Superbike- und Supersport-WM in Oschersleben (Archivversion)

Super-GAU

Zwei Kurven vor Schluss war im Motopark Oschersleben alles bestens. Der neue Supersport-Weltmeister würde so gut wie sicher aus Deutschland kommen. Aber dann kam der Absturz.

In der hintersten Ecke der Alpha-Technik-Box saßen die beiden, vereint auch im Elend der Katastrophe. Christian Kellner kauerte an der Wand, sich seiner Tränen in keinster Weise schämend. Keine 20 Zentimeter entfernt hockte auf der selben Bank Jörg Teuchert, den Kopf tief zwischen seine Knie vergraben. Und über ihm kauerte, wie zum Schutz vor der bösen Welt, sein Vater Arnulf, vor gut 20 Jahren ein Weltklasse-Endurofahrer, ebenfalls in Tränen aufgelöst.Wie wenn sie ihre eigenen Pappfiguren wären, standen die Mechaniker des deutschen Vorzeige-Racing-Teams unmotivert im Halbdunkel der Garage, den Blick auf unendlich gestellt und die Köpfe leer. Von Teamchef Udo Mark keine Spur. Obwohl man eine Stecknadel hätte fallen hören, waren die stummen Schreie lauter noch als die Classic-Bikes, die im hinteren Teil des Fahrerlagers für ein Show-Rennen warmliefen.Kaum zehn Minuten vorher schien noch alles bestens. Die beiden Alpha-Technik-Cracks dominierten im Motopark Oschersleben vor knapp 40000 Zuschauern das vorletzte Supersport-WM-Rennen der Saison nach Belieben. Ihr Hauptwidersacher, Ducati-Nummer eins Paolo Casoli, war schon früh zusammen mit dem Kawasaki-Junior Andrew Pitt gestürzt. Und Titelverteidiger Stéphane Chambon auf der Alstare-Corona-Suzuki folgte dem rot-gelben Duo an der Spitze zwar wie ein Schatten, hatte aber ganz offensichtlich wenig Chancen, die Kreise von Christian Kellner und Jörg Teuchert zu stören.Zu Beginn der letzten Runde war Kellner vorn, und am Streckenrand begannen alle zu rechnen, möglicherweise sogar auch die beiden Piloten,. Bei einem Sieg Kellners vor Teuchert wäre der Rückstand des Oberbayern auf seinen fränkischen Partner und Rivalen auf zwei Punkte geschrumpft, und jeder der beiden hätte beim WM-Finale in Brands Hatch am 15. Oktober aus eigener Kraft den Titel erringen können. Fände dagegen Jörg Teuchert noch einen Weg vorbei an seinem Teamkollegen, wäre sein Vorsprung auf Kellner auf zwölf Punkte angewachsen. Im Falle eines Teuchert-Sieges wäre Teamchef Udo Mark wohl nicht an einer dirigistischen Maßnahme zugunsten Teucherts für das Final-Rennen in England vorbeigekommen, denn dort konnten zumindest rechnerisch auch die Konkurrenten Chambon und Casoli beim Titelkampf noch ein Wörtcehn mitreden.Ob der gute Christian Kellner den obigen, nicht ganz unkomplizierten Sachverhalt in dieser letzten Runde von Oschersleben tatsächlich gegenwärtig hatte, darf eher bezweifelt werden. Was er aber wusste, war genug: Wenn er noch eine Chance auf den WM-Titel haben wollte, musste er dieses Rennen gewinnen, auch und gerade gegen seinen Teamgefährten Teuchert.Und ganz in diesem Sinne blockte Kellner in der ersten Hälfte der letzten Runde mit einer aufreizenden Konsequenz, aber immer fair und sauber die Kampflinie ab und nahm so dem ungestüm drängelnden Jörg Teuchert jegliche Chance zum Überholen. Bis ans Ende der Gegengerade. Vermutlich, um auf einer schnelleren Linie aus der folgenden Rechtskurve herauszukommen, holte Kellner ganz leicht links aus, ausgerechnet vor einem Eck, wo ihn Teuchert in einer früheren Phase des Rennens schon einmal überholt hatte. Der zweifache deutsche Supersport-Meister nahm diese Einladung natürlich sofort an und pfeilte annähernd auf der normalen Kurvenlinie in Führung und durch das folgende S-Geschlängel.Das Rennen schien entschieden, aber der verdutzte Kellner gab noch nicht auf. In die vorletzte Rechtskurve, kaum einen Kilometer vor dem Ziel, zog er extrem spitz rein mit einem Bremspunkt jenseits von gut und böse, während Teuchert erbarmungslos auf der Ideallinie blieb, die Nase seiner Yamaha R6 mit der Startnummer vier knapp vor dem Kollegen mit der Nummer sechs hielt, sich als Sieger wähnte, bis der überbremst wegrutschende Kellner rechts einschlug und die gesamte Herrlichkeit des deutschen Motorradrennsports im Sand der Magdeburger Börde versank. Und noch mehr: Auch die Philosophie von Teamchef Udo Mark, stark vereinfacht vielleicht in die dürren Worte »die Mannschaft ist der Star« zu pressen, hatte plötzlich ebenfalls ihren für viele Gegner sehr exotischen Zauber verloren.Weltmeister Chambon konnte nicht glauben, was er sah, fuhr als Sieger über die Ziellinie und wusste immer noch nicht so recht, wie ihm geschah: »Es ist unglaublich. Ich bin als WM-Vierter hierher gekommen und hatte mich schon mit dem dritten Platz abgefunden. Dann hauen sich die beiden vor mir raus. Ich gewinn’ das Rennen, bin plötzlich Tabellenführer - nicht zu fassen. Aber jetzt lassen wir in Brands Hatch nichts mehr anbrennen. Ich werde den Titel behalten.« Wenn Chambons Plan klappt, wird er die Weltmeisterschaft wohl nicht ein weiteres Mal verteidigen, denn der Südfranzose steigt Team-intern auf und wird neben Pierfrancesco Chili die zweite Alstare-Corona-Suzuki GSX-R 750 in der Superbike-WM 2001 bewegen.Auch die beiden Herren neben dem Titelverteidiger auf dem Siegerpodest, der 24 Jahre junge australische Honda-Angreifer Karl Muggeridge und der Franzose Fabien Foret auf der DeCecco-Ducati schauten angesichts der Vorkommnisse in der letzten Kurve noch reichlich ungläubig drein, als sie die Pokale entgegennehmen durften.Von der im Alleingang k.o. gegangenen Alpha-Technik-Truppe fand als einziger Christian Kellner Worte, die sich zu seinem, wenn auch nicht allzu starken Verteidigungsplädoyer verdichteten: »Ich war der festen Überzeugung, dass das Manöver gelingt. Aber dann kam der Jörg plötzlich so schnell von außen herein.«Ganz ausgeträumt ist der Titeltraum im deutschen Yamaha-Team allerdings noch nicht. Wenn Jörg Teuchert in Brands Hatch gewinnt, Casoli nicht besser als Dritter platziert ist und Chambon auf seiner Lieblingsstrecke gar nur Achter wird, oder wenn Kellner gewinnt, Casoli nur Fünfter und der Weltmeister bestenfalls 15. wird, dann steigt vielleicht doch noch die große WM-Fete im Alpha-Technik-Zelt.Trotz alledem war ein deutscher Yamaha-Fahrer schon in Oschersleben bester Ding. Stefan Nebel auf seiner Fuji-Karthin-Yamaha münzte seine Wild Card in einen mehr als bemerkenswerten achten Platz um.
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Superbike-WM Oschersleben/D (Archivversion)

