Superbike-WM in Assen/NL (Archivversion)

Little Big John

Trotz geringer Punktverluste in Assen scheint John Kocinski im Kampf um den Superbike-WM-Titel derzeit stärker als Carl Fogarty. Aber der britische Nationalheld hat noch nicht aufgegeben.

Mit dem Nimbus der Unschlagbarkeit kam Carl Fogarty zu den Superbike-WM-Rennen nach Assen. Achtmal in Serie hatte er hier gewonnen. Und nicht nur die britischen Fans, die große Mehrheit unter den 31000 Zuschauern, hatten keinerlei Zweifel, daß sie zwei weitere Siege miterleben würden.Zumal Erzfeind John Kocinski mit seiner Werks-Honda RC 45 beim dem Start zum ersten Rennen aus der Pole Positon weit in den Tiefen des Mittelfelds versank. »Für so einen lausigen Start sollte ich sofort gefeuert werden«, resümierte Kocinski später. Und tatsächlich, bis elf mußte seine Boxencrew nach der ersten Runde zählen, während an der Spitze mit einem hochkarätigen Quartett die Post abging.King Carl Fogarty, sein Ducati-Markenkollege Pierfrancesco Chili, Yamaha-Werksfahrer Scott Russell sowie Aaron Slight auf der zweiten Werks-Honda fanden sich in der dritten Runde zu einer atemberaubenden Live-Show. Die Positionswechsel in allen nur erdenklichen Kurvenlagen waren kaum noch nachvollziehbar.Gerade aber, als sich der Pulverdampf etwas gelegt hatte und die vier wilden Reiter sich einigermaßen auf die Reihenfolge Fogarty, Slight, Chili, Russell geeinigt hatten, wurde aus Little John wieder der Außerirdische früherer Jugendtage. Mittlerweile auf Rang fünf, erlegte er in der zweiten Halbzeit mit gnadenloser Selbstverständlichkeit die vier Spitzen-Streithähne, einen nach dem anderen.Im Ziel war Kocinski zwar nur um 14 Hundertstelsekunden vor Fogarty und wenig mehr vor Chili. Die beiden Ducatisti fühlten sich dennoch in einer Art deklassiert, wie sie sonst nur die Statisten der 500er WM hinter Michael Doohan erleben müssen und traten entsprechend geknickt zur Pressekonferenz an. Der drittplazierte Chili fand die Gründe für die Niederlage noch recht ausgeglichen bei sich, dem Motorrad und den Nachzüglern: »Ich machte zu viele kleine Fehler, außerdem hatte ich Probleme mit der Schaltung. Am schlimmsten aber sind die Überrundeten. Die fahren nicht mal halb so schnell wie wir.« Der enthronte König von Assen beschwerte sich über ganz andere unbefugte Streckenbenutzer: »Drei Runden vor Schluß knallte mir ein Fliege oder so was auf’s Visier. Das muß wohl das fetteste Insekt in ganz Holland gewesen sein. Auf jeden Fall hat es mir das Rennen ruiniert.«Vielleicht aber war es ganz gut für Fogartys Selbstachtung, daß er das demütigende Finale des ersten Rennens nicht so klar mitansehen konnte. Denn im zweiten Lauf kämpfte er vom Start weg wie ein Löwe, um seinen angekratzen Assen-Nimbus wiederherzustellen. Allerdings verhielt sich »Frankie« Chili, im Gattalone-Team ja nicht offizieller Ducati-Werksfahrer, sehr loyal. Wie ein Schatten folgte er dem zweifachen Weltmeister und paßte lediglich auf, daß, wie er selber sagte, »uns dieser Honda-Fahrer da nicht in die Quere kam«.Der angeschlagene Held Fogarty fuhr also einem behüteten Sieg entgegen, während »dieser Honda-Fahrer« erneut am Start vom halben Feld überrollt wurde, bevor er selber mit dem Rennen begann. Wieder sah Kocinski das Schild mit »P 11« nach der ersten Runde - und machte sich nochmal mit der Unwiderstehlichkeit des allseits bekannten heißen Messers in der Butter auf den Weg. Als der WM-Tabellenführer in der zehnten von 16 Runden seinen Teamkollegen Aaron Slight von Rang drei verdrängt hatte, war diesmal aber Schluß. Dafür und damit doch noch für halbwegs gute Laune bei Platzhirsch Fogarty und seinen Fanmassen gesorgt hatte tatsächlich der brave Frankie Chili. Denn Kocinski war im zweiten Rennen, über die gesamte Renndistanz gesehen, eine halbe Sekunde schneller als beim Sieg im ersten. Durch Chilis Nichtangriffspakt aber fuhren die beiden Ducati gut drei Sekunden schneller als im Kampfgetümmel des ersten Laufs.Ob Chilis Wohlverhalten ihm auch in der traditionell in Assen allmählich aufkochenden Transferküche helfen wird, muß sich noch zeigen. »Jetzt sollten die Ducati-Bosse auch kooperativ sein«, so Chilis leise Drohung, »sonst werde ich in Albacete vielleicht wieder mein eigenes Rennen fahren müssen.«Ein angriffslustiger Chili beim nächsten WM-Rennen in Spanien am 21. September wäre so ein klares Zeichen im dichten Nebel, der das zentrale Transfer-Thema, die neue Suzuki TL 1000 R, umgibt. Derzeit scheint noch offen, in welchem Umfeld der hoch vorgewettete Wundertwin aus Hamamatsu das Rennen lernen soll: im derzeitigen Spitzenteam des Supersport 600-Weltcups Alstare-Corona unter Aaron Slight, Troy Corser, Daryl Beattie oder Doriano Romboni; eben bei Gattalone mit Frankie Chili; ganz außerhalb der Superbike-WM in den Meisterschaften der USA und Australiens oder bei den klassischen Suzuki-Sportpartnern, dem französischen oder deutschen Importeur.»Wir wollen das nicht machen, aber vielleicht müssen wir«, orakelte Suzuki-Deutschland-Verkaufschef Bert Poensgen, »das japanische Mutterhaus möchte das TL 1000-WM-Team nicht allzuweit nach außen geben.« Lieber wäre Poensgen aber, mit seinem Top-Fahrer Udo Mark und der neuen 1998er GSX-R 750 mit Benzineinspritzung auf den DM-Titel loszugehen. Noch 1997 ist nach dem generalstabsmäßigen zweimaligen Dreifachsieg in der EM-Subwertung durch die Herren Mark, Jänisch und Rudroff in Assen der zunächst nicht angestrebte Europameister-Titel für Udo Mark zum greifen nah.
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Superbike-WM Assen/NL (Archivversion)

