Superbike- und Supersport-WM in Valencia/Spanien (Archivversion)

Gemeinsam, aber schneller

Mit einer beeindruckenden Teamleistung sicherten die Yamaha-Piloten Christian Kellner und Jörg Teuchert einen überzeugenden Doppelsieg im Supersport-WM-Rennen von Valencia.

Erinnern Sie sich noch? Vor 13 Jahren holte Toni Mang in der 250-cm³-Klasse den letzten seiner insgesamt fünf WM-Titel, und der unvergessene Reinhold Roth wurde Vizeweltmeister.
So weit sind die beiden Supersport-WM-Helden aus dem Alpha-Technik-Yamaha-Team zwar noch nicht, aber im WM-Zwischenklassement führt Jörg Teuchert schon mal vor seinem Teamgefährten Christian Kellner, und das nach einer perfekten Mannschaftsleistung der gesamten Crew um Teamchef Udo Mark und Motorenspezialist Marcus Eschenbacher.
Die Konkurrenz, die auf der stadionartig angelegten Rennstrecke vor den Toren der spanischen Großstadt Valencia alles tat, um den Alpha-Technikern das Leben zu erleichtern, hat inzwischen großen Respekt vor dem erst vor anderthalb Jahren gegründeten Team aus Deutschland. Der englische Volksheld Jamie Whitham etwa, im Team des italienischen Yamaha-Importeurs Belgarda vor der Supersport-WM-Saison 2000 erklärter Titelfavorit, spricht klare Worte über die beiden einzigen Gegner, die derzeit seinem Ziel im Weg stehen und vor ihm in der WM-Tabelle rangieren: »Teuchert und Kellner sind sehr gute Fahrer, und ihre Maschinen sind pfeilschnell, das ist ganz offensichtlich. Vor allem aber ist Udo Mark ein verdammt guter Team-Manager. Er war früher ein guter Rennfahrer und versteht es, seine Jungs perfekt auf die Rennen einzustellen.«
Wie alle anderen wichtigen Konkurrenten um den WM-Titel scheiterte in Valenica der alte Fuchs und Yamaha-Markenkollege Whitham an den ungleichen Zwillingen aus Franken und Oberbayern. Teuchert und Kellner, von den Plätzen eins und drei gestartet, hielten von Anfang an das Tempo hoch und bewachten in hervorragender Zusammenarbeit die Ideal- respektive Kampflinie – bis die Angriffe der Verfolger immer stürmischer wurden und letztlich sämtlich im Nichts endeten.
Gar nicht erst antreten konnte der Titelverteidiger. Weltmeister Stéphane Chambon war eine Woche zuvor von seiner Corona-Alstare-Suzuki gestürzt und musste in Spanien mit gebrochenem Schlüsselbein zuschauen. Und der respektvolle Whitham sowie Vizeweltmeister Iain MacPherson auf der Werks-Kawasaki als auch das Ducati-Duo Paolo Casoli und Ruben Xaus mussten ihre Versuche, die Spitzenreiter Kellner und Teuchert im Rennen unter Druck zu setzen, durch mehr oder weniger intensiven Kontakten mit den geräumigen Kies-Sicherheitszonen der Valencia-Piste bezahlen.
Einzig der Schotte MacPherson konnte danach sein Rennen fortsetzen und wenigstens als Sechster noch ein paar WM-Punkte retten. Ansonsten war das deutsche Yamaha-Duo derart unantastbar, dass selbst Ducati-Teamchef Davide Tardozzi, in den letzten Wochen nicht gerade der allerbeste Freund der deutschen, seine Anerkennung zollte: »Christian Kellner und Jörg Teuchert haben hier eine hervorragende Vorstellung abgegeben. Sie sind jetzt die Top-Favoriten auf den WM-Titel. Wir haben schon längst erkannt, dass sie als Gegner äußerst ernst genommen werden müssen.«
Die beiden Helden aber wären fast ihre eigenen schlimmsten Gegner gewesen. Denn in der vorletzten Runde knallten sie ineinander. »Christian ist wohl am Kurvenausgang nicht ganz perfekt über die Curbs gerutscht. Er musste ein paar Meter nach links korrigieren. Aber da war halt ich«, schildert der alte und neue WM-Tabellenführer Jörg Teuchert reichlich trocken den Moment, in dem nicht nur den Mitgliedern des Alpha-Technik-Teams der Atem stockte.
Doch die Sache ging gut aus. Beide Fahrer konnten ohne nennenswerte Störung das Rennen fortsetzen. Die einzige Folge: Der direkt hinter dem kollidierenden Yamaha-Duo fahrende Iain MacPherson war offenbar von dieser Aktion derart beeindruckt, dass er nur wenige Kurven später seine Kawasaki in den Kies warf. Damit war nur noch der in der WM weit zurück liegende Lokalheld Pere Riba und seine Werks-Honda als Gegner der Alpha-Tiere übrig geblieben.
Vielleicht war diese Beinahe-Katastrophe aber auch nur der Startknall für das Grande Finale, in dem sich das bis dahin perfekt harmonierende Duo trennen und jetzt gegeneinander um den Sieg fighten musste. »In der allerletzten Kurve versuchte Jörg, extrem weit innen zu fahren und die Tür zuzuhalten. Aber ich war schon da, hatte genug Platz, um vorbeizukommen. Und auf der Zielgeraden hatte ich wohl einen kleinen Gewichtsvorteil gegenüber Jörg«, so Christian Kellner, der mit zwölf Tausendstelsekunden seinen zweiten Sieg innerhalb einer Woche haarscharf nach Hause brachte.
Ebenso wie die überlegene Rennstrategie der beiden wurde ihr Verhalten auf dem Siegerpodest bewundert. »Da fahren die sich gegenseitig voll in die Kisten, und jetzt stehen sie da oben, als wäre nichts gewesen, und fallen sich um den Hals«, musste ein britischer TV-Reporter sein Bild von den typisch deutschen Tugenden völlig neu fassen.
Aber die Geheimnisse des Erfolgs von Udo Marks Truppe beruhen tatsächlich neben typisch deutscher, oder besser Schwarzwälder Präzision in Planung, Vorbereitung und Arbeit an der Strecke auch in der vom Chef noch zu seinen aktiven Zeiten adaptierten kalifornischen Rennsport-Philosophie. »Perfekte, akribische Vorbereitung ist extrem wichtig, im Rennsport wie überall im professionellen Leben«, doziert der Erfolgsmanager Mark, »und vor allem ist sie kein Hexenwerk. Es geht einfach darum, mit Ruhe und Übersicht zu arbeiten. Dazu brauchst du neben guten Ideen Partner, die deine Arbeitsstruktur anerkennen und mittragen, vor allem aber eine Mechaniker-Crew, wie wir sie haben. Da weiß jeder, was er zu tun hat, selbst unter größtem Druck. Und dennoch ist die Stimmung fast immer hervorragend, nicht nur nach solchen Siegen.«
Das Wichtigste aber im Alpha Technik-Supersport-Team ist das Wort »Spaß«. »Das lernst du, wenn du mit Leuten wie Kenny Roberts, Wayne Rainey oder Jimmy Filice zusammen gearbeitet hast«, klärt Udo Mark auf, »wenn die Fahrer sich auf jede Runde da draußen richtig freuen können, wenn das Team in der Box und zuhause in der Werkstatt mit Spaß bei der Sache ist, dann sind solche Ergebnisse, wie wir sie zur Zeit erleben, erst möglich.« Und schließlich erwähnt der frühere Superbike-Europameister einen kleinen, vielleicht entscheidenden Unterschied zu anderen, ebenfalls sehr starken und professionellen Teams: »Wenn wir die beiden Jungs in der Startaufstellung fürs Rennen verabschieden, heißt es nicht ‚viel Glück’, sondern ‚viel Spaß da draußen’.«
Ob die hochkarätigen Gegner aus den Werks-Teams von Kawasaki, Suzuki, Ducati und Honda oder die feindlichen Yamaha-Brüder um den hochgewetteten Jamie Whitham in den restlichen vier Supersport-WM-Rennen noch ein Mittel gegen die explosive deutsch-kalifornische Power-Fun-Mischung der neun Alpha-Tiere aus Deutschland finden werden? Wetten werden noch angenommen.
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Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: Ergebnis nach 23 Runden = 92,115 km
1. Troy Corser (AUS) Aprilia 37.17,084
2. Ben Bostrom (USA) Ducati -8,703
3. Noriyuki Haga (J) Yamaha -13,934
4. Troy Bayliss (AUS) Ducati -18,190
5. Colin Edwards (USA) Honda -21,205
6. Peter Goddard (AUS) Kawasaki -21,334
7. Aaron Slight (NZ) Honda -22,335
8. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki -22,382
9. Alessandro Antonello (I) Aprilia -31,102
10. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -31,650
Schnitt des Siegers: 148,235 km/h

