Superbike-WM in Albacete/Spanien (Archivversion) Ende der Schonzeit

Knapp ein Drittel der Superbike-WM 1999 ist gelaufen. Zeit für eine erste Bilanz der Umsteiger und Neueinsteiger. Noriyuki Haga bescherte der Yamaha R7 gerade rechtzeitig den ersten Sieg.

Das allgegenwärtige Lächeln von Yamaha-Superbike-Teamchef Davide Brivio kam in letzter Zeit nicht immer von Herzen. Zu sehr hatten ihn die Krankeiten des Hoffnungsträgers R7 bedrückt, der mit riesigen Vorschußlorbeeren in die WM-Saison 1999 gestartet war. »Wir mußten das Einspritzsystem des R7-Motors erst von Grund auf verstehen lernen«, erinnert sich Brivio an die ersten Rennen, als selbst der hochtalentierte Noriyuki Haga weit hinter seinen sensationellen Vorjahreserfolgen auf der museumswürdigen YZF 750 SP zurückblieb.Hagas souveräner Sieg im ersten Rennen von Albacete kam gerade noch rechtzeitig, bevor die R7 allmählich Imageprobleme bekommen hätte. Der Motorschaden im zweiten Rennen könnte aber mehr als ein Wermutstropfen sein. Schließlich waren die Geheimnisse der Einspritzung nicht die einzigen Startschwierigkeiten des 1999er Yamaha-Superbikes. Die R7 hatte des öfteren ganz erhebliche Probleme mit der Haltbarkeit der Pleuellager.Dies hätte man aber grundsätzlich im Griff, behauptet Brivio. »Entscheidender ist, daß wir inzwischen mit der Abstimmung der Einspritzung vorankommen. Eine möglichst breite Leistungscharakteristik ist bei heutigen Superbikes viel wichtiger als das letzte PS an Spitzenleistung.« Vom Fahrwerk redet Teamchef kaum, denn diesbezüglich ist die R7 mit ihrem kompakten, der 500er Grand Prix-Maschine verwandten Rahmen und der extrem langen Hinterradschwinge tatsächlich State of the Art in der Superbike-WM.Die Kawasaki ZX-7RR ist dagegen der letzte Superbike-Mohikaner mit Vergaser-Motor. Dennoch war die allmählich ergrauende grüne Rennmaschine für Gregorio Lavilla, den Neuling im Kawasaki-Werks-Team, eine große Unbekannte. »Du mußt sie ganz anders fahren als eine Ducati, mit der ich früher unterwegs war, immer mit sehr hohen Drehzahlen. Das verlangt einen sehr harten Fahrstil, genau entgegengesetzt zur Ducati.« Doch dies haben die Kawasaki-Techniker unmittelbar vor den Rennen in Albacete verbessern können. »Wir haben in Cartagena, einer Strecke, die Albacete recht ähnlich ist, einige Modifikationen am Motor erfolgreich umsetzen können«, so Teamchef Harald Eckl, »das Motorrad hat jetzt eine wesentlich bessere Leistungscharakteristik.«Tatsächlich konnte Lavillas Teamkollege Akira Yanagawa in Spanien sein Image als Start-Schlafmütze ablegen und zweimal seinen zweiten Startplatz auch in Rang zwei im Ziel ummünzen und war damit fleißigster Punktesammler in Albacete. Auch Lavillas Kurve zeigt nach oben. Der Lokalmatador war im Freitagstraining sogar Schnellster und zeigte in seinen beiden Heimspielen mit den Rängen sechs und vier sein bisher bestes Saisonergebnis.Die Suzuki GSX-R 750, im neuformierten Corona-Alstare-Team, erst ein Jahr nach Produktionsbeginn als Einspritzer in die Rennen geschickt, blickt im ersten Saisondrittel 1999 noch auf durchwachsene Ergebnisse. »Uns fehlt einfach noch das entscheidende Quentchen Leistung in allen Drehzahlbereichen«, erklärt Nummer eins-Fahrer Pierfrancesco Chili. Teamchef Francis C. Batta ist optimistischer: »Es ist alles neu: Team, Maschine, die Fahrer und auch die Dunlop-Reifen. Und wenn Frankie Chili 1999 noch drei- oder viermal aufs Podest fährt, ist alles in Ordnung.« Dennoch verrät der erfahrene Boß der italienisch-belgischen Truppe, daß er in Sachen Einspritzung eigene Wege gehen will. »Wir konnten bei unseren japanischen Partnern durchsetzen, die Einspritzung der australischen Firma Motec zu verwenden.« Und damit, was Batta nicht explizit sagt, die Fähigkeiten des Bayern Rupert Baindl nützen, dem führenden Software-Spezialisten für Motec-Anlagen.Nicht nur die Einspritzung, sondern schlicht alles war für Aprilia bei ihrem Superbike-Abenteuers neu. Und so hören wir in der Zwischenbilanz von Fahrer Peter Goddard und Teamchef Fernando de Cecco auch die radikalsten Töne. »Unser Hauptproblem ist die Kupplung«, erklärt de Cecco, »aber wir bekommen für das nächsten Rennen in Monza am 30. Mai schon eine neue Generation.« Goddard, im Ruf eines brillanten Testfahrers, sieht noch weiteres Entwicklungspotential: »Wir werden schon bald neue Einspritz-Hardware und Auspuffe bekommen, was auch dringend nötig ist. Wir haben noch klare Rückstände bei der Leistungsentfaltung.«Und was machte der alte Superbike-Adel in Albacete? Weltmeister Carl Fogarty wurde zweimal mies gelaunter Dritter, baute aber seine WM-Führung auf 36 Punkte gegen seinen Ducati-Freund Troy Corser aus, der nach Trainingssturz von einer stark schmerzenden linken Schulter gehandicapt Siebter und Sechster wurde.Honda-Werksfahrer Colin Edwards beklagte einen Motorschaden und feierte einen Sieg, während sein Teamkollege Aaron Slight, wegen des in Donington Park dreifach gebrochenen rechten kleinen Fingers ebenfalls nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, als Vierter und Siebter ankam.

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