Superbike-WM Albacete/E (Archivversion) Don Kocinski

John Kocinski machte in Spaniens Hochebene La Mancha das scheinbar Unmögliche möglich und holte mit seiner Honda zwei Siege.

Honda kann in Albacete nicht gewinnen. Irgendwann in den Tagen vor dem letzten Europa-Gastspiel der Superbike-WM auf der winkligen Strecke mitten in der spanischen Hochebene La Mancha muß John Kocinski dieser Satz zugetragen worden sein.Was den Honda-Werksfahrer gewaltig aufregte. »Ihr werdet sehen, morgen werden sogar zwei Honda-Piloten auf dem Podest stehen«, stellte er nach seiner Trainingsbestzeit trotzig fest.Wie schon beim letzten Rennen in Assen hielt Kocinski sich anfangs zurück und kam erst als Sechster aus der Startrunde. Anschließend benutzte er die erste Rennhälfte, um endgültig klarzustellen, daß die Honda RC 45 auch auf Strecken, die Motorräder mit gutem Einlenkverhalten bevorzugen, inzwischen zum Maß der Dinge geworden ist. Gegner um Gegner rang er nieder bis Kocinski exakt zu Rennmitte auf seinen führenden Titelrivalen Carl Fogarty traf und ihn in einem harten, aber sauberen Manöver niederrang.Auch dem zweifachen Ex-Weltmeister gelang es nicht John Kocinski ernsthaft zu beschäftigten. Im Gegenteilwenig später konnte Fogarty auch der zweiten Werks-Honda nicht standhalten. Aaron Slight hatte sich gerade entschlossen, »den Druck auf Carl zu erhöhen, da lag seine Ducati auch schon vor mir im Gras«. Den nicht mehr abwendbaren Honda-Doppelsieg überdeutlich vor Augen, hatte Fogarty nun wieder mehr Zeit, seine Gedanken scheinbar wichtigeren Dingen zuzuwenden. Denn nicht etwa der Kampf des britischen Heroen um seinen dritten Superbike-WM-Titel stand in Albacete im Mittelpunkt des Interesses. Viel wichtiger erschien die Frage, wo King Carl 1998 seine Arbeit tun würde. Suzuki hatte gleich eine ganze Handvoll wichtiger Mitarbeiter der Rennabteilung nach Spanien abgeordnet, wohl nicht nur gerüchteweise mit sehr weitgehenden finanziellen Vollmachten.Foggys bisheriger Arbeitgeber Ducati war aber nicht gewillt, das pekuniäre Wettrüsten um ihr in Albacete sehr schweigsames Aushängeschild ohne weiteres preiszugeben. Sieger Kocinski war ebenso wie seine beiden Kollegen auf dem Podium gesprächiger über seine Zukunft. »Ich werde 1998 für Honda fahren«, stellte Kocinski zweifelsfrei fest. »Ob in der Superbike-WM oder bei den 500er Grand Prix entscheidet wesentlich mein Arbeitgeber HRC. Aber jeder Sportler, der auf einem bestimmten Niveau erfolgreich ist, möchte doch aufsteigen, oder?«Aaron Slight, der Zweitplazierte, sieht seine Zukunft weiter im Castrol-Honda-Superbike-Team. »Aber ich habe die Befürchtung«, so der Vizeweltmeister, »daß Michael Doohan, wenn er bei Honda bleibt, dermaßen viel Geld in sein 500er Team zieht, daß für mich nicht mehr genügend übrig bleibt.«In diesem Fall wäre Aaron Slight ein Top-Kandidat für die Nachfolge des dritten Mannes auf dem Siegerpodest des ersten Rennens von Albacete. Simon Crafar, wie Slight Neuseeländer, verläßt das Kawasaki-Werksteam von Harald Eckl, um 1998 im 500er Grand Prix-Team Red Bull-Yamaha zu fahren. »Von Simons Weggang habe ich definitv erst zwei Tage vor dem Rennen hier erfahren«, so Eckl, »daher ist es noch zu früh, mich nach einem Nachfolger zu fragen«. Hält Eckl Namen wie Anthony Gobert, Mike Hale oder gar Jürgen Fuchs für eher spekulativ, gibt es neben Slight bereits Verhandlungen mit dem Briten Neil Hodgson.Dafür kehrt Ex-Weltmeister Troy Corser aus seinem unglücklichen Grand Prix-Abenteuer zurück in die Superbike-WM und wird in der offiziellen Ducati-Werksmannschaft von Virginio Ferrari Teamkollege von - Pierfrancesco Chili. Carl Fogarty verläßt nämlich Ferraris Team, nicht aber Ducati. Er wird als vollwertiger Ducati-Werksfahrer im Alstare-Team des Belgiers Francis Batta antreten. Die mexikanische Brauerei Corona glich offenbar den Betrag aus, der zwischen Ducatis Angebot an Fogarty und seinen Forderungen lag - und Suzukis Geldkoffer müssen ungeöffnet wieder nach Hause fliegen.Trotz dieses Deals dürfte es Foggy selbst nach der spanischen WM-Runde nicht wesentlich besser gehen als seinen japanischen Verhandlungspartnern.Denn auch das zweite Rennen wurde für ihn zur Nullrunde. Lokalmatador Gregorio Lavilla wollte seinem Blitzstart in das zweite Rennen gleich in der vierten Kurve der ersten Runde noch eins draufsetzen. Mit einem abenteuerlichen Bremsmanöver donnerte er von Rang fünf auf den dritten Platz und direkt in den Kies - mit Fogarty im Schlepptau.Fogarty ließ den Spanier unter üblen Verwünschungen links liegen, jagte dem Feld hinterher, schaffte es aber nur bis auf Rang neun hinter dem widerspenstigen Teampartner Hodgson. Fogarty fuhr daher seine Angriffe etwas energischer und lag ein zweites Mal auf der Nase.Völlig unbeleckt davon war John Kocinski, der zur Abwechslung mal zeigte, daß er auch den perfekten Start im Repertoire hat. Nach diesem makellosen Auftritt angesprochen auf den WM-Titel, überraschte der Mann aus Arkansas: »Ich fahre Rennen, um zu gewinnen. Das ist mir wichtiger als eine Meisterschaftswertung. Wenn ich noch zwei Rennen dieses Jahr gewinne, habe ich zehn Siege. Das ist mein Ziel.«Was er nonchallant überging, mit diesen zwei noch fehlenden Siegen wäre John Kocinski der WM-Titel sowieso nicht mehr zu nehmen.Ebenfalls nicht mehr zu nehmen ist Udo Mark die Superbike-Europameisterschaft. Mit zwei »extrem vorsichtigen Rennen«, wie er selber sagte, wurde er zweimal 14. und distanzierte seine Konkurrenten in dieser eigenartigen Subwertung um Lichtjahre und bescherte Suzuki Deutschland einen Titel, der »sportlich nichts bedeutet, aber gut zur Werbung taugt«, wie Mark resümierte. Aus diesem Grund ging Mark auch nicht in den Kampf um den bestplazierten Deutschen mit Kawasaki-Fahrer Jochen Schmid, der mit Rang neun im ersten Rennen happy und als Zwölfter des zweiten Laufes zumindest nicht übermäßig unglücklich war.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote