Superbike-WM in Assen/NL (Archivversion) Drei Engel für Claudio

Troy Corser und John Kocinski heißen seine Titelträger. Auch mit dem 1997 heimkehrenden Carl Fogarty könnte Ducati-Boß Claudio Castiglioni leben, aber Honda-Teufel Aaron Slight hat andere Pläne.

John Kocinski hatte immer wieder gezeigt, wo er schneller fahren konnte als alle anderen - eingangs der Zielschikane nämlich, wo in Assen schon unzählige spektakuläre Entscheidungen gefallen sind. Dort hatte er im ersten Rennen zur Superbike-WM vor rund 38000 Zuschauern schon den einen oder anderen überholt.Auch im zweiten Lauf hatte der US-Amerikaner seine Hauptgegner im Kampf um den Sieg, Honda-Werksfahrer Carl Fogarty und Power Horser-Ducati-Mann Troy Corser, bereits mehrfach düpiert und schwang mit seiner Werks-Ducati in der letzten Runde, planmäßig wie elegant, wiederum innen an der Honda mit der Nummer eins vorbei in Richtung Sieg. Aber der Plan klappte nicht. Denn Fogarty, in Assen seit vier Jahren ungeschlagen, hatte den Angriff gewittert, ja sogar, wie er später verriet, »in der letzten Runde die Tür bewußt noch etwa weiter offengelassen als vorher«. Deshalb pfiff er an dem durch das gewagte Bremsmanöver etwas verdutzt im Weg rumstehenden Kocinski wieder vorbei und sicherte seinen achten Superbike-WM-Sieg in Assen in Folge. Kocinski war von Foggys Gegenschlag offenbar so verwirrt, daß er auf der kurzen Geraden zur Ziellinie noch hinter Troy Corser auf Rang drei zurückfiel.Aber dieser aufregende Schlußpunkt des niederländischen Superbike-Wochenendes war beileibe nicht die einzige Konfrontation zwischen Weltmeister Fogarty und dem kapriziösen Hypertalent aus den USA. Bereits am Freitag abend hatte Fogarty in einer eigens anberaumten Pressekonferenz für die Saison 1997 seine Rückkehr zum Ducati-Team von Virginio Ferrari bekanntgegeben, der Mannschaft, die ihren derzeitigen Top-Fahrer Kocinski lieber heute als morgen verabschieden würde, mit Fogarty dagegen 1994 und 1995 zwei souveräne WM-Titel gewinnen konnte. »Ich kann nicht sagen, daß ich bei Honda unzufrieden bin«, erklärte der Titelverteidiger und derzeitige WM-Dritte den wenig überraschenden Schritt, »aber ich werde nicht mehr allzulange fahren und möchte noch einmal ganz nach vorn. Und die Ducati paßt einfach wesentlich besser zu meinem Fahrstil. Mit der Honda mußt du aggressiv in die Kurven hineinfahren und am Ende wieder hart beschleunigen, während mit der Duc deutlich höhere Kurvengeschwindigkeiten möglich sind.«Sollte also Fogarty dem Überflieger John Kocinski nicht nur den Sieg in Assen, sondern auch seinen Arbeitsplatz weggenommen haben? Ganz im Gegenteil - meint jedenfalls Kocinski selbst. »Seit dem Rennen in Laguna Seca habe ich mit Virginio Ferrari nichts mehr zu tun«, stellt er klar, »er hat über meine Motorräder nicht mehr zu entscheiden. Wir haben eine eigene Struktur, quasi ein Team im Team.« Dann wird Little John prophetisch: »Ich weiß von Ducati-Besitzer Claudio Castiglioni persönlich zwei Dinge: Erstens werde ich 1997 Werksmaterial bekommen, und zweitens wird es nur ein Werksteam geben. Es besteht also die Möglichkeit, daß Ferrari und Fogarty im nächsten Jahr gar kein Top-Material zur Verfügung haben werden.«Dies alles relativiert sich stark, wenn man Castiglioni selbst zu Wort kommen läßt, der zusammen mit Ducati-Direktor Massimo Bordi und einem Vertreter seiner neuen US-amerikanischen Partner nach Assen gereist war. »John Kocinski ist mein Freund, Virginio Ferrari ist mein Freund, und auch Carl Fogarty ist mein Freund. Wir müssen sehr genau überlegen, was zu tun ist. Entscheidend wird auch sein, was Alfred Inzinger und sein Power Horse-Team plant«, erläuterte der Italiener, während er am Sonntag morgen über den Motorradparkplatz im Zuschauerbereich schlenderte und wohl private Marktanalysen betrieb. Inzinger wiederum hielt sich, auch was seine Pläne mit Troy Corser in der 500er Grand Prix-Klasse betrifft, sehr bedeckt: »Selbst auf die Gefahr hin, daß jetzt wieder wild spekuliert wird, werde ich im Moment gar nichts sagen«, lächelte der Österreicher. Dessen Star-Fahrer Troy Corser ist mit den Rängen vier und zwei dem WM-Tabellenführer