Streckensperrungen (Archivversion) Wir sind alle kleine Sünderlein

Mindestens 90 Strecken in der Bundesrepublik sind derzeit für Motorradfahrer ganz oder teilweise dicht, bei sehr vielen droht das Fahrverbot. Jedes Jahr kommen neue Sperrungen hinzu. Woran liegt´s?

Für Ansgar Pöllmann ist die Sache sonnenklar: »Rücksichtslos toben da viele den eigenen Ego-Trip aus.« Der Regierungsdirektor beim Landkreis Bad Dürkheim spricht »von der unverantwortlichen Fahr- und Verhaltensweise von einem Großteil der Motorradfahrer«. Die Folge: Das wunderschöne Elmsteiner Tal ist seit 1994 an den Sommer-Wochenenden dicht. Zwar prozessierten einige mutige Motorradfahrer gegen das Fahrverbot, aber sie verloren dieses Jahr auch in der letzten Instanz vor dem Berliner Bundesverwaltungsgericht. Was passiert daraufhin? Im Wellbachtal, das ans Elmsteiner Tal angrenzt, steigen die Unfallzahlen 1995 an. Die Polizei denkt bereits laut über ein Fahrverbot nach. Doch die zuständige Kreisverwaltung Südliche Weinstraße wiegelt noch ab. »Momentan ist die Sperrung kein Thema«, meint Manfred Matzonsky vom Landratsamt in Landau. »Denn es geht nur um einen geringen Prozentsatz der Motorradfahrer, und wir wollen nicht alle über einen Kamm scheren.« Fakt ist, daß Biker in Deutschland immer weniger Unfälle bauen, während der Motorradbestand wächst: Allein im letzten Jahr waren´s im Verhältnis zum Bestand 9,2 Prozent weniger Crashs. »Ich fühle mich durch Fahrverbote diskrimiert«, urteilt Pfarrer und Motorradfahrer Gerhard Triebe. Sind Biker Bürger zweiter Klasse, weil sie Lederkombis tragen und ihre Gesichter unter den Helmen anonym bleiben? Straßen sind schließlich für alle da: Solange Motorräder als Kraftfahrzeuge im öffentlichen Verkehr zugelassen sind, haben ihre Fahrer grundsätzlich die gleichen Rechte zur Benutzung öffentlicher Straßen wie alle anderen auch. So urteilte das Verwaltungsgericht München 1986, als es die Sperrung der Sudelfeldstrecke aufhob. Die einsichtigen Bayern haben wenig Nachfolger gefunden. Von Ort zu Ort rollt der Schneeball der Fahrverbote, die eine Kollektivstrafe für alle Motorradfahrer darstellen: Letztes Jahr war´s Möhnesee nahe Soest, dieses Jahr der Rurberg in der Eifel. Nächstes Jahr geht´s womöglich richtig los: Mehrere Straßen nahe Odenthal, der Rote Berg nahe Hildesheim und die ehemalige Bergrennstrecke Stock bei Bad Hersfeld stehen auf dem Programm der Sperrer.Das drohende Fahrverbot am Stock pries Peter Schütrump, Vorsitzender der Gemeindevertretung Ludwigsau, als Selbstschutz für Biker an, die auf Kurvenhatz ihre privaten Geschwindigkeitsrekorde zu verbessern suchten. Daß diese Minderheit besengter Zweirad-Piloten später einfach auf anderen Straßen rasen, ist dem Mann wohl nicht klar.Andere Verwaltungen, die für Problemstrecken zuständig sind, reagieren differenzierter. Die Aggertalsperre zum Beispiel wurde nach einem Fahrverbot 1990 durch Markierungen, Bischofsmützen und ein radikales Tempolimit entschärft. Die Strecke ist für Geschwindigkeitsfanatiker, die Landstraßen mit Rennstrecken verwechseln, unattraktiver geworden und bleibt deshalb offen.Noch eine gute Nachricht: Bad Nauheim sowie Pelzerhaken hoben ihre Nachtfahrverbote auf. Begründung: Moderne Motorräder sind leiser geworden. Für die aktuelle Streckensperrungsliste sind die zuständigen Verwaltungsvertreter befragt worden. Aber auch öffentliche Angestellte können irren. Wer es besser weiß oder noch mehr Streckensperrungen kennt, meldet sich bei der Redaktion MOTORRAD, Leuschnerstr.1, 70174 Stuttgart unter dem Stichwort »Fahrverbote«.

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