Ergebnisse1. Lauf: Ergebnis nach 28 Runden = 102,676 km1. Colin Edwards (USA) Honda 41.50,0412. Gregorio Lavilla (E) Kawasaki -5,6423. Troy Bayliss (AUS) Ducati -7,0644. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -7,2245. Aaron Slight (NZ) Honda -7,4316. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -10,6107. Troy Corser (AUS) Aprilia -13,8908. Alessandro Antonello (I) Aprilia -22,7559. Noriyuki Haga (J) Yamaha -23,24110. Ben Bostrom (USA) Ducati -25,28411. Alessandro Gramigni (I) Yamaha -25,46112. Wataru Yoskikawa (J) Yamaha -34,92813. Robert Ulm (A) Ducati -35,23014. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki -45,01515. Markus Barth (D) Yamaha -48,893Schnitt des Siegers : 147,262 km/h2. Lauf: Ergebnis nach 28 Runden = 102,676 km1. Colin Edwards (USA) Honda 41.48,2772. Troy Bayliss (AUS) Ducati -4,1993. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -5,8084. Gregorio Lavilla (E) Kawasaki -6,9045. Noriyuki Haga (J) Yamaha -10,2426. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -20,9597. Ben Bostrom (USA) Ducati -22,7138. Katusaki Fujiwara (J) Suzuki -25,5299. Wataru Yoshikawa (J) Yamaha -28,83810. Robert Ulm (A) Ducati -35,62311. Alessandro Gramgini (I) Yamaha -39,10012. Andreas Meklau (A) Ducati -41,71113. Markus Barth (D) Yamaha -51,10114. Lance Isaacs (RSA) Ducati -1.05,49315. Marco Borciani (I) Ducati -1.08,870Schnitt des Siegers: 147,366 km/hPole Position: Edwards in 1.27,799 min = 150,360 km/hschnellste Rennrunde: Edwards in 1.28,294 min = 149,510 km/hWM-StandEdwards 367Haga 315Corser 288Chili 234Yanagawa 228Bayliss 223Bostrom 169Slight 142Fujiwara 140Lavilla 116Borja 111Meklau 92Hodgson 86Antonello 72Ulm 67Aoki 57SupersportErgebnis nach 28 Runden = 102,677 km1. Stéphane Chambon (F) Suzuki 43.20,3272. Karl Muggeridge (AUS) Honda -11,9703. Fabien Foret (F) Ducati -12,4914. Ruben Xaus (E) Ducati -13,4555. Massimo Meregalli (I) Yamaha -21,9906. Piergiorgio Bontempi (I) Ducati -27,8177. Cristiano Migliorati (I) Suzuki -31,5748. Stefan Nebel (D) Yamaha -33,2949. Walter Daemen (B) Yamaha -33,52310. Michele Malatesta (I) Suzuki -45,09611. James Ellison (GB) Honda -46,48412. Karl Harris (GB) Suzuki -47,86413. Kees Verstraeten (NL) Yamaha -51,61614. William Costes (F) Honda -54,25615. Vittorio Iannuzzo (I) Yamaha -54,507Schnitt des Siegers: 142,149 km/hPole Position: Muggeridge in 1.31,291 min = 144,610 km/hschnellste Rennrunde: Jörg Teuchert (D) Yamaha in 1.31,947 min = 143,574 km/hWM-StandChambon 133Casoli 122Teuchert 116Kellner 109Whitham 88Muggeridge 88Xaus 77MacPherson 69Meregalli 58Pirovano 53Bontempi 51Pitt 50Riba 44Cogan 38Lindholm 34Daemen 29Carlacci 28Migliorati 28

