Super Moto: Jubiläum 10 Jahre MOTORRAD-Super Moto (Archivversion)

Dauer-Brenner

Supermoto - Burnouts, Stoppies und Rennsport vom Feinsten. Was vor zehn Jahren begann, begeistert auch heute noch die Fahrer, die Fans – und uns von MOTORRAD sowieso.

Waaahnsinn. Eben noch prügelten die Fahrer ihre Maschinen in extremstem Drift in die Kurve, kämpften wie besessen um jeden Millimeter, und kaum, dass die schwarz-weiß-karrierte Flagge schwenkt, fallen diese Jungs ins Show-Fieber. Wheelies, Burnouts, Stoppies. Die Fans rasten aus. Wir auch. Noch nie gesehen, so ein Supermotard in Frankreich. Wird ´ne prima Story für MOTORRAD, Ende der achtziger Jahre. Nein, nicht nur das. Dieser Sport muss her. Doch wer importiert ihn? MOTORRAD fühlt sich berufen. Ideen werden gesponnen, Kontakte genützt. Anfang 1993 steht sie, die MOTORRAD-Marushin-Supermoto-Serie. Fünf Rennen, grenzenloser Optimismus. Gleich beim Auftakt auf dem Nürburgring soll es knallen. Die französischen Top-Piloten Laurent Pidoux und Didier Hoog werden engagiert, der italienische Rallyestar Franco Picco, DM-Superbiker Ernst Gschwender, Eisspeedway-Weltmeister Juri Ivanow, die Ex-Motocross-Größen Rolf Dieffenbach und Harald Ott. Gefangene werden in der Müllenbachschleife keine gemacht. Jeder will driften – und wenige können´s. Egal. Nur ein paar schleifen auf Leder über den Asphalt. Der Rest schmilzt sich die Motocross-Klamotten auf Oberschenkel und Unterarme. Auch egal. Kollege Gert Thöle und ich mittendrin. Gert bricht sich das Schlüsselbein, ich raspele mir im Finale das Knie auf. Wenigstens tröstet Platz drei im Halbfinale hinter Otti und Pidoux. Finalsieger wird Didier Hoog. Der Begeisterung tut´s keinen Abbruch. Noch im Fahrerlager werden Pläne geschmiedet. Was ist schneller? Knie raus oder Bein raus? Vier Wochen später treffen wir uns mit Ernst Gschwender und Laurent Pidoux im französischen Ledenon. Die Lichtschranke bringt die Wahrheit. Ernst, auf einer Kawasaki KX 500, rattert mit 50,5 km/h im Hanging-off-Stil durch unsere Messkurve, Laurent, auf einer Honda CR 500, muss mit 46,2 km/h und Stützfuß klein beigeben. Nur: Bleibt´s auch so, wenn die Jungs Dreck auf die Asphaltpiste geschleppt haben? Keiner weiß es genau. Bis heute, übrigens.Ein paar Wochen später geht´s nach Gründau. Da die wilden Ex-Crosser vor der Startampel wenig Respekt zeigen, wird eine Speedway-Startmaschine mit Gummistartband aufgestellt. Der Respekt wird trotzdem nicht größer. Doch die Frühstarter sind leichter auszumachen – an den roten Striemen um den Hals. Auftritt drei in Saarbrücken. Der Veranstalter ist hoffnungslos unterbesetzt. Die Personalreserve muss ran. Unser Fotograf verteilt die Strohballen, Suzuki-Rennleiter Jürgen Zürn wässert den Schotterteil, ein paar Zuschauer werden als Streckenposten für die 109 Fahrer aktiviert. Nach den Rennen in Heilbronn und Bensheim steht fest: Der erste Gesamtsieger der deutschen Supermoto-Historie heißt Harald Ott. Wir glauben an die Disziplin. KTM auch und bringt die erste Duke auf den Markt. Als Vorschau auf die Saison 1994 porträtiert MOTORRAD den neuen Supermoto-Star. Der beklebt die 