Superbike-WM in Assen/Niederlande (Archivversion)

Chili-Instinkt

Pierfrancesco Chili sah sich vom rüden Fahrstil seines »Freundes« Carl Fogarty zu wütenden Angriffen nach dem Rennen hingerissen. Die Nerven liegen blank bei Ducati, der WM-Titel droht zu entgleiten.

Die Pressekonferenz nach dem zweiten Superbike-WM-Rennen vor 53000 Zuschauern auf der niederländischen Traditionspiste von Assen ging ihren gewohnten Gang. Zunächst beantwortete der drittplazierte Troy Corser brav die wie immer in brillantem Oxford-Englisch gestellten Standard-Fragen von Superbike-WM-Pressechef John Brown, dann der Zweite Aaron Slight und schließlich Carl Fogarty, zum zehnten Mal Sieger in Assen.Noch bevor aber der erste Journalistenkollege detailiertere Fragen loswerden konnte, stand Pierfrancecso Chili am Saalmikrofon, frisch geduscht im blauen Bademantel, ganz im Stile eines Boxers, der bereit ist, in den Ring zu steigen. »Ich habe eine Frage an Carl Fogarty«, überraschte Chili mit lauter, klarer Stimme, »was soll das eigentlich, wenn du bei Vollgas im sechsten Gang lebensgefährliche Spielchen treibst und mich so am Überholen hinderst?« Der angegriffene Ex-Weltmeister stand sofort auf und bewegte sich mit sichtlich dickem Hals auf den Italiener zu. Denn dies war - was zu diesem Zeitpunkt außer ihm selbst allerdings nur die wenigsten wußten- bereits die zweite Chili-Attacke in der kurzen Zeit, seit die Zielflagge gefallen war.Frankie Chili war eingangs der Zielschikane von Assen gestürzt, beim allerletzten Versuch, gegen Fogarty nach dem überzeugenden Sieg im ersten Rennen auch zum zweiten Mal zu gewinnen. Er konnte dem Chaos-Bremsmanöver des Königs von Assen nicht standhalten. Kaum dem friesischen Kies entkommen, stiefelte der tragische Held schnurstraks auf Sieger Fogarty zu, der gerade im Begriff war, aufs Siegerpodest zu stiegen und verpaßte ihm einen herzhaften Schwinger an den zum Glück noch vom Helm geschützten Kopf.Das sich anbahnende Boxduell der beiden Ducati-Helden, die bis dahin im Superbike-Fahrerlager eher als Freunde galten, wurde im Pressezelt von Fogartys Frau Michaela verhindert, welche die beiden Mike Tyson-Jünger in ganz erheblicher Lautstärke zur Beendigung der Kampfhandlungen aufforderte. So bleibt nur das letzte Wortgefecht in Erinnerung: »Schau dir das Video an, und du wirst verlieren. Ich habe nichts Linkes gemacht«, schrie Fogarty, die Fäuste längst nicht mehr in der Tasche. Und die Antwort kam sofort: »Verlieren wirst du, und zwar in Japan beim Finale. Dafür werde ich persönlich sorgen.«Tatsächlich verlieren wird aber möglicherweise Ducati insgesamt, und zwar den schon sicher geglaubten Weltmeister-Titel. Auch wenn der dritte Mann im Werksteam, Troy Corser, immer noch mit einem halben Pünktchen die Tabelle vor Hondas Nummer eins-Fahrer Aaron Slight anführt und angesichts der furiosen Vorstellung seiner Kollegen nur amüsiert nach einem Bier fragte, ist der Hahn auf dem Dach im Lager der Bolognesen.Niemand ist in der Lage, die Titeljagd des Werksfahrer-Trios auch nur annähernd zu kanalisieren. Die beiden Teamchefs Virginio Ferrari, zuständig für Corser und Chili, sowie Davide Tardozzi, in seiner Equipe fährt Fogarty, sind viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird es 1999 nur noch ein Ducati-Werksteam in der Superbike-WM geben. Die Cheftechniker Franco Farné und Claudio Domenicali, immerhin Angestellte von Ducati und nicht der Teams, versteifen sich auf ihre rein technische Zuständigkeit. Und Federico Minoli selbst, der neue große Firmenchef, hat offenbar Wichtigeres zu tun, als auf dem Rennplatz für Ordnung zu sorgen.Die Fahrer quälen solche Gedanken natürlich am allerwenigsten. Denn sie haben alle drei noch Chancen auf den Titel, und nur das bewegt ihre Handlungen auf der Piste. So verschenkte das Ducati-Trio im ersten Rennen munter ganze zwölf WM-Zähler an Aaron Slight und Honda, die einzige noch verbliebene Konkurrenz. Nie auch nur annähernd von Slight gefährdet, überzeugten Chili, Fogarty und Corser mit einem Dreifachsieg in dieser Reihenfolge, anstatt den Tabellenführer aus Australien elegant zum Sieg zu geleiten.Troy Corser selbst, der in der Endphase mit Reifenproblemen nicht mehr ganz mit seinen speziellen Freunden mithalten konnte, sieht die Sache sportlich: »Natürlich fährt jeder für sich selbst, solange er noch eigene WM-Chancen hat. Ich bin zwar noch vorn, aber beim Finale in Sugo kommt es jetzt zum klassischen Show Down zwischen Slight, Fogarty und mir. Wer vorn ist, ist auch Weltmeister.«Was der gute Troy verschweigt: Annähernd eine Handvoll einheimischer jugendlicher Angreifer aus dem Hause Honda werden mit pfeilschnellen RC 45 in Sugo an der Startlinie stehen, die alles im Sinn haben werden, nur nicht vor Aaron Slight über die Ziellinie zu fahren. So stehen die Chancen recht hoch, daß Carl Fogarty zu den Verlieren von Sugo gehört, aber eben auch Frankie Chili sowie Troy Corser und vor allem Ducati.
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Parc fermé (Archivversion)