Aaron Slight, der auf seiner Werks-Honda wenig aufsehenerregend Dritter und Fünfter wurde, etwas näher auf die Pelle gerückt, hatte aber auch auf das ganze Wochenende verteilt fünf kapitale Motorschäden zu beklagen.Zu haltlosen Spekulationen besteht ohnehin kein Anlaß, denn nach Ende der Rennen in Assen am Sonntag abend gab es sehr klare Anzeichen für ein Ende der Beziehung zwischen Ducati und Power Horse, und zwar ganz egal, ob Troy Corser dem neuerdings im zweifarbigen Irokesen-Hairstyling auftretenden Slight den Titel noch abjagen kann oder nicht.Und diese Anzeichen sind aus deutscher Sicht sehr erfreulich. Das DNL-Ducati-Team um den neuen deutschen Superbike-Meister Christer Lindholm und Teamchef Wolfgang Zeyen hat ein konkretes Angebot aus Bologna, im nächsten Jahr mit erstrangigem Werksmaterial die WM zu bestreiten. »Christer soll die Superbike-WM fahren und Thomas Körner die Supersport 600-Meisterschaft«, erklärte Zeyen, der samt komplettem Team auch heftig von Suzuki Deutschland für Pro Superbike umworben wird, »so lautete die Offerte von Claudio Castiglioni. Die näheren Details müssen wir jetzt noch mit dem deutschen Importeur DNL besprechen.«Neben der deutschen Aufsteiger-Equipe wird es das Team Virginio Ferrari-Ducati Corse geben, mit den Fahrern Carl Fogarty und Neil Hodgson, die im übrigen im Privatleben gute Freunde sind, sowie ein vorerst nicht näher adressiertes Werks-Maschinen-Paket für John Kocinski. Und diese Bikes werden höchstwahrscheinlich in den gelb-blauen Farben des Corona-Alstare-Teams auftauchen, die in Assen mit Fabrizio Pirovano den Gewinn der offenen internationalen Supersport 600-Meisterschaft feiern konnten. »Wir haben mit Kocinski schon Kontakt aufgenommen«, schilderte Teammanagerin Patricia Détour, »ich kenne ihn schon sehr lang, wir haben in seiner Lucky Strike-Suzuki-Zeit als Partner von Diesel Jeans mit ihm zusammengearbeitet. Ich bin mir sicher, daß ich richtig mit ihm umgehen kann. Und wenn er den Kopf frei hat fürs Fahren, dann wird er ganz vorn sein, das ist doch klar.«Daß am Ende das Feuerstühlerücken der Ducati-Werksfahrer zu einer »Reise nach Bologna« wird und er selbst derjenige sein wird, der am Ende stehenbleibt, befürchtet mal wieder Pierfrancesco Chili. »Nein, ich habe noch nicht mit Herrn Castiglioni gesprochen, das wird erst nächste Woche sein. Natürlich wollen wir auch Werksmaschinen, denn wir haben in dieser Saison mehrfach gezeigt, daß wir mit Standard-Material John Kocinski schlagen können«, so der sympathische Italiener, in Assen im ersten Lauf Zweiter vor und im zweiten Rennen Vierter hinter Kocinski, »Kocinski ist kein Superstar, er wird nur von der italienischen Presse dazu gemacht. Er ist nicht besser als wir anderen. Das muß einmal klar und deutlich gesagt werden.«Der Mann, der den ganzen Wirbel um die Ducati-Plätze angezettelt hatte, saß am Ende als glücklicher Honda-Fahrer beim Sieger-Interview. »Ich habe immer gesagt, daß ich gewinnen kann, wenn das Bike gut funktioniert.« So hat Carl Fogarty sogar noch die Chance, seinem neuen und alten Teamchef Virginio Ferrari die Startnummer eins des Weltmeisters, die er ja 1996 zu Honda entführt hat, für nächstes Jahr wieder zurückzubringen. »Nun, Aaron Slight ist der klare Favorit, und Corser und Kocinski sind auch keine Nasenbohrer. Aber mein Titel ist noch nicht verloren, und ich werde bis zum Schluß darum kämpfen, auch für Honda«, stellte Carl Fogarty mit seinem bekannt feurig-entschlossenen Blick klar, der keinerlei Widerspruch aufkommen läßt.Fogartys Nachfolger wollte Honda-Teamchef Neil Tuxworth noch nicht präsentieren: »Foggy hat uns korrekt informiert, aber erst anfangs der Woche, so ist die Zeit noch zu kurz. Das einzige, was ich sagen kann: Es wird kein japanischer Fahrer sein. Honda braucht Leute wie Takuma Aoki oder Takeda für die japanische Meisterschaft.« Intensive Gespräche führte Tuxworth in Assen aber mit 500er Suzuki-Fahrer Scott Russell. Der Superbike-Weltmeister von 1993, der bei Lucky Strike auf der Abschußliste steht, könnte durchaus mehr als zufällig bei seinem alten Kumpanen aufgetaucht sein.

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