Situation vor Ort analysieren, über die Stimmung bei Motorradfahrern, Einheimischen und Touristen sowie über die Pläne im Rathaus informieren.

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