Super-Moto-EM in Großenhain (Archivversion) ...und die wilde 13

Ganz schnell, ganz schräg, ganz wild. Super Moto-Chef Thierry van den Bosch (2) sowieso – der Heidenheimer Jürgen Künzel (13) ab sofort.

Gaaanz weit hängen sich die Fans über die Absperrgitter, recken die Hände nach vorn uuuund patsch – erwischt. Einmal Abklatschen bei Jürgen Künzel, der nach dem Lauf mit seiner KTM an den Zuschauerrängen entlangtuckert, und der Renntag in Großenhain nimmt sein würdiges Ende. Mit dem Handschlag zum Paukenschlag. Denn bislang galten Jungs wie Jürgen im Super-Moto-Metier eher als Sänftenträger für die Driftkönige aus der Grande Nation. In der Szene zwar gern gelitten, im wesentlichen aber Auditorium der sportlichen gallischen Prunksitzung.

Doch just beim Auftakt zur Super-Moto-Europameisterschaft 2000 auf dem ehemaligen Militärflughafen, kaum vierzig Kilometer nordwestlich von Dresden gelegen, sägte dieser Jürgen Künzel ganz kräftig an den Stützen der Ehrenloge. Zweimal Rang zwei für den 25-jährigen Schwaben, und die Sensation war perfekt. Aber was sich kaum einer der 12 000 Fans rund um die knapp zwei Kilometer lange Piste hätte träumen lassen, war für den vergangenen Winter von Husqvarna zum KTM-Team von MiZu, dem deutschen Importeur der Sebring-Auspuffanlagen, gewechselten Heidenheimer lediglich die Folge sportlicher Konsequenz. Klammheimlich hatte sich der gelernte Konstruktionsmechaniker via französischer Lizenz in die eigentlich nur einheimischen Fahrern vorbehaltene, hochangesehene französische Super-Moto-Szene eingeschlichen und wenige Wochen vor dem Auftritt in Sachsen mit einem bislang für unmöglich gehaltenen Laufsieg die komplette französische Oberliga eingenordet.

Wobei sich Monsieur Künzel, EM-Ehrenränge hin oder Laufsieg in Frankreich her, sowie die restliche Super-Moto-Gilde über die Regentschaft in der aktuellen Saison bereits jetzt einig sind: Der neue Chef im Ring wird Thierry van den Bosch heißen. Keine Gegner in Frankreich, keine Gegner in der EM – wo der 24-Jährige antritt, belegt derzeit meist nur erste Ränge. Dabei sitzt der ehemalige Motocross- und Kartfahrer gerade mal zweieinhalb Jahre im Sattel der 17-Zoll-bereiften Offroad-Flitzer. Und weil es in der jungen Szene schon so manchen Franc zu verdienen gibt, müssen die Eltern des Husqvarna-Werksfahrers seit diesem Jahr ihr 30 Hektar großes Weingut in der Gascogne ohne ihren zum Winzer ausgebildeten Herrn Filius bewirtschaften.

Stichwort Verdienst - wie schnell sich die Super-Moto-Szene auf die gestiegene Popularität der EM – des höchsten Prädikats dieses Genres - eingestellt hat, bewiesen im Fahrerlager von Großenhain auch die Auftritte der Teams. Sowohl die italienischen VOR-Mannen als auch die Truppe von Husqvarna, KTM und selbst einige Privatfahrer folgen mit fein hergerichteten Sattelschleppern dem aktuellen Trend im Motorradrennsport. Was deren Bewohnerschar aber nicht zwangsläufig zum Erfolg führen muss. Stenogramm gefällig? Boris Chambon: Rang drei im ersten Lauf, in Heat zwei verdarb ein Zündungsschaden an seiner Husqvarna der französischen Super-Moto-Ikone die gute Laune gründlich – ausgerechnet an seinem 25. Geburtstag. Thierry Godfroid: Der amtierende Europameister kraxelte im aktuellen Formtief gerade mal auf einen elften und 15. Platz. Harald Ott: Der deutsche Dauerbrenner schied nach dem mageren 15. Rang im ersten Lauf im zweiten Rennen nach einer Kollission aus. Beat Gautschi: Nur als Reservefahrer qualifiziert, musste sich der Eidgenosse auf dem von Tunerlegende Fritz Egli vorangetriebenen Pilotprojekt von MZ mit Rang 20 bescheiden.

Wer´s besser machte? Etwa Mika Sironen. Der finnische Briefträger in Diensten des deutschen Kawasaki-Händlers Popko bewies, dass er nach zwei Schulterverletzungen in den vergangenen beiden Jahren nun endgültig den Anschluss an die internationale Spitze gefunden hat – Rang fünf und drei. Oder Klaus Kinigadner. Zweimal ein solider vierter Platz für den Evergreen aus dem Zillertal. Gemessen am Stress, den die KTM-Abordnung zu Beginn des Jahres hatte, als sie zehn Tage vor Saisonbeginn entschied, statt der neuen und lange getesteten 520er-Sport-Enduro wieder die bisherige 640er einzusetzen, kein schlechter Einstand.

Und wer könnte es besser machen? Meik Appel beispielsweise. Einmal Rang sechs und ein Sturz spiegeln das Potenzial des von Kawasaki zu KTM gewechselten Wolfsburger Naturtalents nur unzureichend wider. Oder Achim Trinkner. Etwas höher hinaus als Platz zehn im zweiten Lauf wird der 27-jährige Schwabe, der in der DM Kollege des illustren Thierry van den Bosch im Husqvarna-Team ist, schon kommen. Ganz sicher beim nächsten Lauf zur Super-Moto-EM. Denn der findet am 30. Juli in Alpe d´Huez, dem legendären Etappenziel der Tour de France statt – auf 1860 Metern Meereshöhe.

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