Superbike-WM Oschersleben/D (Archivversion) - »Eigentlich bin ich Weltmeister“

Zwei überlegene Siege bei der Premiere der Superbike-WM im Motopark Oschersleben, dazu Rundenrekord und Pole Position. Besser hätte es nicht laufen können für Honda-Werksfahrer Colin Edwards, der zudem noch uneinholbare 52 Punkte Vorsprung in der WM-Tabelle auf Yamahas Superstar Noriyuki Haga hat. Dennoch gab es vom Texas Tornado nur den reichlich dünnen, fast schon trotzig ausgestoßenen Satz: »Also, wenn du mich fragst,bin ich Weltmeister.«Tatsächlich hatte der arme Colin Edwards noch nichts zu feiern. Denn jetzt ist eingetreten, was keiner wollte. Die über die gesamte Saison verschleppte entscheidung über die Disqualifikation von Noriyuki Haga wegen Ephetrin-Doping beim Saisonauftakt am 2. April im südafrikanischen Kyalami wird endgültig erst am 12. Oktober gefält, drei Tage vor dem Saisonfinale in Brands Hatch, bei einem Hearing in Lausanne vor dem Court of Arbitration for Sports (CAS), einem weltweit allen Sportverbänden übergeordneten Schiedsgericht. »Und dort«, so schreckte FIM-Technik-Kommissar Steve Whitelock mit einer düsteren Vorhersage alle auf, »haben bisher noch alle Sportler in ihren Berufungsverfahren Recht bekommen.«Fällt die Superbike-WM-Entscheidung 2000 also eventuell am grünen Tisch? Verliert Haga dort, ist Edwards Weltmeister. Gewinnt Haga seine Berufung, bekommt er die 45 Punkte von Kyalami zurück und startet mit nur zwei Zählern Rückstand in Brands Hatch. Dann ist alles möglich.Auf jeden Fall nicht mehr in die WM eingreifen können trotz begeisterndem Form-Hoch die Kawasaki-Superbiker. Gregorio Lavilla und Akira Yanagawa, die mit dem gesamten Kawasaki Racing Team die Sommerpause zwischen den August-Rennen in Brands Hatch und der Herbstoffensive in Assen und Oschersleben zu intensiven test genutzt haben, ernten jetzt ihre Früchte. Endlich mit einem problemlos funktionierendem Fahrwerk ausgestattet, hetzte Lavilla seine grüne ZX-7RR auf die Ränge zwei und vier; kaum schlechter war Yanagawa in Oschsersleben als Vierter und Dritter.Ebenfalls in guter Form zeigten sich die Organisatoren des Superbike-WM-Debüts in der Magdeburger Börde. »Der Superbike-WM-Termin 2001 in Oschersleben steht bereits fest: 2. September«, so ADAC-Motorsport-Geschäftsführer Hans-Jörg Weick, »für das zweite deutsche Rennen stehen wir derzeit noch in guten Verhandlungen mit dem Eurospeedway Lausitz.« Hockenheim als Traditionsaustragungsort hat offenbar keine allzu guten Karten mehr. Die vorläufigen Superbike-WM-Termine 2001 im einzelnen: 11. 3. Valencia/E, 1. 4. Kyalami/RSA, 22. 4. Phillip Island/AUS, 29. 4. Sugo/J, 13. 5. Donington Park/GB, 27. 5. Monza/I, 3. oder 10. 6. Eurospeedway Lausitz oder Hockenheim, 24. 6. Misano/I, 8. 7. Laguna Seca/USA, 5. August Brands Hatch/GB, 2. 9. Oschersleben, 9. 9. Assen/NL, 30. 9. Imola/I.