Ralf WaldmannInteressante NotlösungAm Montag nach dem Rennen testete Grand Prix-Star Ralf Waldmann in Assen die Werks-Kawasaki aus dem Team von Harald Eckl. Bei den Rundenzeiten auf Anhieb kaum langsamer als Kawasakis Nummer eins-Fahrer Akira Yanagawa, war Waldi vor allem vom leichten Handling der ZX-7RR angetan. Obwohl Waldmann von seinem Manager Dr. Carsten Hansen begleitet wurde, will Teamchef Eckl vorläufig den Ball flach halten: »Ich werde noch in dieser Woche Waldi ein gutes Angebot machen. Ob Waldi tatsächlich zusagt, ist allerdings noch offen.«AssenNeue StreckenführungDas achte Superbike-WM-Wochenende in Assen war das letzte internationale Rennen auf der traditionsreichen Strecke in ihrer bisherigen Form. Schon am Montag nach dem Rennen rückten die Baumaschinen an und begannen zunächst mit dem Abriß von Pressezentrum und Restaurant. Die Arbeiten an der Piste selbst beginnen Anfang Oktober. Zur Saison 1999 soll für rund 70 Millionen Mark eine um ein Drittel verkürzte Strecke mit modernsten Funktionsgebäuden bereitstehen.James WhithamOnly Rock’n’Roll, but I like itSein überaus spektakulärer Fahrstil, sein heldenmütiger und am Ende siegreicher Kampf mit einer Krebserkrankung verbinden sich mit seinem offenen, volksnahen Charakter zu einem ganz eigenen Charisma. In Assen feierte Jamie Whitham seinen 32jährigen Geburtstag und zeigte weitere Talente. Als Schlagzeuger der Rockband »The Po’Boys« überzeugte Jamie nicht weniger als auf der Rennstrecke. Die auf britische Rockmusik der 80er Jahre spezialisierte Band wurde am Sonntag abend im Fahrerlager von Assen von namhaften Background-Sängern verstärkt: Neben dem überraschend textsicheren Carl Fogarty schwangen noch Aaron Slight, Troy Corser und Colin Edwards Rhythmusinstrumente und Mikros.Supersport 600Allein gegen die AllstarsDer Plan war so gut wie klar für das Corona Alstare-Suzuki-Team beim Finale des Supersport 600-Weltcups in Assen. Der neue Meister Fabrizio Pirovano sollte seinen Teamkollegen Stéphane Chambon gegen Yamaha-Fahrer Vittoriano Guareschi abschirmen. Dann wäre mit der Vizemeisterschaft von Chambon der totale Triumph der blau-gelben Vorzeigetruppe wahr geworden. Und der Plan schien aufgegangen, als der führende Pirovano kurz vor Schluß beim Anbremsen der Zielschikane den Yamaha-Reiter so geschickt blockte, daß Chambon sich von Rang drei in Führung pfeilen konnte. Doch in der allerletzten Runde - abermals in der Schikane - forderte Guareschi, inzwischen wieder auf Platz zwei hinter Chambon, den Franzosen zum letzten Bremsgefecht und behielt angesichts der bekannten Qualitäten des Super Moto-Kaisers ganz überraschend die Oberhand. Guareschi gewann das Rennen und wurde doch noch Zweiter in der Meisterschaft. Kawasaki-Junior Stefan Nebel wurde 21.Scott RussellGoin’ homeDer Superbike-Weltmeister von 1993 hat genug. Scott Russell wird nach der eher mäßigen Saison 1998 nicht auf das neue, sagenumwobene Wunderbike Yamaha R7 warten, sondern 1999 in die US-Superbike-Meisterschaft zurückkehren. Aus verschiedenen Angebote heraus sticht die Offerte von Harley-Davidson. Allein schon die Aussicht auf den eventuellen sechsten Daytona-Sieg öffnet offenbar die gut gefüllten Geldtaschen in Milwaukee. Russells Nachfolger im Yamaha-Superbike-Team an der Seite von Noriyuki Haga könnte Supersport-Vizemeister Guareschi heißen.

