Superbike-WM in Albacete/E (Archivversion)

Solotrip

In bester australischer Pionier-Tradition macht sich Ducati-Werksfahrer Troy Corser im Alleingang auf, den Superbike-WM-Titel doch noch zu gewinnen. John Kocinski und den anderen Verfolgern scheint nur die Zuschauer-Rolle zu bleiben.

Troy Corser schien angeschlagen vor dem Superbike-WM-Wochenende in Albacete. Seine Vorstellungen in den letzten Rennen waren wenig berauschend. Unzählige Motorschäden hatte seine Tabellenführung zerstört und nagten an der Moral der Promotor-Power Horse-Ducati-Truppe. Die Favoriten waren eher der neue Spitzenreiter Aaron Slight und Titelverteidiger Carl Fogarty auf ihren früher vielgescholtenen, inzwischen aber bärenstarken Werks-Honda RC 45, beides Albacete-Sieger aus früheren Jahren.Doch der grippegeschwächte Aaron Slight verbrachte während der Trainingstage fast mehr Zeit unter Vitamininfusionen der Ärzte als auf dem Bike. Und Weltmeister Fogarty klagte wie so oft über die mangelnde Handlichkeit der Honda sowie unpassende Getriebeabstufungen.Troy Corser dagegen dominierte von Anfang an. Der überlegenen Pole Position und »nur« einem Motorschaden im Training ließ er zwei einsame Laufsiege folgen. Im ersten Rennen übernahm er nach einer halben Runde die Führung, das zweite führte er vom Start weg an. Einzig sein Markenkollege John Kocinski konnte halbwegs in Sichweite zu Corser bleiben.Bis das Reifendrama begann. Auf dem neuen, sehr rauhen und welligen Asphalt, der an manchen Stellen sogar aufbrach, waren die Michelin-Fahrer nämlich ab Rennmitte verloren. Nur Corser nicht. »Aber auch meine Reifen haben in der zweiten Rennhälfte rapide abgebaut. Ich konnte froh sein, daß ich schon so weit weg war und mir keiner mehr gefährlich werden konnte«, blickte der Doppelsieger zurück, »im zweiten Rennen haben wir eine härtere Mischung gewählt, es war jedoch kaum besser.«Diesen letzten Satz konnten die Kollegen aus dem Dunlop-Lager in keiner Weise unterschreiben. Denn aus den Tiefen des Felds zogen Yamaha-Werksfahrer Colin Edwards sowie vor allem Kawasaki-Muzzy-Treiber Simon Crafar und Edwards’ Yamaha-Kumpan Wataru Yoshikawa, aber auch der zweimal sehr schwach gestartete deutsche Kawasaki-Fahrer Jochen Schmid unwiderstehlich nach vorn.Während John Kocinski die Michelin-Ehre mit den Ränge zwei und drei noch retten konnte, war bei Castrol-Honda das Desaster komplett. Rang fünf für den anfangs um die Spitze kämpfenden Fogarty sowie Platz neun für Slight, der nie in das Geschehen hatte eingreifen können, warfen das Honda-Team im ersten Durchgang weit zurück.Fogarty und Slight mußten auch im zweiten Rennen durch die Hölle. Nach der ersten Runde auf den Plätzen zwei und zehn trafen sich die beiden nach einem Renndrittel im Kampf um Platz vier, bis wieder Crafar und Yoshikawa einfach vorbeifuhren und Slight schließlich vor Fogarty noch Sechster werden konnte. »Verglichen mit dem ersten Rennen war es sogar besser mit den Reifen, aber immer noch ein planloses Rutschen«, resümierte der entthronte Tabellenführer aus Neuseeland.Deutet die Situation in der WM vor dem Finale Ende Oktober auf Phillip Island im australischen Bundesstaat Victoria nun überdeutlich auf einen Titelgewinn von Vizeweltmeister Troy Corser vor heimischen Publikum hin, läuft das Transferkarussell im Superbike-WM-Fahrerlager weiterhin auf Hochtouren. Eher erwartungsgemäß war die offizielle Erklärung von Promotor-Power Horse-Besitzer Alfred Inzinger bezüglich des Umstiegs von der Superbike-WM in die 500er Grand Prix-Klasse als offizielles Yamaha-Team mit den Fahrern Luca Cadalora und Troy Corser.Wesentlich undurchsichtiger ist die Situation um John Kocinski. Immer noch mit Chancen auf den WM-Titel, brachte der US-Amerikaner die Variante ins Spiel, er würde mit dem im GP-Sport möglicherweise arbeitslosen Tuner-Genie Erv Kanemoto das Castrol-Honda-Team verstärken. »Erv ist mein Freund und will mir helfen, und ich will ihm helfen«, so Kocinski. »Vergiß es«, erklärte Teamchef Neil Tuxworth dazu kategorisch, »ich habe noch mit niemandem gesprochen, außer mit Aaron Slight, der auch 1997 bei uns bleibt. Kanemoto ist kein Thema für uns. Ich halte ihn für einen reinen Zweitakt-Spezialisten.«Wahrscheinlicher ist die schon länger diskutierte Variante mit Kocinski auf einer Werks-Ducati im Corona-Alstare-Team von Francis C. Batta. Nach Auskunft von Battas Teammanagerin und Lebensgefährtin Patricia Détour ist die Vertragsunterzeichnung in Albacete nur gescheitert, weil Batta an Grippe erkrankt war und nur sporadisch an der Rennstrecke auftauchen konnte.
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Superbike-WM in Albacete/E (Archivversion)