2. Lauf: Ergebnis nach 23 Runden = 92,115 km
1. Noriyuki Haga (J) Yamaha 37.27,788
2. Ben Bostrom (USA) Ducati -1,227
3. Troy Bayliss (AUS) Ducati -3,056
4. Colin Edwards (USA) Honda -10,455
5. Troy Corser (AUS) Aprilia -12,966
6. Peter Goddard (AUS) Kawasaki -16,512
7. Aaron Slight (NZ) Honda -16,677
8. Paolo Blora (I) Ducati -17,015
9. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -18,632
10. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki -19,703
Schnitt des Siegers: 147,529 km/h
Pole Position: Corser in 1.36,185 min ( = 149,900 km/)
Schnellste Rennrunde: Corser in 1.36,817 min ( = 148,920 km/h)

WM-Stand
Edwards 232
Corser 206
Haga 187
Chili 169
Bayliss 133
Yanagawa 130
Bostrom 124
Fujiwara 93
Slight 83
Lavilla 71
Meklau 67
Borja 63
Antonello 62

Supersport: Ergebnis nach 23 Runden = 92,115 km
1. Christian Kellner (D) Yamaha 38,51,491
2. Jörg Teuchert (D) Yamaha -0,012
3. Pere Riba (E) Honda -0,353
4. Fabrizio Pirovano (I) Suzuki -12,480
5. Antonio Carlacci (I) Yamaha -13,649
6. Iain MacPherson (GB) Kawasaki -14,431
7. Piergiorgio Bontempi (I) Ducati -14,650
8. Andrew Pitt (AUS) Kawasaki -15,356
9. Christophe Cogan (F) Yamaha -15,896
10. Walter Daemen (B) Yamaha -16,525
11. Cristiano Migliorati (I) Suzuki -31,589
12. William Costes (F) Honda -39,157
13. Karl Harris (GB) Suzuki -39,539
14. Michele Malatesta (I) Suzuki -39,736
15. Wilco Zeelenberg (NL) Yamaha -55,602
Schnitt des Siegers: 142,233 km/h

WM-Stand
Teuchert 116
Kellner 99
Whitham 88
Casoli 84
Chambon 80
MacPherson 53
Pirovano 48
Muggeridge 45
Meregalli 45
Pitt 41
Riba 33
Cogan 32
Xaus 30
Bontempi 30
Carlacci 21
Migliorati 19
Lindholm 18
Daemen 18

Superbike-WM (Archivversion) - König ohne Krone?

Auch in Valencia war er zur Freude der Fans noch dabei: Yamaha-Werksfahrer Noriyuki Haga, vom internationalen Rennsportverband FIM wegen eines positiven Dopingtests für einen Monat gesperrt, nach der noch hängigen Berufung seines Teams aber unter Vorbehalt startberechtigt.
Den 25-jährigen Japaner selbst scheint das Gezerre am wenigsten zu stören. »Das Problem muss von der FIM entschieden werden«, war das Einzige, was dem wilden Reiter zu entlocken ist. Ob er die gestrichenen 45 WM-Punkte vom Saisonauftakt in Kyalami wieder bekommt und frei gesprochen wird und damit WM-Spitzenreiter wäre? Ob eine eventuell doch von der FIM wieder bestätigte einmonatige Sperre erst ab dem Tag der Bekanntgabe in Kraft tritt oder, wie vor der Berufung verkündet, rückwirkend ab 5. Juni 2000 und damit die Ergbenisse von Misano und Valencia auch gestrichen werden müssen? Am wenigsten damit beschäftigt sich, Sie ahnen es, Noriyuki Haga selber.
Er setzt sich einfach auf seine Werks-Yamaha und treibt sie so quer es eben geht um die Rennstrecken. Und stahl dabei in Valencia ganz nebenbei in Valencia einem Mann wie Troy Corser die Show. Der Ex-Weltmeister aus Australien war mit seiner Werks-Aprilia der unangetastete Herrscher in Spanien – Bestzeit in allen Trainings, Superpole-Position, überlegener Sieg im ersten Rennen, sein dritter in Folge nach dem Misano-Doppel eine Woche zuvor. Bis der gut gelaunte Troy einen kleinen Fehler beging, und für das zweite Rennen wegen der deutlich höheren Asphalt-Temperaturen – bei annähernd gleicher Lufttemperatur von 28 Grad hatte sich die Piste von 34 auf 52 Grad aufgeheizt – mit der Reifenmischung und der Abstimmung des hinteren Federbeines daneben griff.
Die neue Dominanz des Aprilia-Nummer eins-Fahrers verpuffte während des zweiten Rennens im durchdrehenden Hinterrad. Und Corser musste zuschauen, wie angeführt von den Kampfhähnen Haga und dem erneut entfesselten Ben Bostrom auf der NCR-Ducati auch noch Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss sowie der am ganzen Wochenende von großen Fahrwerks- und Reifenproblemen geplagte WM-Tabellenführer Colin Edwards auf der Werks-Honda allmählich entschwanden.
An der Spitze glänzte zunächst Ben Bostrom, der erneut seinen Erzrivalen, den Lokalmatadoren Juan Bautista Borja auf der Werks-Ducati, die der Kalifornier ja abtreten musste, uralt aussehen hat lassen. Der ebenso hochmotivierte wie offensichtlich best gelaunte Bostrom war schon im ersten Rennen als Zweiter vor Haga um Lichtjahre vor Borja einhergefahren, als der Spanier nach einem Ausritt aufgegeben hatte.
Und im zweiten Rennen fightete der Kalifornier mit Haga um den Sieg, während Borja vor seinem Publikum - er stammt ja aus Valencia - nach einem weiteren Ausritt enttäuschter Achter wurde. Bostrom dagegen hatte alles im Griff, außer dieser einen Linkskurve. »Nur hier konnte ich ihn halbwegs erfolgversprechend angreifen«, erklärte Sieger Haga im Ziel seine Taktik.
Für die Superbike-Abteilung des Alpha-Technik-Teams gab es neben viel Arbeit – sowohl MOTORRAD-Testfahrer Markus Barth wie auch Jürgen Oelschläger stürzten im Training einmal – wenigstens einen Punkt für Barth im ersten Rennen. Oelschläger, im ersten mit Fahrwerksproblemen ausgeschieden, wurde im zweiten Rennen 20. vor Barth.