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Pierfrancesco Chili (I), 16 Runden in 33.28,451 min ( = 173,478 km/h), 2. Carl Fogarty (GB), 3. Troy Corser (AUS), alle Ducati, 4. Aaron Slight (NZ), 5. Colin Edwards (USA), beide Honda, 6. Peter Goddard (AUS) Suzuki, 7. Akira Yanagawa (J) Kawasaki, 8. Noriyuki Haga (J), 9. Scott Russell (USA), beide Yamaha, 10. Neil Hodgson (GB) Kawasaki, 11. Alessandro Gramigni (I) Ducati, 12. Igor Jerman (SLO), 13. Mauro Innamorati (I), beide Kawasaki,..., 16. Heinz Platacis (D) Kawasaki;2. Lauf: 1. Fogarty, 33.30,118 min ( = 173,334 km/h), 2. Slight, 3. Corser, 4. Edwards, 5. James Whitham (GB) Suzuki, 6. Yanagawa, 7. Goddard, 8. Haga, 9. Hodgson, 10. Jerman, 11. Innamorati, 12. Erkka Korpiaho (FIN), 13. Andrew Stroud (NZ), beide Kawasaki, 14. Platacis;Schnellste Runde: Chili in 2.04,526 min ( = 174,874 km/h)WM-Stand: 1. Corser 328,5 Punkte, 2. Slight 328, 3. Fogarty 322,5, 4. Chili 289,5, 5. Edwards 273,5, 6. Haga 233, 7. Yanagawa 177, 8. Whitham 161;Supersport 600: 1. Vittoriano Guareschi (I) Yamaha, 35.35,382 min ( = 163,166 km/h), 2. Fabrizio Pirovano (I), 3. Stéphane Chambon (F), beide Suzuki, 4. Cristiano Migliorati (I) Ducati, 5. Mile Pajic (NL) Kawasaki, 6. Massimo Meregalli (I) Yamaha, 7. Camillo Mariottini (I) Kawasaki, 8. Robert Ulm (A) Yamaha, 9. Torleif Hartelman (NL) Honda, 10. Roberto Teneggi (I) Ducati;Endstand: 1. Pirovano 171, 2. Guareschi 149, 3. Chambon 137, 4. Paolo Casoli (I) Ducati 92.

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