Ergebnisse:Superbike: 1. Lauf: 1. John Kocinski (USA) Honda, 16 Runden in 33.34,731 min ( = 172,937 km/h), 2. Carl Fogarty (GB), 3. Pierfrancesco Chili (I), beide Ducati, 4. Aaron Slight (NZ) Honda, 5. Neil Hodgson (GB) Ducati, 6. Scott Russell (USA) Yamaha, 7. Jeremy Whitham (GB) Suzuki, 8. Akira Yanagawa (J), 9. Simon Crafar (NZ), beide Kawasaki, 10. Chris Walker (GB) Yamaha, 11. Mike Hale (USA) Suzuki, 12. Pere Riba (E) Honda, 13. Jochen Schmid (D) Kawasaki, 14. Udo Mark (D) Suzuki, 15. Erkko Korpiaho (FIN) Kawasaki,..., 17. Michael Rudroff (D), 18. Rainer Jänisch (D), beide Suzuki,..., 20. Anton Gruschka (D) Yamaha;2. Lauf: 1. Fogarty, 33.31,289 min ( = 173,233 km/h), 2. Chili, 3. Kocinski, 4. Slight, 5. Hodgson, 6. Crafar, 7. Yanagawa, 8. Russell, 9. Walker, 10. Piergiorgio Bontempi (I) Kawasaki, 11. Whitham, 12. Schmid, 13. Mark, 14. Igor Jerman (SLO) Kawasaki, 15. Riba, 16. Jänisch,..., 18. Rudroff;Schnellste Runde: Chili in 2.04,583 min ( = 174,794 km/h);WM-Stand: 1. Kocinski 314 Punkte, 2. Fogarty 312, 3. Slight 249, 4. Russell 190, 5. Chili 183, 6. Yanagawa und Crafar, je 162, 8. Hodgson 118, 9. Whitham 116, 10. Bontempi 97;EM-Stand: 1. Mark 200, 2. Gruschka 189, 3. Giorgio Cantalupo (I) Ducati 188;Supersport 600-Weltcup: 1. Wilco Zeelenberg (NL) Yamaha, 35.26,496 min ( = 163,848 km/h), 2. Paolo Casoli (I) Ducati, 3. Michael Paquay (B) Honda, 4. Jeffry de Vries (NL) Yamaha, 5. Yves Briguet (CH) Suzuki, 6. Vittoriano Guareschi (I) Yamaha, 7. Stéphane Chambon (F) Ducati, 8. Marc Garcia (F), 9. Fred Bayens (AUS), beide Honda, 10. Mile Paijc (NL) Kawasaki;Schnellste Runde: Zeelenberg in 2.11,478 min ( = 165,627 km/h);

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