Super Moto-EM in Großenhain (Archivversion)

Bum Bum Boris

Wenn Super Moto-Cracks um EM-Ehren streiten, fällt einer immer auf: Husky-Werksfahrer Boris Chambon (5). Am besten mal zuschauen und nur noch staunen.

Die Zweifel bleiben erhalten. Denn ob die lokale Polizei in Großenhain nahe Dresden nur das Selbstbewußtsein der Super Moto-Fahrer aufpolieren wollte oder ob auf den Landstraßen auch so mancher Flitzende in der Radarfalle zu einem unverdienten Haftzuschlag verdonnert wird - Fakt war: Selten zuvor fuhren die Super Moto-Cracks so schnell wie in Deutschlands Osten. Bis zu 198 km/h blinkten auf dem - als PR-Gag installierten - Display der Ordnungshüter wenn die Cracks die 400 Meter lange Zielgerade entlangdonnerten - mindestens zehn km/h schneller als selbst die kräftigsten der etwa 70 PS starken umgebauten Cross-Maschinen mit diesem Anlauf zu sausen vermögen.Dennoch: Die Piste auf dem ehemaligen russischen Militärflugplatz gilt seit Jahren als die rasanteste aller deutschen Super Moto-Strecken und die Fans als die treuesten und vor allem zahlreichsten der schwarz-rot-goldenen Asphalt/Schotter-Szene. Ideal, um die Herausforderung Europameisterschaft zu wagen. Denn zwei Jahre lang hatte der europäische Motorradsport-Verband UEM versucht, den nationalen Super Moto-Meisterschaften ein europaweites Championat zu verordnen. Mit mäßigem Erfolg. Meist blieben die Stars der Szene zu Hause. Doch in dieser Saison soll der Knoten für die allerhöchste sportliche Liga der Driftkünstler endlich platzen. Mehr schnöder Mammon, TV-Präsenz und eine französische Vermarktungsagentur, die der bislang gedämpften Reiselust ihrer wilden Schäfchen mit viel Engagement auf die Sprünge hilft. Und weil - taktisch klug - der Auftakt zur fünfteiligen EM-Serie in Frankreich stattfand und dort natürlich die Hausmacht mit dickem Punktepolster das Terrain verließ, durften sich auch die Großenhainer Organisatoren freuen: Sie waren alle alle da. Tabellenführer Gilles Salvador, als steter Gast im deutschen Super Moto-Lager sowieso. Verfolger Thierry van den Bosch samt Husqvarna-Markenkollege Boris Chambon. Der zurückhaltende, aber pfeilschnelle Belgier Eric Dellanoy ebenso wie sein Landsmann Thierry Godfroid. Ganz zu schweigen von der versammelten deutschsprachigen Abordnung mit Dreifach-Champion Harald Ott, den Husky-Brennern Jürgen Künzel und Jens Hainbach, der KTM-Riege Klaus Kinigadner und Beat Gautschi, den Honda-Getreuen Achim Trinkner mit Toni Sedlacek und Kawasaki-Tausendsassa Meik Appel.Doch so weit sich die nicht-gallische Szene auch an die Franzosen fahrerisch herangepirscht zu haben glaubte, 1999 wird wohl nur derjenige Super Moto-Europameister werden. der die Marseillaise zu seinen persönlichen Charts-Favoriten zählt.Wie eben Thierry van den Bosch. Der 24jährige aus der Gascogne nahm seit seinem Umstieg vom Moto Cross in die Super Moto-Szene vor kaum mehr als zwei Jahren sämtliche nationalen Hitlisten im Sturm. Und nicht nur die. Auch in Großenhain donnerte der Winzer - er bewirtschaftet mit seinen Eltern ein 29 Hektar großes Weingut - im ersten Lauf schnörkellos und unauffällig vornweg. Was in Lauf zwei, nach einem kleinen Patzer van den Boschs Teamkollege Boris Chambon wiederholte - allerdings auf seine höchstpersönlich spektakuläre Art. Der kaum 1,60 Meter große Mann aus Avignon nutzte jede sich bietende Gelegenheit, um seinen Untersatz in voller Schräglage in einen perfekten Bremsdrift zu zwingen. Die Gunst der 7400 Fans war dem Südfranzosen, der am Tag vor dem Großenhainer EM-Lauf sein 24. Wiegenfest feierte, jedenfalls gewiß. Die erfuhr sich, zumindest im ersten Lauf, auch die einheimische Abordnung. Jürgen Künzel aus dem schwäbischen Heidenheim erkämpfte sich den feinen dritten Rang. Was ihn gütlich darüber hinwegsehen läßt, daß er im zweiten Heat nach einem flotten Absturz an einem ausgefahrenen Sprung vorzeitig schmerzhaften Abschied nehmen mußte. Der achtbare Rang fünf ging an das Braunschweiger Balance-Wunder Meik Appel, der sich damit wenigstens über einen Platten im zweiten Lauf hinwegtrösten konnte. Untröstlich war dagegen die KTM-Delegation. EM-Favorit Gilles Salvador stürzte in Lauf eins und fing sich im zweiten Rennen ebenfalls einen Platten ein. Klaus Kinigadner sattelte gleich in beiden Rennen ab. Einmal reichte es noch zu Rang 14 und zwei EM-Punkten, das andere Mal nur für Eisbeutel und Aspirin.
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Super Moto-EM Großenhain (Archivversion)

1. Lauf: 1. Thierry van den Bosch (F) Husqvarna, 2. Thierry Godfroid (B) Kawasaki, 3. Jürgen Künzel (D) Husqvarna, 4. Eric Dellanoy (B) Honda, 5. Meik Appel (D) Kawasaki, 6. Harald Ott (D) Kawasaki, 7. Mika Sironen (SF) Kawasaki, 8. Frédéric Fiorentino (B) Honda, 9. Beat Gautschi (CH) KTM, 10. Jean-Marc Gaillard (B) Honda...15. Toni Sedlacek (D) Honda;2. Lauf: 1. Boris Chambon (F) Husqvarna, 2. Godfroid, 3. van den Bosch, 4. Delannoy, 5. Stéphane Duchène (F) Kawasaki, 6. Gautschi, 7. Ott, 8. Achim Trinkner (D) Honda, 9. Dani Müller (CH) Yamaha, 10. Sedlacek;EM-Stand nach zwei von fünf Veranstaltungen:1. van den Bosch 70 Punkte, 2. Godfroid 55, 3. Dellanoy 54, 4. Chambon 46, 5. Gilles Salvador (F) KTM 37, 6. Gautschi 36, 7. Künzel 24, 8. Duchène 21, 9. Trinkner 20, 10. Ott 19.

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