Superbike-WM Finale (Archivversion) Wollongong Wild one

1996 war der 24-jährige Troy Corser aus der australischen Stahlkocherstadt Wollongong der bis dahin jüngste Superbike-Weltmeister. 2005 holte er den Titel zurück.

Wild gestikulierend rollte Ducati-Werksfahrer Régis Laconi nach
der Aufwärmrunde auf seinen Startplatz
in der ersten Reihe des zweiten WM-Laufs in Imola. Der strömende norditalienische Landregen war dem noch von einer Sturzverletzung gehandikapten Franzosen offenbar zu heftig, um ein halbwegs reguläres Rennen fahren zu können.
Aber auch seine gesünderen Mitstrei-
ter empfanden ähnliches Unbehagen und bewegten die Rennleitung schließlich zur Verschiebung des Starts auf unbestimmte Zeit. Gegen 16.30 Uhr, rund eine Stunde später, schickten die Offiziellen WM-Tabellenführer Troy Corser sowie Régis Laconi und Ten-Kate-Honda-Mann Chris Vermeulen, Corsers letzter verbliebener Wider-
sacher im Kampf um den Titel, in zwei Autos zu einer Streckeninspektion.
Die Situation war pikant, denn ein
Rennabbruch hätte Corser kampflos zum Champion gemacht. Nach einem zweiten Platz im ersten Rennen hatte der 33-
jährige Australier vor diesem drittletzten
Rennen der Saison 55 Punkte Vorsprung auf seinen zehn Jahre jüngeren Landsmann. Fiele das zweite Imola-Rennen aus, hätte Vermeulen, der gerade den ersten Lauf auf der Berg-und-Tal-Bahn nahe Bologna gewonnen hatte, beim Saisonfinale in Magny-Cours selbst mit einem Doppelsieg bei gleichzeitigem Totalausfall Corsers nur 50 Punkte aufholen können.
Vor diesem Hintergrund wurden die Superbiker zu Diplomaten. Laconi, der, wenn man so will, den Abbruch angezettelt hatte, sagte vorsichtshalber gar nichts mehr. Und der Leitwolf? »Also ich entscheide das nicht«, erklärte Troy Corser und zog sich mit Chris Vermeulen in die Ten-Kate-Honda-Box zurück.
Als Minuten später beide wieder ans Licht der Öffentlichkeit kamen, überraschte auch Vermeulens Statement nicht: »Wir beide werden nicht entscheiden, ob ge-
fahren wird oder nicht.« Kaum weitere fünf Minuten später erlöste die Rennleitung die Wartenden im weiter zunehmenden Regen. »Race cancelled – Rennen abgesagt« erstrahlte plötzlich auf den offiziellen Zeitcomputern und nur Sekunden später »Troy Corser – 2005 World Superbike Champion«. »Das Problem war weniger der fallende Regen selbst«, schilderte Laconi, »wir haben schon bei dem noch gemäßigten Tempo der Aufwärmrunde durch das Spritzwasser der anderen buchstäblich nichts mehr gesehen.«
Chris Vermeulen war einer der ersten Gratulanten beim neuen Weltmeister, der die Feiern mit gebremsten Schaum an-
gehen ließ. »Ich fühle mich überhaupt
nicht schlecht, auf diese Weise den Titel
zu holen, schließlich war ich die ganze
Saison über an der Tabellenspitze. Die
offizielle Trophäenübergabe aber sollten wir doch lieber erst nach dem Finalrennen in Magny-Cours machen.«
Die französische Herbstsonne hatte eine Woche später zwar ein Einsehen, die Corser-Galashow zur Bestätigung des WM-Titel fiel allerdings zumindest auf der Piste aus – und wieder konnte der Champion nichts dafür. Ein Qualifikationsreifen mit rätselhafterweise völlig überhöhtem Luftdruck verdarb Corsers Superpole-Runde völlig und warf den neuen Weltmeister auf den 16. Startplatz zurück. »Von dort habe ich halt versucht, so gut es ging, nach vorn zu fahren«, erklärte er später freundlich lachend. Die Ränge fünf und
vier hatte sich der neue Meister folglich deutlich härter erarbeiten müssen als so manchen überlegenen Sieg.
Ähnlich wie Corser und Suzuki die ers-
ten Jahreshälfte bestimmt hatten, dominierte zu Saisonende Chris Vermeulen
und Ten-Kate-Honda. In den letzten sieben Rennen holte der junge Australier fünf Siege und einen zweiten Rang – ausgerechnet beim allerletzten Rennen in Magny-Cours fiel er mit technischem Defekt aus.
Vermeulen meldet also sehr deutlich Ansprüche auf den Superbike-WM-Titel 2006 an, wenn es nicht gar noch viel schneller geht mit seinem Aufstieg an die Weltspitze. Denn nur eine Woche nach dem Superbike-Finale wird Chris Vermeulen beim MotoGP-Rennen im heimischen Phillip Island als Vertretung des verletzten Troy Bayliss auf der Camel-Pons-Honda RC 211 V sitzen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch die beiden restlichen GP in Istanbul sowie Valencia fahren und hat
damit seine Zukunft in der rechten Hand.
Auf jeden Fall wird ein 23-jähriger Italiener ein tragende Rolle in der Superbike-WM 2006 spielen. Lorenzo Lanzi, nach dem siegreichen Gastauftritt als Laconi-
Ersatz inzwischen wieder in den Farben seines Caracchi-SC-Teams, aber dennoch mit feinsten Werksmaterial unterwegs, holte sich nach einem eher diskreten neunten Platz im ersten Rennen den Sieg im Saisonabschluss, als Vermeulen nach gut zwei Renndritteln den begeisternden Infight der beiden Junioren wegen eines Schadens
in der Kraftübertragung seiner Honda auf-
geben musste. Lanzi wird 2006 ins Ducati-Superbike-Werksteam aufsteigen.
Der deutsche Nachwuchsheld Max Neukirchner konnte mit zwei achten Plätzen auf seiner Klaffi-Honda in Magny-Cours den in der Gesamtwertung vor ihm auf Rang zwölf liegenden Yamaha-Veteranen Norick Abe noch abfangen.
Aber nicht nur im blau-gelben Alstare-Corona-Zelt wurde am Sonntagabend gefeiert. Yamaha-Deutschland-Racing hatte Party-Gründe gleich zuhauf: Dreifachsieg im Superstock-FIM-Cup-Finale mit Didier Vankeymeulen vor Kenan Sofuoglu und dem frisch gebackenen IDM-Superbike-Meister Stefan Nebel als Wild-Card-Starter, dazu FIM-Cup-Gesamtsieg für Vankey-meulen vor Sofuoglu; weiter ein Doppelsieg im Supersport-WM-Finale von Broc Parkes vor dem neuen Vizeweltmeister
Kevin Curtain. Und obendrein hatte Teamchef Terrell Thien Geburtstag.

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