Superbike- und Supersport-WM in Losail/Q (Archivversion) heisse

Troy Bayliss und Alex Barros sind nicht gerade freiwillig
aus der MotoGP-Welt in die Superbike-WM gewechselt.
Deshalb wollen beide nur
eines: den Titel. Beim Saison-
auftakt in der Wüste von
Qatar suchten sie auf recht unterschiedliche Weise nach dem Weg zum großen Ziel.

Troy Bayliss, der Superbike-Weltmeister von 2001, war sichtlich bewegt von der allgemein sehr freundlichen Aufnahme seines Comebacks im Circus Flamminicus nach dem dreijährigen MotoGP-Abstecher und zeigte sich entsprechend respektvoll. »Natürlich erwarten jetzt alle von mir, dass ich das Ducati-Werksteam wieder an die Spitze bringe und den WM-Titel nach Bologna zurückhole«, gab der Australier zu, »und das ist logischerweise auch mein Ziel. Aber andererseits habe
ich noch jedem, der mir freudestrahlend seine Erwartungen mitteilte, erklärt, dass ich auf der Rennstrecke noch niemals meine Gegner unterschätzt habe. Und schon
gar nicht, wenn ich mir das Starterfeld der Superbike-WM 2006 anschaue, das so stark ist wie vielleicht nie zuvor.«
Dass Respekt vor den Widersachern allerdings nicht zu erstarrter Ehrfurcht führen muss, demonstrierte Bayliss beim Saisondebüt auf der Piste von Losail mitten
in der Wüste, rund zehn Kilometer nördlich von Qatars Hauptstadt Doha, vorsichtshalber gleich mit der Pole Position vor seinem Junior-Partner im Ducati-Werksteam, dem 23-jährigen Italiener Lorenzo Lanzi. Auf den Plätzen: der überraschend starke Yamaha-Fahrer Andrew Pitt sowie James Toseland, der bei Ducati Corse Bayliss weichen musste und schließlich bei Ten-Kate-Honda untergekommen war.
Mister Superpole, der Weltmeister und Top-Favorit Troy Corser, war mit seiner
Alstare-Corona-Suzuki gar nur Fünfter und musste sein Projekt Titelverteidigung folglich aus der wenig standesgemäßen zweiten Startreihe angehen.
Deutlich weiter hinter fand sich ein
wenig verdutzt der andere, vielleicht sogar etwas prominentere GP-Umsteiger wieder. Alex Barros hatte im Vorjahr noch mit
Nicky Lee Hayden, Loris Capirossi und Marco Melandri zur illustren Viererbande gezählt, die als Einzige gegen GP-Überflieger Valentino Rossi siegen konnte. Im Vorfeld der Superbike-Weltmeisterschaft 2006, die er nach turbulenter Teamfindungsphase anstelle des Deutschen Max Neukirchner
im österreichischen Klaffi-Honda-Team bestreitet, hatte Barros klar signalisiert, dass er allenfalls Troy Bayliss als größere
fahrerische Herausforderung ansehe. Nun stand der Brasilianer – auch aufgrund
des späten Starts seines Teams in die Saisonvorbereitung mit großem Entwicklungsrückstand – lediglich auf Startplatz zwölf in der dritten Reihe.
Die beiden ersten Rennen der neuen Saison brachten unsere GP-Helden zunächst noch weiter auseinander. Bayliss wurde wie alle anderen von den blitz-
artig startenden und damit massiv nach –
allerdings völlig legaler – Launch Control
riechenden neuen Yamaha R1 von Andrew Pitt und Publikumsliebling Noriyuki Haga überrascht und fuhr zweimal auf Rang zwei – einmal mit System, Bedacht und einer
guten Portion Glück; das zweite Mal
stürmisch, heldenhaft und aggressiv haarscharf am Sieg vorbei.
»Ich war nach den Trainings ziemlich sicher, dass meine Reifen bei zunächst
etwas zurückhaltender Fahrweise sehr
gut die 18-Runden-Distanz auf dieser als
reifenmordend bekannten Strecke durch-
halten würden«, erklärte der Ex-Weltmeister,
»und dachte, dass dies kein Geheimnis
ist. Im Laufe der beiden Rennen realisierte ich jedoch, dass die meisten Gegner im Vorderfeld in den ersten Runden heftig
attackierten und dabei ihre Reifen stark beanspruchten.«
Tatsächlich rückte die Ducati mit der Startnummer 21 nach diskreten Anfangsphasen in beiden Rennen zum Finale hin mehr und mehr in den Blickpunkt. Dennoch hätte Taktiker Bayliss wohl das Siegerpodest des ersten Rennens verpasst, wenn sich die beiden im echten Leben durchaus befreundeten Japaner Noriyuki Haga und Yukio Kagayama in der letzten Runde auf friedlichere Weise über den
Sieger dieses Rennens hätten einig werden können. Haga knallte in der vorletzten Linkskurve vor dem Ziel seine Yamaha in eine kaum vorhandene Lücke innen neben Kagayamas Suzuki. Das Manöver inklusive Bremspunkt, Schräglage und Motorradkontrolle war deutlich überoptimistisch, Haga rammte seine R1 in die gelbe GSX-R 1000, Kagayama stürzte.
So fand sich Bayliss unvermittelt im Kampf um den Sieg wieder, ausgerechnet gegen seinen Vorgänger im Ducati-Werks-Team, James Toseland. Immerhin 2004 ebenfalls schon einmal Superbike-Weltmeister, bot Toseland alles auf, was er und seine Ten-Kate-Honda-Fireblade in petto hatten, um diese unvermutet aufgetauchte, ebenso kurze wie heftige Prestige-Schlacht zu gewinnen. Um neun Hundertstel konnte der Brite die Ducati hinter sich halten und durfte sich so im Ziel auch ein wenig
Sarkasmus erlauben: »Über die Hälfte des Winters wusste ich nicht, ob ich überhaupt weitermachen kann, ob ich in die britische oder die US-Meisterschaft abgeschoben werden sollte. Und nun gleich ein Sieg. Ich fahre jetzt im besten Team der Superbike-Weltmeisterschaft.«
Der knapp geschlagene Bayliss dagegen blieb freundlich, verwies erneut darauf, bloß niemand zu unterschätzen, und zog mit derselben Strategie ins zweite Rennen. Zu Beginn das gleiche Yamaha-Feuer-
werk an der Spitze, wieder allmähliches Erstarken von Bayliss im letzten Renndrittel. Und ein zwar sturzfreier, aber noch atemberaubender Finalakt – Troy Bayliss diesmal mittendrin.
In der letzten Runde stellte der Australier den aktuellen Weltmeister Troy Corser, der im ersten Rennen, von einer defekten Kupplung behindert, nur diskreter Vierter werden konnte. Das zweite Rennen dominierte er standesgemäß, bis zur vorletzten Runde. »Ich hatte auch gegen Corser noch mehr Reserven, was die Reifen anging, war schneller. Wir haben uns mehrfach gegenseitig überholt. In der allerletzten Linkskurve habe ich es dann leider etwas übertrieben«, so Bayliss
Corser konterte den Angriff seinen
Namensvetters, indem er die mit großem Überschuss herandampfende Ducati elegant innen durchließ, um am Kurvenausgang auf der besseren Beschleunigungslinie selber wieder innen durchwischen zu können – in Richtung Sieg.
»Ich habe wenige Runden vor Schluss den Ducati-Sound gehört«, grinste Corser auf dem Siegerpodest, »und mir war klar, dass es sich dabei nur um Troy han-
deln konnte. Er kam verdammt zügig und
äußerst aggressiv daher. Aber in dieser
Kurve wollte er es mit der Brechstange wissen. Das konnte nicht gut gehen, ich war sogar ein wenig überrascht, dass er
es auf diese Weise probiert hat.«
Der erneut geschlagene Bayliss indes war mit den zwei zweiten Plätzen neuer WM-Tabellenführer und steht damit vor seinem Heimspiel in Phillip Island nur ein Woche nach den Rennen in Qatar ziemlich genau dort, wo er und Ducati hinwollen.
Sein Ex-MotoGP-Kollege Barros kämpft noch mit einer ganzen Reihe von Unwägbarkeiten. »Unser entscheidendes Manko ist, dass wir nicht genug testen konnten, daher im Rückstand sind, vor allem, was die Motorleistung angeht«, so der 36-jährige Brasilianer, »die derzeitigen Triebwerke sind deutlich unterlegen. Wir bekommen erst für den dritten WM-Event Ende April
in Valencia voll konkurrenzfähige Motoren. Deshalb kann es im Moment nur darum gehen, den Punkterückstand in Grenzen zu halten. Denn mit einen Top-Motorrad sehe ich mich durchaus in der Lage, in dieser Klasse ganz vorn mitzureden.«
Bis dahin muss der Superbike-Neuling mit über 200 Grand Prix auf dem Buckel allerdings auf der Startlinie besser in die Gänge kommen. Denn in beiden Rennen fiel Barros erst mal bis fast auf Rang 20 durch, bevor er sich immerhin noch auf
die Plätze sechs und sieben vorarbeiten konnte: »Die Kupplung war für mich
katastrophal zu dosieren, das müssen wir selbstverständlich auch noch in den Griff kriegen.« Mit 19 WM-Punkten auf Rang sechs der Superbike-WM-Tabelle und 21 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Bayliss sieht der Brasilianer nach wie vor alle Chancen intakt: »In Phillip Island wird es noch nicht besser werden, da fehlt uns auf der langen Geraden erst recht die Spitzenleistung, doch danach habe ich 22 Rennen Zeit für die Aufholjagd.«
Eine interessante Perspektive für das Duell der Ex-GP-Helden, aber nicht nur
Titelverteidiger Troy Corser wird alles dafür tun, dass das Superbike-Jahr 2006 auch einen ganz anderen Verlauf findet.

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