Honda RC 45Top oder Flop?Bei ansonsten durchaus gegenseitiger Wertschätzung sind sich die beiden Castrol-Honda-Fahrer Aaron Slight und Carl Fogarty überhaupt nicht einig in der Beurteilung ihres Bikes. »Foggy« hat resigniert, geht zurück zu Ducati und bezeichnet die RC 45 als »ungeeignet für meinen Fahrstil und unhandlich. Du mußt mit dem Ding spät und hart bremsen und dann wieder sehr hart beschleunigen. Mit der Ducati geht alles viel weicher. Sie erlaubt deutlich höherer Kurvengeschwindigkeiten«. Slight dagegen »weiß nicht, was Carl da meint. Gerade mit der RC 45 mußt du rund und weich fahren. Alle hacken immer auf der unfahrbaren Honda rum. Dieses Motorrad war von Anfang an, im Jahr 1994, weit besser als sein Ruf. Wir hatten nur zu wenig Motorleistung, aber das ist mittlerweile anders«. Zum Thema Ducati-Angebote meinte der Kiwi knapp: »Ich wäre ein Verräter. Ich will mit der Honda gewinnen.«SupermonoKein Happy EndDie Männer unter den rund 13000 Zuschauern wußten nicht so recht, ob sie sich freuen sollten. Bei den spanischen Frauen dagegen herrschte hysterische Freude. Die deutsche Nachwuchsfahrerin Katja Poensgen deklassierte das Feld des Supermono-Euro-Cup im Rennen um über sieben Sekunden, bis zwei Runden vor Schluß der Gaszug an der urgewaltig starken BMR-Suzuki riß und alles zu Ende war. Der Sieg ging so an MuZ-Werksfahrer Rigo Richter vor dem Cup-Gesamtsieger Takashi Minoda auf seiner Over-Yamaha - und doch noch einer Frau aus Deutschland: Elli Bindrum auf der zweiten Werks-MuZ.

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Troy Corser (AUS) Ducati, 28 Runden in 43.31,166 min (= 136,618 km/h), 2. Colin Edwards (USA) Yamaha, 3. John Kocinski (USA) Ducati, 4. Simon Crafar (NZ) Kawasaki, 5. Carl Fogarty (GB) Honda, 6. Wataru Yoshikawa (J) Yamaha, 7. John Reynolds (GB) Suzuki, 8. Neil Hodgson (GB) Ducati, 9. Aaron Slight (NZ) Honda, 10. Mike Hale (USA) Ducati, 11. Gregorio Lavilla (E) Yamaha, 12. Sean Emmett (GB) Ducati, 13. Piergiorgio Bontempi (I) Kawasaki, 14. Paolo Casoli (I) Ducati, 15. Jochen Schmid (D) Kawasaki;2. Lauf: 1. Corser, 26/40.19,125 min ( = 136,930 km/h), 2. Kocinski, 3. Edwards, 4. Crafar, 5. Yoshikawa, 6. Slight, 7. Fogarty, 8. Hodgson, 9. Reynolds, 10. Schmid, 11. Martin Craggill (AUS) Kawasaki, 12. Lavilla, 13. Bontempi, 14. Emmett, 15. Kirk McCarthy (AUS) Suzuki;Schnellste Runde: Corser in 1.31,714 min ( = 138,914 km/h);WM-Stand: 1. Corser 353 Punkte, 2. Slight 327, 3. Kocinski 317, 4. Fogarty 308, 5. Edwards 212;Supersport 600: 1. Fabrizio Pirovano (I) Ducati, 28/46.10,882 min ( = 128,743 km/h), 2. Vittorio Guareschi (I) Yamaha, 3. Mario Agnoletti (I) Kawasaki, 4. Michele Malatesta (I) Bimota, 5. Enrique de Juan (E) , 6. Robert Ulm (A), beide Kawasaki;EM-Stand: 1. Pirovano 220 Punkte, 2. Meregalli 136, 3. Mauro Lucchiari (I) Ducati 102;Supermono: 1. Rigo Richter (D) MuZ, 2. Takashi Minoda (J) Over-Yamaha, 3. Elli Bindrum (D) MuZ, 4. Alan Cathcart (GB) Ducati;Cup-Endstand: 1. Minoda 103, 2. Cathcart 101, 3. Bindrum 93.

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