Superbike-Weltmeister John Kocinski (Archivversion) Die Rückkehr des Außerirdischen

Nach sieben wechselvollen Jahren kehrte der überaus begabte, aber auch umstrittene John Kocinski als Weltmeister zurück - und hat bei Honda endlich eine Heimat gefunden.

Little John aus Little Rock in Arkansas kam, sah und siegte. Gleich in der ersten WM-Saison 1990 feierte er sieben Siege und den Titel, obwohl seine 250-cm3-Marlboro-Yamaha der Konkurrenz um fünf PS und zehn km/h hinterherhinkte - und hatte ob seiner Überlegenheit bald den Ruf des »Außerirdischen« weg. Sieben Jahre danach landete der Ausnahmekönner den nächsten Überraschungsschlag. Auf der offiziellen Castrol-Honda, von seinem Vorgänger Carl Fogarty als Mißgeburt bezeichnet, driftete John Kocinski in der Superbike-WM zu neun Saisonsiegen und dem zweiten Titel seiner Karriere. »Das Motorrad war anfangs nicht konkurrenzfähig, wir hatten Probleme an allen Ecken und Enden. Erst beim dritten Lauf in Donington fanden wir eine anständige Grundabstimmung. Trotzdem habe ich mich reingekniet wie nie zuvor, weil ich unbedingt Weltmeister werden wollte. Ich dachte, ohne diesen Titel wäre mein Leben zu Ende«, schilderte Kocinski. Und genoß den Triumph über Fogarty und Ducati, die sich die Saison 1997 als lockeren Durchmarsch vorgestellt hatten. »Fogarty ist unter meinem Druck zusammengebrochen, und zwar nach allen Regeln der Kunst«, stellte Kocinski fest. »Aber schau dir diese Chaostruppe nur an. In Albacete gab es Streit im Team, worauf der Truckfahrer entlassen wurde. Bei den Führungsqualitäten von Virginio Ferrari wundert es mich kein Stück, daß Fogarty die Konzentration verloren und einen Sturz nach dem anderen gebaut hat.« Der Haß auf Ducati schwelt bei dem Amerikaner, seit er das Ferrari-Team zu Saisonmitte 1996 im Unfrieden verlassen hat. Wie im Weltbild seines Ex-Präsidenten Ronald Reagan gibt es für John Kocinski ein Reich des Bösen, zu dem neben Ducati auch alle anderen Teams gehören, mit denen er sich im Lauf seiner Karriere verkracht hat. Der erste Rennstall, der nichts mehr mit dem Ausnahme-Talent zu tun haben wollte, war der von Kenny Roberts. Kocinski stieg nach seinem 250er Titel auf eine 500er um und nervte seine Mechaniker mit panischen Motorrad-Umbauten, weil er mit dem Set-Up überfordert war. Vor allem hatte sich Kocinski jedoch wegen seines Putzfimmels isoliert. Fabrikneue Helme pflegte er minutenlang mit Preßluft auszublasen, rückte auf der Suche nach Staub die Möbel seiner Hotelzimmer und fuhr zum Ausschütteln der frischen Wäsche schon mal mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wenn sich das Fenster seines Zimmers nicht öffnen ließ. Von Roberts wegen seiner Marotten entlassen, kehrte Kocinski 1993 in die 250-cm³-Klasse zurück und heuerte im Tech 3-Team von Hervé Poncharral an. Der Ärger nach den ersten Rückschlägen gipfelte darin, daß Kocinski seine unterlegene Suzuki RGV 250 in der Auslaufrunde des Assen-Grand Prix vor Zehntausenden von Zuschauern durch Überdrehen des Motors schlachtete. Diesmal wurde er fristlos gefeuert. Claudio Castiglioni blieb als einer der wenigen Kocinski-Fans übrig und heuerte Little John für sein 500er Cagiva-Team an. Trotz eines Siegs und des dritten WM-Rangs gab es auch dort nach einem Jahr keine Zukunft mehr, weil sich die am Bankrott entlangschlingernde Firma vom GP-Sport zurückziehen mußte. Seit dem Suzuki-Skandal von allen anderen großen Teams geächtet, fuhr der arbeitslose Kocinski 1995 hauptsächlich Wasserski. Sein von Castiglioni eingefädeltes WM-Comeback als Ducati-Star 1996 wurde vom Streit mit Ferrari überschattet; erst jetzt, mit der erfolgreichen Ankunft bei Honda, scheint die Odyssee des Außerirdischen beendet. Denn für den weltgrößten Motorradhersteller zu fahren ist für John mehr als nur die Chance, wieder ganz nach oben zu kommen. Kocinski ist ein Einzelgänger, der nur wenige Freunde und so gut wie keine Familienkontakte hat. Die Honda Racing Corporation, ebenso klinisch sauber und durchorganisiert wie er selbst, ist für den Außenseiter nach den traumatischen Erlebnissen der letzten Jahre wie eine neue Familie und ein neues Zuhause und damit das Gute, das es zu schützen gilt. »Ich bin happy, denn ich brauche mir über die Zukunft nicht die geringsten Sorgen zu machen. Die Leute bei Honda sind meine Freunde. Sie werden meinen Weg ebnen«, erklärt Kocinski und stimmt bei jedem offiziellen Interview endlose Lobeshymnen auf seinen Arbeitgeber an. Weil der einst so gefürchtete Rüpel bislang kein einziges schlechtes Wort über Honda verlor und mit bestechenden Leistungen glänzte, ist die Sympathie gegenseitig. Wegen seines universellen Fahrkönnens wurde der Superbike-Pilot zu Tests mit der 250er von Tohru Ukawa eingeladen, lehnte aber wegen Reisemüdigkeit ab. Ein zweites Angebot, beim traditionellen Einladungsrennen im japanischen Sugo auf einer 500er Werksmaschine anzutreten, nahm er dagegen begeistert an. Daß er danach wieder auf das Superbike umsteigen und seinen Titel 1998 verteidigen wird, nimmt er widerpruchslos hin - denn er weiß, daß die Nummer eins auf der Viertakt-RC 45 für den Werbefeldzug zum 50jährigen Honda-Firmenjubiläum genauso bedeutend ist wie die Eins auf Doohans Grand Prix-Maschine. Ein GP-Comeback steht nach Kocinskis Zeitrechnung für 1999 und den Fall an, daß der durch Kritik am Team und Mätzchen bei den Vertragsverhandlungen angeschlagene Mick Doohan vollends fallengelassen wird. Dann wird Kocinski mit der Gashand Vergeltung »an all jenen üben, die mir in der Vergangenheit übel mitgespielt haben«. Und er wird so unbarmherzig um Siege fahren, wie er es 1997 gegen Ducati und manchmal sogar gegen das eigene Team getan hat. Beim diesjährigen Saisonfinale in Indonesien war ihm der neunte Saisonsieg wichtiger als seinem um die Vizeweltmeisterschaft kämpfenden Teamkollegen Aaron Slight den Vortritt zu lassen. Drei Kurven vor Schluß zwängte sich Kocinski innen an Slight vorbei, worauf der sonst so gefaßte Neuseeländer wutschnaubend dem Podium und der Pressekonferenz fernblieb und die Vize-WM dann im zweiten Durchgang mit Platz vier endgültig an Fogarty verlor. Kocinski, von vielen Beobachtern zum Sündenbock gestempelt, kommentierte den Vorfall mit seiner eigenen Logik: »Slight hätte Fogarty im zweiten Lauf so oder so besiegen müssen um noch Vize zu werden, und das hat er nicht geschafft. Wenn ich ihn vorgelassen hätte, hätte das auch nichts geändert.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote