Superbike-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) Kurswechsel

Auf Linkskursen war Ducati-Werksfahrer Ben Bostrom in den letzten Monaten kaum zu schlagen. In Brand Hatch gings andersrum.

Es gibt viele Menschen, die häufig rechts und links verwechseln. Ben Bostrom zählte bislang nicht dazu. Der Kalifornier in Diensten des Ducati-Superbike-Werksteam machte keinen Hehl und sich bisweilen sogar einen Spaß daraus, dass ihm Rennstrecken, die linksrum führen lieber sind als Rechtskurse.So holte Bostrom seine bisherigen vier Laufsiege dieser Saison denn auch auf den linksdrehenden Bahnen von Kyalami, Misano und im heimischen Laguna Seca. Brands Hatch dagegen führt rechtsrum, und das englische Wetter ist meistens ebenfalls nichts für den sonnenverwöhnten Kalifornier.In diesem Jahr aber war vieles anders. Ganz Britannien stöhnt unter einer Hitzewelle mit Temperaturen weit über 30 Grad, und Ben Bostrom feixte nach dem Training: »Hier ist es fast so angenehm wie zu Hause. Der Kurs führt zwar falsch rum, aber es gibt einige Stellen, die richtig Spaß machen und mich tatsächlich an meine Lieblingspiste Laguna Seca erinneren.«So waren vor dem ersten Rennen alle glücklich. Bostrom freute sich auf einen spaßigen Tag. Und über 100000 Fans, fast alle mit Bekleidung, Fahnen, Sitzkisssen oder Pressluftfanfaren im Orange des GSE-Ducati-Teams ihres neuen Volkshelden Neil Hodgson ausgerüstet, wollten mit frenetischem Lärm ihren Teil zum geplanten Doppelheimsieg beitragen.Doch Ben Bostrom fand schnell Gefallen am Rechtskurs und hatte sich bereits um fast zwei Sekunden von Hodgsons Vorjahres-Werks-Ducati abgesetzt, als in der elften Runde der österreichische Privatfahrer Robert Ulm der Yamaha des vor ihm stürzenden James Haydon nicht mehr ausweichen konnte. Ulms blaue Ducati krachte dabei so unsanft auf den Asphalt, dass sie sofort Feuer fing und das Rennen abgebrochen wurde.Den Sprint über die restlichen 15 Runden nach dem Neustart kontrollierte Bostrom dann von der idealen Position am Hinterrad der GSE-Ducati aus. Der US-Amerikaner zeigte so als guter Gast, ließ Hausherr Hodgson bei der Zieldurchfahrt den Vortritt, was die Hügellandschaft rund die Strecke von Brands Hatch in leuchtendem Orange erstrahlen ließ, und kassierte dennoch die vollen 25 WM-Punkte für den Sieg in der Addition der beiden Teil-Rennen.Weniger Gnade gab es im zweiten Rennen. Bostrom bewies ein weiteres Mal, dass er auch bei höchstem Tempo und größter Hitze besonders schonend mit seinen Dunlop-Reifen umgehen kann. Neil Hodgson, mit der gleichen mittelweichen Mischung ausgestatten wie der Werksfahrer, konnte zwar nach zwei Dritteln der 25 Runden-Distanz den Rückstand auf dem vom Startweg führenden Bostrom bis auf wenige Zentimeter reduzieren. Doch in den letzten fünf Runden fuhr der 28-jährige Bostrom trotz wildester Driftwinkel wieder um über zwei Sekunden weg.Andere Fahrer, auch das WM-Führungstrio Troy Bayliss, Colin Edwards sowie Troy Corser, hatten mit dem Ausgang der Brands-Hatch-Rennen 2001 nichts zu tun. Ducati-Nummer-eins-Pilot Bayliss und Hondas Weltmeister Edwards kamen wenigstens noch jeweils einmal als Dritter auf Siegerpodest. Aprilia-Superstar Corser war nach seinem Zwischenhoch wieder völlig von der Rolle: »Gut, der schwache achte Startplatz ist noch zu erklären mit Pech. Da hatten wir einfach einen schlappen Motor erwischt. Aber das Desaster im Rennen ist rätselhaft.«Ebenfalls völlig sprachlos, wenn auch aus genau entgegengesetztem Grund, war nach dem Supersport-Rennen das Wilbers-Yamaha-Deutschland-Team. Weltmeister Jörg Teuchert war im Zeittraining gestürzt und hatte sich dabei den rechten kleinen Finger bis auf den Knochen abgeschürft. Dennoch startete der Franke von Startplart neun ins Rennen, lag praktisch die gesamte 23-Runden-Distanz über auf Rang zwei oder drei im Kampf mit seinem Yamaha-Markenkollgen James Whitham und Kawasaki-Jungheld Andrew Pitt – bis der Titelverteidiger auf den letzten vielleicht 80 Metern sich aus dem Windschatten heraus an dem Australier Pitt vorbeizwängte und mit elf Tausendstelsekunden Vorsprung siegte.Bereits am Montagfrüh nach dem Rennen lag der Champion um 7.30 Uhr als neuer WM-Tabellenführer mit besten Aussichten auf eine erfolgreiche Titelverteidigung auf dem OP-Tisch seines heimischen Kreiskrankenhauses Hersbruck.

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