500er-Kawasaki aber mit den Logos von, nicht mit dem Team Popko abgesprochenen Sponsoren. Drei Tage nach Erscheinen des Hefts ist Otti seinen Vertrag beim Braunschweiger Kawa-Händler inklusive des grünen Materials los. Wir landen unseren Coup: Supermoto tritt im Rahmen der Superbike-WM in Hockenheim auf. Husky-Importeur Zupin engagiert zur Feier des Tages zwei Franzosen: Boris Chambon und William Rubio. Die Strecke auf dem Dragstrip sowie der Sachs- und Südkurve ist gigantisch. Die Reaktion der Fans ebenfalls. Die Supermoto-Cracks entfachen eine regelrechte Massenhysterie. Der Schweizer Beat Gautschi luchst Honda-Pilot Harald Ott, der im letzten Rennen der Saison mit defekter Zündung ausfällt, den Sieg in der Serie ab. Beide treten in Paris beim Guidon d´Or, einem Promi-Supermoto auf der Vorstadt-Rennstrecke Circuit Carole, an. Harald weiß, dass die Strecke schnell ist. Papa Ott, Tüftler durch und durch, hat eine Lenkerverkleidung gebastelt. Nur: Die ist in Frankreich verboten. Ott senior gibt nicht auf. Ein Wassereimer wird halbiert und auf ein Alugestell genietet. Optik, na und? Harald macht´s nicht schlecht: Platz sechs.Wir bleiben weiterhin besessen und organisieren 1995 Deutschlands ersten Supermoto-Lehrgang. Boris Chambon und Landsmann Gilles Salvador instruieren, Beat Gautschi und ich übersetzen. Hockenheim II findet statt. Der weltbeste Supermoto-Drifter und Supersport-WM-Pilot Stéphane Chambon wird dafür engagiert. Geld ist Mangelware. Die Startprämie: vier Reifen für seinen BMW M3 – gratis geliefert von Sponsor Pirelli. Beziehungen sind eben wichtig. Stéphane siegt, die Fans drehen wieder durch. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt. Vier Wochen später werden in Großenhain wegen Zuschauermangel die Preisgelder halbiert. Heute zählen die Sachsen dort über 8000 Fans. Wer holt den Titel? Harald Ott, wer sonst.Ein Jahr später, 1996, wird die Supermoto-Serie zur offiziellen DM geadelt. Große Bremsen, kleine Räder sowie Slicks und Regenreifen aus dem Straßenrennsport sind längst technischer Standard. Nach dem Erfolg in Hockenheim gastieren wir auch bei der Superbike-WM in Assen. GP- und Superbike-Star John Kocinski, der uns bei der Streckenvorbereitung beobachtet, ist Feuer und Flamme, die Supermoto-Rennen mitzufahren. Ein Motorrad? Kein Problem, Husky-Importeur Zupin setzt alle Hebel in Bewegung. Zwei Stunden später ist der Zauber vorbei. Kocinskis Teamchef Virginio Ferrari hat sein Veto eingelegt. Der Amerikaner informiert uns höchst selbst und tief traurig. Dennoch, GP-Stars mit Supermoto-Faible wie Jürgen van den Goorbergh und Motocross-Weltmeister Pedro Tragter entschädigen uns. Die Stimmung passt. Achim Trinkner gewinnt – auf der geborgten Ersatzmaschine von Harald Ott. Wer holt den Titel? Wer wohl? 1997. Meik Appel erhält in Hockenheim von Freundin Claudia vor 20 000 Fans im Linda-de-Mol-Stil einen öffentlichen Heiratsantrag – doch Meik »will es sich noch ein bisschen überlegen«. Claudia bricht in Tränen aus, die Menge tobt. Als Meik drei Monate später in Assen aufs Siegerpodest klettert, skandieren Tausende deutscher Fans aus dem Stehgreif: »Heiraten, heiraten...