Parc fermé (Archivversion)

Robert Ulm
Beraubt und am Boden
Im wahrsten Sinne auf und nieder immer wieder ging es im Zusammenhang mit dem Valencia-Rennwochenende für Gerin-Ducati-Fahrer Robert Ulm. Bei der Anreise übernachtete der Österreicher an der französisch-spanischen Grenze. »Und morgens durften wir die Arbeit von hochprofessionellen Straßenräubern bewundern«, erinnert sich Ulm mit Schaudern. Weder der Superbiker noch seine Freundin hatten den Einbruch in der Nacht bemerkt, obwohl sich die Räuber sogar noch die Zeit nahmen, lediglich wirklich Verwertbares zu klauen. »Die haben nur Geld, Kreditkarten und Kameras mitgenommen«, wundert sich der Österreicher, »Ausweise und sogar einen in die geklaute Kamera eingelegten Dia-Film haben sie da gelassen.« Am Rennwochenende glänzte Ulm dennoch zunächst mit Startplatz vier in der ersten Reihe, stürzte aber noch auf der Startgeraden nach einer Kollision mit Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss. Mit viel Glück entging der Steirer einer Katastrophe, konnte aber wegen einer Gehirnerschütterung beim zweiten Rennen nicht mehr antreten. Sein Teamkollege Andreas Meklau kam als Elfter im ersten Rennen auch nur einmal ins Ziel.

Gespann-Weltcup
Wieder spannend
Nach der Siegesserie der beiden in zurückhaltendem Grau gehaltenen Gespanne aus dem Steinhausen-Team kam in Valencia mit dem roten Siegergespann von Klaus Klaffenböck/Adolf Hänni endlich wieder mehr Farbe ins Spiel. Die Steinhausen-Crews Webster/Woodhead und Steinhausen/Parzer mussten sich mit den Rängen zwei und drei begnügen. In der Weltcup-Gesamtwertung führt weiterhin Webster vor Klaffenböck und Steinhausen.

Superstock-WM
Leihmaschine
Fast hätte der junge Südtiroler Markus Wegscheider gar nicht starten können im Rennen der der Superstock-EM. Im Warm-up-Training am Sonntagmorgen hatte er den Motor seiner Suzuki GSX-R 750 zerstört und war sehr geknickt. Seine Konkurrentin und Vorgängerin im Schmidt-Suzuki-Team, Katja Poensgen, konnte dies nicht mit ansehen und überließ dem 23-Jährigen ihre Ersatzmaschine. Die Schmidt-Crew konnte vor dem Rennen gerade noch die Verkleidung wechseln und die GSX-R 750 zur Abnahme bringen. An eine Abstimmung auf den größeren und auch etwas schwerenen Wegscheider war nicht mehr zu denken. Aber Markus faltete sich so gut es ging auf dem »Damenmotorrad« zusammen, wurde immerhin Neunter. Und das reichte, um dem verletzungsbedingt fehlenden Briten Chris Burns die Führung in der EM-Tabelle zu entreißen. Katja selber hatte weniger Glück und stürzte in der dritten Runde. Es siegte der einheimische Daniel Oliver auf Aprilia.

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