Superbike- und Supersport-WM in Imola/Italien (Archivversion) Maßarbeit

Der junge Australier Andrew Pitt tat auf seiner Werks-Kawasaki genau das, was zum Supersport-WM-Titel 2001 nötig war. Ein Sieg in einem Rennen gehörte nicht dazu.

Der deutsche Kawasaki-Racing-Teamchef Harald Eckl blieb auch im Moment des Triumphs gelassen. »Ob ich mit dem Supersport-WM-Titel Anfang des Jahres gerechnet habe? Eigentlich schon, aber wenn ich ehrlich bin, eher mit meinem anderen Fahrer.« Doch die WM-Saison 2001 lief für den Schotten Iain MacPherson recht zäh, und der Kawasaki-Junior Andrew Pitt übernahm ebenso unauffällig wie zwingend das Zepter, zuerst innerhalb des Teams und zum guten Schluss beim Finale im italienischen Imola vor gut 40000 Zuschauern auch in der WM-Gesamtwertung.Dass der 25-jährige Australier diesen WM-Titel ohne einen einzigen Rennsieg holte, nimmt dem Erfolg zwar einiges an weltmeisterlichem Glanz, zeigt aber Pitts konstante Leistungen auf höchstem Niveau und seine Coolness. Neben zwei zweiten und vier dritten Plätzen punktete er auch in allen anderen Rennen und fuhr im Finalrennen mit aufreizender Präzision genau so schnell wie nötig, um den Titel zu sichern.WM-Favorit Paolo Casoli ging schon beim Anbremsen der allerersten Kurve des Rennens zu Boden, weil er wohl äußerst überrascht war, dass Karl Muggeridge es wagte, seine Suzuki auf der Bremse an der Belgarda-Yamaha des vermeintlichen Königs vorbeizudrücken. Anschließend übergoss der impulsive Italiener den armen »Muggas«, den er fast noch mit zu Sturz gebracht hätte, völlig unberechtigt mit allen Flüchen, die seine blumige Muttersprache bereit hält.Andrew Pitt ließ sich danach mit seiner Werks-Kawasaki allmählich hinter Muggeridge, den französischen Honda-Fahrer Fabien Forêt sowie Casolis Teamkollege Jamie Whitham zurückfallen. »Nach Casolis Sturz reichte Rang vier zum Titel, solange Jörg Teuchert nicht gewinnt, und der lag von Anfang an weit hinter mir«, kalkulierte der Australier kühl.Die Taktik, aus dem WM-Finale eine einsame Gleichmäßigkeitsprüfung zu machen, ging für Pitt glänzend auf. Vorn rang Forêt heldenhaft Muggeridge und Whitham nieder. Und hinter dem Australier bestätigte sein Vorgänger als Weltmeister, der Deutsche Jörg Teuchert, seinen Ruf als Held der Arbeit. Vom wieder mal schwachen Startplatz 14 donnerte der Franke auf Rang fünf nach vorn, musste dann jedoch realisieren, dass er in Imola vorläufig das letzte Mal die Startnummer eins getragen hat. »Als ich mich endlich an die Spitze vorgekämpft hatte«, so Teuchert, »war Andrew Pitt schon um einige Sekunden weg. Und ich hätte ja an ihm vorbeigehen und gewinnen müssen. Das war heute nicht drin.«Bei allem Respekt gegenüber dem neuen Champion – »Pitt ist ein würdiger Weltmeister, auch ohne Laufsieg. Denn Konstanz zählt genauso« – wird Teuchert aber ganz tief im Inneren offenbar das Gefühl nicht los, dass er diese WM eher verloren hat, als Pitt sie gewonnen. »Der unverschuldete Sturz von Oschersleben, als mich der Japaner Fujiwara recht dumm vom Motorrad geholt hat, hängt mir sehr nach. Dort habe ich mehr Punkte verloren, als ich jetzt in der Tabelle hinten liege. Außerdem haben uns die immer wieder schlechten Trainingsergebnisse zurückgeworfen. Dieses Problem müssen wir 2002 unbedingt beseitigen. Denn die Aufholjagden, so spektakulär und imagefördernd sie auch sind, klappen eben nicht immer.«Überhaupt nichts geklappt hat für Troy Bayliss, der bereits vor Imola als Superbike-Weltmeister feststand. Der sympathische, aber medienscheue Australier warf kurz vor Ende der vorletzten Runde des ersten Laufs seine Werks-996, in Erinnerung an den Sieg in Europas erstem Superbike-ähnlichen Rennen 1972 in Imola in der damaligen Ducati-Farbe Silber lackiert, bei einem Highsider vor die Werks-Aprilia von Régis Laconi. Der Franzose stürzte höchst spektakulär über die Duc, konnte sich aber im zweiten Lauf mit einem überzeugenden Sieg schadlos halten.Bayliss selber hatte sich das Schlüsselbein gebrochen und musste bei der offiziellen WM-Feier zwei Mechaniker mit auf die Bühne bringen, um die extrem schwere WM-Trophäe halten zu können. Einziger Ducati-Lichtblick auf heimischen Boden, nur rund 30 Kilometer vom Werk in Bologna entfernt, war so Ruben Xaus, der sich im ersten Rennen rechtzeitig aus dem Staub gemacht hatte und von Bayliss’ Geschoss unbehelligt gewinnen konnte.

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