« Zur weiteren Entwicklung der Beziehung: Heute haben die beiden zwei Kinder. Der Titel geht an - kein Kommentar.1998. Superbike-WM-Promoter Flammini mag uns nicht mehr. Wir vermuten Eifersucht. Assen und Hockenheim sind für die Supermoto-DM gestorben. Jammerschade. Jürgen Künzel gewinnt seinen ersten DM-Lauf. Eine andere Premiere begeistert. Standing ovations für die Supermoto-Mannen auf der Intermot in München. Sogar das Messepersonal fällt in Ekstase und schwingt sich bei Appel und Co nach den Rennen als Sozius auf die Bikes. Der Sport professionalisiert sich immer mehr. Straßen- oder Motocross-Stars erben bei den beliebten Saisonabschluss-Rennen wie dem Guidon d´Or gegen die Spezialisten keinen Blumentopf mehr und werden entweder getrennt gewertet oder bleiben ganz zu Hause. Der Meister? Nervig, diese Frage.Die Neuzeit ist bekannt. Doch nicht? Also gut. 1999, Großenhain. Als PR-Gag misst die Polizei den Topspeed. Stolze 198 km/h rennen die schnellsten Maschinen. Das Data-Recording der Teams zeigt maximal 180 km/h. Und wer zahlt die überhöhten Knöllchen bei solchen Kontrollen im Straßenverkehr? 2000 entmachtet der französische Newcomer Thierry van den Bosch Dauer-Regent Ott im Handstreich. MOTORRAD testet alle Rennmaschinen. Die Stärkste: die 740er-Egli-MZ von Beat Gautschi mit 80 PS, Husky und KTM folgen mit 72 PS. Standardbeschleunigung von 0 auf 100 km/h: 3,5 Sekunden. In der nächsten Saison wird Jürgen Künzel Deutschlands erster Supermoto-Profi. Auf Schalke findet das erste Indoor-Supermoto Deutschlands statt, und Klaus Kinigadner verpasst den DM-Titel zum dritten Mal in Folge um Haaresbreite. Und im Jubeljahr 2002? KTM bietet erstmals einen vollwertigen Supermoto-Production-Racer an. Die so genannte Factory Replica kostet 16 000 Euro. Die Supermoto-WM entsteht. MOTORRAD holt Supermoto quasi vor die Redaktionstür nach Stuttgart. Die 10 000 Fans nehmen die Premiere großartig an. Beim Finale in München jubelt Jürgen Künzel über seinen ersten DM-Titel. Und MOTORRAD feiert kräftig mit – auch noch nach zehn Jahren.
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Super Moto: Jubiläum 10 Jahre MOTORRAD-Super Moto (Archivversion) - Der Urknall

Supermoto hat´s MOTORRAD angetan. Denn 1986, beim allerersten Supermoto in Deutschland, dem so genannten Allround-Race auf dem Hockenheimring, war MOTORRAD auch schon mit am Werk. Die Premiere hatte es in sich, das Starterfeld im Rahmen des Straßen-WM-Finales konnte sich sehen lassen: Speedway-As Egon Müller, Eisspeedway-Größe Helmut Weber, die Motocrosser Rolf Dieffenbach und Werner Siegle, Enduro-Chef Bert von Zitzewitz, die Straßenstars Reinhold Roth, Peter Rubatto, Ernst Gschwender und vor allem der damals noch vierfache Weltmeister Toni Mang (Foto). Der zog sich zwar als Vorletzter sportlich nur mäßig aus der Affäre, dafür aber die Presse in den Bann. Als Gäste im »Aktuellen Sportstudio« des ZDF sorgte eine Abordnung der Supermoto-Pioniere für ein gewaltiges Medienecho. Sieger wurde ein Außenseiter: Motocrosser Alois Niedermayr.

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