MOTORRAD in der Superbike-WM (Archivversion) - Krieg dem Schmerz

Markus Barth fühlt sich wohl in Oschersleben. Auch am Freitagabend nach dem Zeittraining stand er auf Rang 13 relativ sicher auf Superpole-Kurs - die schnellsten 16 Superbiker fahren ja in einem fernseh- und prestigeträchtigen Einzelzeitfahren die Startplätze in den ersten vier Reihen unter sich aus.Was ihn aber noch sehr viel mehr schmunzeln ließ: Der große Yamaha-Überflieger Noriyuki Haga war nur sieben Hundertstelsekunden schneller als der deutsche Supersport-Meister. »Morgen pack’ ich den Haga«, verabschiedete sich Barth augenzwinkernd vom Abendessen im Zelt seines Alpha-Technik-Teams.Ganz hat es dafür zwar nicht gereicht, aber immerhin tauchte der Name Barth am Samstag bisweilen sogar auf Platz neun der Rangliste auf. Schließlich war der Schwabe als Zwölfter des Trainings locker ins Superpole-Feld gezogen. Zwar nicht vor Haga, aber immerhin vor Wild-Card-Fahrer Wataru Yoshikawa, seines Zeichens Yamaha-Werksfahrer und japanischer Superbike-Meister 1999, der die Superpole-Qualfikation nicht geschafft hatte.In der Startaufstellung nach dem Superpole-Zeitfahren stand Markus Barth dann auf Platz 14 plötzlich als bester Yamaha-Fahrer. Grund: Der 125er Weltmeister von 1992, Alessandro Gramigni, war langsamer, und Hyper-Star Haga fiel ausgerechnet in der seiner heißen Runde von der Werks-R7.Aber leider war nicht nur die stetig ansteigende Formkurve ein ständiger Begleiter von Markus Barth am Oschersleben-Wochenende. Er laborierte auch immer noch an der gebrochenen linken Mittelhand, die er sich bei Testfahrten im französischen Magny Cours und einem weiteren Sturz beim Superbike-WM-Rennen in Assen eine Woche vor Oschersleben angeschlagen hatte.»Ich war das ganze Wochenende über permanent in Behandlung, entweder bei Rennarzt Dr. Christoph Scholl oder bei Martin Grill, dem Physiotherapeuten des österreichischen Gerin-Ducati-Teams«, schilderte Markus seinen Oschersleben-Alltag, »das ist ein wahrer Magier.Nach dem 15. Platz und einem WM-Punkt im ersten Rennen wurde Barth im zweiten Rennen ausgerechnet mit Gerin-Ducati-Pilot Andreas Meklau in einen aufreibendes Duell um Rang zwölf verwickelt. »Und das war zu viel«, rekapitulierte der angeschlagene Yamaha-Fahrer, »gegen Rennende wurde mir richtig übel. Ich musste den Mecki ziehen lassen. Zwei Runden mehr hätte ich nicht ausgehalten.“

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