Stuttgarter Motorrad-Meile (Archivversion) Wir wollen niemals auseinander gehen

Stuttgart, Heilbronner Straße. Sieben Biker-Läden am Stück. Namen wie Louis, Hein Gericke, Dainese in friedlicher Koexistenz vereint. Einzigartig in Deutschland und gut fürs Geschäft. Selbst in einem Jahr wie diesem.

Herbst lässt sein buntes Band wieder flattern durch die Lüfte. Herbe wohlbekannte Düfte vom Euro-Kebab oben an der Meile streifen ahnungsvoll das Land. Leutselig scherzend krawallieren drei grobkariert behemdete Gesellen die Schaufenster entlang. »Hohoho«, flippt der Pseudo-Holzfäller mit der beeindruckendsten Wampe aus, »schaut mal her«, und zeigt mit Totenkopfsiegelring bewehrtem Finger auf einen Shoei-Hut: »Ein Helm für 1000 Mark.« Ob dieses brillanten Scherzes kringelt sich das ganze Trio vor Lachen. 499,95 Euro – wo’s zum Schutze des Vakuums unter der Matte doch auch ein Sonderangebotsdeckel für 49,50 tut.Damit kann, damit will Tommy von der gleichnamigen »Fundgrube« nicht dienen. »Der Trend bei der Kundschaft«, sagt er, »geht eindeutig zum Hochwertigen.« Und Tommy weiß, wovon er spricht, jobbt auf der Motorrad-Meile, seit es sie gibt, hat sie sozusagen erfunden, damals 1978, als er noch Geschäftsführer der Gericke-Niederlassung war und die Heilbronner Straße als optimalen Standort für seinen Laden ausdeutete. Das Geschäft an der vierspurigen Hauptverkehrsader lief wie geschmiert – sahen auch die anderen und zogen nach. Erst die Motorrad Ecke, dann Louis. Heute verdingt sich Tommy am oberen Ende der Meile als selbständiger Klamotten-Dealer.Wie die Saison gelaufen ist? Nun, Grund zu klagen habe er nicht. »Die Kundschaft handelt gegen jede ökonomische Vernunft.« Statt zu sparen, wie es in Krisenzeiten angebracht wäre, haut sie die Kohle raus für Tommys anspruchsvolles Sortiment. Oli und Jojo vom Helm-Center nebenan stimmen einen ähnlichen Tenor an. »Das Gros der Helme, die bei uns über die Theke wandern, liegt im Segment zwischen 350 und 400 Euro.« Allerdings sei der Verkauf komplexer geworden, Tausch Ware gegen Kohle – so einfach funktioniere das nicht mehr. Der Biker von heute kennt sich aus. Beratung ist gefragt und Service. »Wir reparieren alles«, plakatiert denn auch ein Schild an der Ladendecke. »Und deinen neuen Helm kannst du nach 14 Tagen kommentarlos zurückgeben, wenn er dir nicht gefällt«, verspricht Oli.Service-Oase Heilbronner Straße. Tommy etwa serviert der hoch gekochten Legende nach den besten Kaffee auf der Meile. Und weil sich dort alle irgendwie blendend verstehen, hat Andrea Escher vom Dainese Pro Shop nie interveniert. Obschon ihr extraordinäres Gebräu, mit Keksen und Gummibärchen kredenzt, Tommys Schwarzen meilenweit schlägt. Tja, die Konkurrenz schläft nicht, genau wie der Fundgruben-Boss sagte: »Du musst wachsam sein.« Deshalb spionieren sich die Meilianer gegenseitig aus. Setzt einer über Nacht den Daytona Traveller auf 199 Euro runter, ziehen die lieben Kollegen wutschnaubend nach – oder bleiben halt auf ihrem Ladenhüter sitzen. Nichtsdestotrotz möchte keiner mit der Polo-Dependance tauschen, die einsam unten in der City residiert. »Wenn die Kaufwilligen hier einmal hoch und runter gewandert sind, fühlen sie sich umfassend informiert«, analysiert Thomas Brose von Louis.Konkurrenz als lebens- und umsatzerhaltende Stimulans. Eigentlich nichts Neues. Das wusste schon Adam Smith. Kapitalismus in Reinkultur also. Den Gewinnern von der Meile geht’s nämlich nur deshalb gut, weil’s den anderen schlechter geht. Der Herbst, behaupten sie nahezu unisono, käme ihnen gerade recht: mal ordentlich durchputzen, Rückstände in der Buchhaltung aufarbeiten, bestellen, ein gemütliches Schwätzchen mit den Stammkunden und Kollegen von der Konkurrenz halten – und »Tommy’s Fundgrube«, so das neueste Gerücht, könnte endlich vom sächsischen Genitiv befreit werden.Zugemacht wird nicht, auch wenn sich an manchen Tagen nur noch eine Handvoll Neugieriger in die Läden verirrt. »Richtig tot ist eh nur der November«, befindet Helm-Center-Oli, »danach brummt das Weihnachtsgeschäft.« Darauf hoffen vor allem Andreas und Paris von der Motorrad-Ecke zusammen mit der Combo von Hein Gericke und dem Solisten von Nameless, die noch einiges an Umsatz aufzuholen haben. Deutliches Indiz dafür, dass der Markt im mittleren Preissegment durchhängt. Die Bikerschaft schaut aufs Image, aufs Branding, gibt gern die zwei-, dreihundert Euro mehr fürs Dainese-Füchslein her, geniert sich andererseits jedoch nicht, um Rabatte zu feilschen. Auf der Meile ein erfolgloses Unterfangen. »Wir verweisen auf unseren Service«, sagt Jojo, »damit stößt man meist auf Verständnis. Wenn nicht, kann der Kunde gerne nach nebenan zur Konkurrenz gehen.« Wo er ebenfalls auf Granit beißt – eine Frage der Meilen-Ehre.

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