Superbike-WM-Finale in Phillip Island/AUS (Archivversion)

Rotwild

Zwei australische Superbike-Stars und Grand Prix-Aufsteiger machten ihr Heimspiel in Phillip Island zum großen Finale: Troy Corser feierte den WM-Titel mit fröhlichen Wheelies, Anthony Gobert brachte die tobenden Fans mit wilden Drifts, zwei Laufsiegen, flammendrotem Haar und radikalen Sprüchen aus dem Häuschen.

In den Eukalyptushainen tummeln sich Koalabären, aus der Brandung der Tasmanischen See watscheln niedliche kleine Pinguine, und die erste Linkskurve auf der Rennstrecke von Phillip Island ist der bevorzugte Landeplatz schwatzhafter Seemöwen.Doch beim Start zum Superbike-WM-Finale auf der südaustralischen Touristeninsel wurde die Harmonie zwischen Mensch und Tier empfindlich gestört. Eine der Möwen konnte nicht rechtzeitig ausweichen und hauchte beim Zusammenstoß mit Troy Corsers Ducati ihr Leben aus. Die zerfetzten sterblichen Überreste klebten an Corsers Leder, an der gebrochenen Verkleidung und steckten am Lenker fest. Corser fiel weit zurück, legte einen Boxenstop ein und begnügte sich für den Rest des Rennens damit, 35000 johlende Fans mit übermütigen Wheelies zu unterhalten.Denn zum Glück hatte die Möwe bis zum zweiten Lauf gewartet und erst nach der WM-Entscheidung ins sportliche Geschehen eingegriffen. 26 Punkte Vorsprung hatte Corser nach Australien mitgebracht, was für seinen Verfolger Aaron Slight bedeutete, daß er im ersten Lauf unbedingt vor Corser ins Ziel kommen mußte, um seine WM-Chancen bis zum Finale wahren zu können.Ehrgeizig legte sich Slight ins Zeug und war Zweiter zwischen Colin Edwards und Anthony Gobert, während Troy Corser an vierter Stelle allmählich den Anschluß verlor und sich über den in der langgezogenen Zielkurve wegdriftenden Vorderreifen ärgerte. Promotor-Teamchef Alfred Inzinger starrte auf den Boxenmonitor und stapfte unruhig von einem Fuß auf den anderen.Doch in der 13. Runde endete der WM-Kampf mit einem Paukenschlag. Der bislang konstanter als jeder andere punktende Slight stürzte eingangs der berüchtigten Sibiria-Spitzkehre, und mit ihm legte sich auch die Nervosität an der Promotor-Ducati-Box. Corser erbte Rang drei, brachte auf dem Podest eine bleischwere Trophäe zur Hochstrecke und wurde von seiner vollständig angereisten Familie mit einem Ständchen bedacht. Corsers Großvater trug ein T-Shirt mit der Aufschrift »Die Gene des Weltmeisters - Einspritzung kostenlos« zur Schau, sein Enkel begann, vom bevorstehenden Wechsel in die Grand Prix-Serie zu schwärmen. »Mein nächstes Ziel: Der WM-Titel der 500er«, verkündete er. »Ducati hat mich zu halten versucht, doch ich habe abgesagt, weil ich mich der nächsten Herausforderung stellen will. Der neue Vertrag mit dem Promotor-Team hängt noch an ein paar Details, außerdem will ich in Japan mit eigenen Augen sehen, ob uns Yamaha wirklich vollwertige 500er Werksmaschinen bieten wird. Doch zu 99 Prozent ist die Sache klar. Ich glaube an Alfred und das Team. Ich habe ihnen zwei Jahre lang vertraut, und sie haben mir den WM-Titel ermöglicht. Deshalb habe ich keinen Grund, an ihnen zu zweifeln«.Planen Corser und das Promotor-Team eine aufregende Zukunft, so blieb Aaron Slight nach dem ersten Rennen ohne Punkte nur ein trauriges Scherbenlesen. »Ich war auf der Jagd auf Colin Edwards, denn falls ich ihn erwischt hätte, hätte er Gobert und Corser sicherlich aufgehalten. Doch eingangs der Honda-Kurve quetschte sich Gobert innen an mir vorbei. Ich war beim Rausbeschleunigen weit außen und kam auf der falschen Linie an der Sibiria-Kurve an. Eine Bodenwelle lupfte das Vorderrad, und ich ging zu Boden«, schilderte der Neuseeländer, der mit einer Kahlrasur zum sage und schreibe elften Mal in der Saison die Frisur gewechselt hatte (siehe Seite 156).Mit einem mutig erkämpften zweiten Platz im zweiten Lauf stellte er zwar die Vizeweltmeisterschaft sicher, zog aber trotzdem eine nüchterne Saisonbilanz. »Wir müßten 1000 cm3 haben, dann hätten auch wir eine Siegermaschine«, brummte der Fahrer der 750er Vierzylinder-Werks-Honda. »Denn unsere Fahrwerkssorgen sind von Haus aus unlösbar. Entweder wir fahren mit weicher Abstimmung, dann wackelt die Kiste beim Bremsen und in der Kurve. Oder wir drehen die Federung hart, dann fehlt uns der Grip beim Herausbeschleunigen. An eine Neukonstruktion ist wegen der Mindestzahl von 1000 Stück für die Homologation derzeit nicht zu denken«.Yamaha machte mit Colin Edwards und der YZF 750 demgegenüber einen technologischen Quantensprung. »Das Motorrad ist besser geworden, die Reifen sind besser geworden, ich bin besser geworden«, meinte der zu Saisonbeginn verletzte Texaner schon nach seiner Trainingsbestzeit lapidar. In beiden Rennen riß er vom Start weg die Führung an sich, beendete Lauf eins als Zweiter und fiel in Lauf zwei nur wegen eines ähnlich ungebetenen Gasts wie jenem von Troy Corser an die dritte Stelle zurück. »Eingangs der zweiten Runde flatterte eine Möwe gegen meine rechte Schulter und den Helm. Ich konnte nichts sehen und hatte keine Ahnung, ob der Arm noch da war! Kevin Magee erzählte mir von Leuten, die sich bei solchen Zusammenstößen schon die Schulter auskugelten! Jedenfalls war mein Helmvisier so blutverschmiert, daß ich nur noch mit dem linken Auge hindurchspähen konnte, außerdem war die Verkleidung zerbrochen. Dafür kann ich mit Platz drei zufrieden sein«.Teammanager Davide Brivio schwärmte, Yamaha sei startbereit für 1997, und Colin Edwards werde als WM-Favorit in die nächste Saison gehen. Vielleicht heißt der neue WM-Favorit aber auch Scott Russell: Yamaha bestätigte, mit dem Exweltmeister zu verhandeln, inoffiziell hielt sich sogar hartnäckig das Gerücht, Russell habe bereits für Yamaha unterschrieben.Kehrt der in Phillip Island als kahlrasierter Zaungast erschienene Partylöwe Russell nach den Mißtönen im Suzuki-GP-Team zur World Superbike-Serie zurück, so rüstet sich der nicht minder lebenslustige Anthony Gobert für seine Nachfolge bei Lucky Strike-Suzuki. »Ich brenne darauf, Mick Doohan zu schlagen. Am liebsten hätte ich mich auch noch mit Kevin Schwantz und Wayne Rainey gemessen, doch das ist bekanntlich nicht mehr möglich. Ich hoffe nur, daß Doohan nicht zurücktritt, bevor ich mich bei den 500ern warmgefahren habe«, tönte Gobert.Doch bei dem trinkfesten »Mr. Go-Show« sind nicht nur die Sprüche radikal, sondern buchstäblich alles: vom Fahrstil und vom Auftreten bis zur flammend roten Haarfarbe, mit der er in Phillip Island aufleuchtete. Nach zehn Wochen Verletzungspause wegen Schlüsselbeinbruchs zerfetzte er die Reifen seiner Kawasaki mit derartiger Inbrunst, daß er die letzten 20 Trainingsminuten jeweils tatenlos verstreichen lassen mußte, weil seine Techniker gar nicht genügend Felgen für die reichhaltig von Dunlop herbeigeschafften Reifen vorbereiten konnten.In den Rennen machte Gobert den Mangel an Topspeed durch unkonventionelle Linien und waghalsige, lange Drifts über beide Räder wett und gönnte sich einen makellosen Doppelsieg. Nach dem ersten Lauf schnappte er sich das Mikrofon und hielt auf dem Podest eine Stehgreifrede auf Weltmeister Troy Corser, die jedem Staatspräsidenten zur Ehre gereicht hätte.Nach dem zweiten Lauf fing er an, Memorabilien in die herbeigeströmte Meute der Fans zu schleudern. Und hatte nach Helm, Handschuhen und Stiefeln einen solchen Spaß an der Sache, daß er auch noch seine Lederkombi abstreifte - und sich der Weltöffentlichkeit auf dem Podest fröhlich grinsend in Socken und Unterhosen präsentierte.
Anzeige

