Superbike-WM auf dem Eurospeedway Lausitz (Archivversion) Aussie-Speedway Lausitz

Die Niederlausitz liegt in Australien. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls bekommen, angesichts der unwiderstehlichen Regenfahrten der Helden aus Down Under.

Skeptsiche Blicke gen Himmel waren häufig zu beobachten auf dem Eurospeedway Lausitz. Die Tatsachen und Gerüchte um die beiden regenbedingten Absagen, dem DTM-Autorennen im vergangenen August und dem Lauf zur Inter-Straßen-DM Anfang Mai, hatten sich auch in der WM-Szene herum gesprochen.Daher war es ausnahmsweise gut für die allgemeine Stimmung im Fahrerlager, dass die regenärmste Region Deutschlands auch ihre internationale Premiere mit weit offenen Himmelsschleusen begann. Denn auf einmal waren die Befürchtungen wie abgewaschen. Superbike-Weltmeister Colin Edwards stellte nach dem ersten Regentraining am Freitag klar: »Für eine neue Piste haben wir sogar recht viel Grip.«Offensichtlich hatten sich die Bemühungen der Veranstalter ausgezahlt. In den letzten zwei Wochen vor dem Superbike-Termin jagten sie Hochdruckreiniger durch den Eurospeedway, um die neubautypischen schmierigen Substanzen zu vertreiben, die bei den bisherigen Regenrennen den feinen Aspahlt in eine seifige Rutschbahn verwandelt hatten.Der Samstag blieb dann trocken und auch am Renntag behielten die zahlreichen Wolken ihre Wassermassen zunächst bei sich. Weltmeister Edwards beherrschte das erste WM-Rennen in der Lausitz nach Belieben. Der Texas Tornado auf der Werks-Honda konnte seinen Verfolgern Troy Bayliss auf seiner Werks-Ducati und Honda-Nummer-zwei Tadayuki Okada zwar enteilen. Seinen kleinen, kostbaren Vorsprung von gut einer Sekunde aber kontrollierte er mit aufreizender Präzision. »Noch viel schneller hätte ich wohl nicht fahren können, es war schon alles perfekt ausgereizt«, erklärte der Titelverteidiger, »als ich jedoch erkannt hatte, dass Troy Bayliss nicht angreifen konnte, habe ich mein Rennen auf sein Tempo abgestimmt.«Der Australier Bayliss dagegen war froh, dass er überhaupt auf einem halbwegs standesgemäßen Platz ins Ziel kam. »Vor dem Rennen hatte ich ernsthafte Sorgen, dass meine Reifen noch nicht einmal die halbe Distanz halten würden, aber dann ging es bis kurz vor Schluss hervorragend«, so der Zweitplatzierte versöhnlich, »an einen Angriff auf Colin war dennoch nicht zu denken.«Die von Troy Bayliss angekündigten Reifenprobleme hatten dann tatsächlich andere. Sowohl GSE-Ducati-Privatfahrer Neil Hodgson wie Aprilia-Superstar Troy Corser setzten auf zu weiche Gummis und wurden nach telegenen Blitzstarts nach hinten durchgereicht. »Es war das blanke Desaster«, schimpfte der achtplatzierte Hodgson, während Corser wenigstens hinter dem nach vorn stürmenden Frankie Chili auf der Corona-Suzuki noch als Fünfter ins Ziel eierte.Zum zweiten Rennen war’s dann wieder vorbei mit der Regenarmut in der Lausitz. Und Troy Bayliss hatte auf der nassen, gegen Rennende nur wenig abtrocknenden Piste keinerlei Haltbarkeitsprobleme mit den Reifen. Im Gegenteil: Seine Michelin-Regenpneus teilten unwiderstehlich die Wassermassen und verschafften ihm eine ähnliche Überlegenheit, wie sie Colin Edwards im ersten Lauf demonstriert hatte - bis in die allerletzte Kurve. »Ich bin vielleicht einen Tick zu früh ans Gas gegangen und wäre fast im hohen Bogen vom Motorrad geflogen«, erinnerte sich der WM-Favorit, »zum Glück bin ich oben geblieben und habe natürlich viel zu spät Gas gegeben. Aber meine Werks-Ducati hat Bärenkräfte und rettete mich gerade so vor Neil Hodgson ins Ziel.«Der britische Privatfahrer, als Zweiter eigentlich glänzend platziert, ärgerte sich fast wie nach dem Reifendebakel im ersten Durchgang: »Ich habe das ganze Rennen auf einen Fehler von Troy gewartet. Dann macht er einen, so kurz vor dem Ziel, und ich komme doch nicht vorbei.«Schon vorbei an allen war dagegen Jörg Teuchert nach dem zweiten Start des Supersport-Rennens, das nach sechs Runden bei einsetzendem Niederschlag gestoppt und als Regenrennen neu gestartet wurde. Einzig der japanische Suzuki-Werksfahrer Katsuaki Fujiwara konnte bei immer unfreundlicheren Bedingungen das Tempo des Weltmeisters mithalten, bis »das Hinterrad ohne Voranmeldung abgeschmiert ist. Das war schlicht und einfach Aquaplaning«, ärgerte sich der fränkische Champion, der sich und seine Yamaha wieder aus dem Lausitzer Kies befreite und sich heldenhaft auf Rang sieben vorkämpfte, während die 43000 auch im strömenden Regen ausharrenden Zuschauer eine Doublette des Sintflutrennens von Phillip Island Mitte April am anderen Ende der Welt erlebten. Der zunächst führende Fujiwara stürzte unter dem Druck des australischen Dreizacks aus den beiden Honda-Fahrern Kevin Curtain und Adam Fergusson sowie Kawasaki-Junior Andrew Pitt, die wie in Down Under wieder in dieser Reihenfolge aufs Siegerpodest fuhren.Hinter Teuchert gab es erfreulicherweise WM-Punkte für eine ganze Reihe deutscher Supersportler. Christian Kellner quälte sich trotz heftiger Stirnhöhlenentzündung auf Rang neun, Wildcard-Suzuki-Pilot Jürgen Oelschläger fuhr im Regen von ganz hinten auf Rang 13, und MOTORRAD-Mitarbeiter Markus Barth versöhnte sich als 14. unter den Lausitzer Wassermassen mit einem beschwerlichen Heimspiel-Wochenende.

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