GP-Comeback für Kocinski? (Archivversion) - »Brauche Power“

John Kocinskis ohnehin dünne WM-Chancen verflogen schon mit dem sechsten Trainingsplatz. »Alle anderen haben hier getestet. Wir nicht«, stellte er fest und setzte zu einer Tirade auf den verhaßten Ducati-Teamchef Virgino Ferrari an, der ihn im Kampf um den Titel vollkommen kaltstellte. »Ich will diesen Kerl nie wieder sehen, deshalb verlasse ich Ducati. Mein Traum ist nun, auf Honda in den GP-Sport zurückzukehren. Ich will definitiv wieder eine 500er fahren. Ich brauche die Power!« grinste Kocinski, der angeblich eine von Max Biaggi verschmähte V 2-Werks-Honda haben könnte. »Durch das Herumwerfen der schweren Superbikes bin ich so fit wie noch nie. Daß ich gerne mit Erv Kanemoto zusammenarbeiten würde, ist kein Geheimnis. Auch Geld können wir auftreiben - nur, ob es genug Geld sein wird, das ist die Frage...!«

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Anthony Gobert (AUS) Kawasaki, 22 Runden in 35:19,919 min = 166,065 km/h, 2. Colin Edwards (USA) Yamaha, 3. Troy Corser (AUS) Ducati, 4. Carl Fogarty (GB) Honda, 5. Peter Goddard (AUS) Suzuki, 6. Wataru Yoshikawa (J) Yamaha, 7. John Kocinski (USA) Ducati, 8. Pierfrancesco Chili (I) Ducati, 9. Mike Hale (USA) Ducati, 10. Kirk McCarthy (AUS) Suzuki;Schnellste Runde: Gobert in 1:35,495 min = 167,569 km/h (Rekord);2. Lauf: 1. Gobert, 22 Runden in 35:24,149 min = 165,734 km/h, 2. Aaron Slight (NZ) Honda, 3. Edwards, 4. Hale, 5. Kocinski, 6. Fogarty, 7. Yoshikawa, 8. Goddard, 9. Chili, 10. John Reynolds (GB) Suzuki;Schnellste Runde: Slight in 1:35,590 min = 167,402 km/h;WM-Endstand: 1. Corser 369 Punkte, 2. Slight 347, 3. Kocinski 337, 4. Fogarty 331, 5. Edwards 248, 6. Chili 223, 7. Simon Crafar (NZ) Kawasaki 180, 8. Gobert 167, 9. Yoshikawa 163, 10. Neil Hodgson (GB) Ducati 122, 11. Hale 114, 12. Reynolds 99, 13. McCarthy 81, 14. Paolo Casoli (I) Ducati 70, 15. Piergiorgio Bontempi (I) Kawasaki 63, 16. Christer Lindholm (S) Ducati 58,...18. Andreas Meklau (A) Ducati 31,...21. Jochen Schmid (D) Kawasaki 23,...27. Roger Kellenberger (D) Honda 11,...42. Udo Mark (D) Yamaha 4.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote