Superbike-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) British Empire

Mehr als 100 000 Fans waren in Brands Hatch von den Darbietungen ihrer lokalen Superbike-Helden begeistert – auch wenn der lange Zeit verletzte King Carl Fogarty wohl bald abdanken wird.

Das Ziel war klar für Colin Edwards: »Unser neuer Honda VTR 1000-Zweizylinder ist so viel besser als die alte RC 45, mit der ich letztes Jahr hier zweimal gewonnen habe. Also gibt es nur eins: zwei Siege am Sonntag.« Aber der WM-Spitzenreiter wusste auch: »Die Wild Card-Fahrer fahren hier in der britischen Meisterschaft und bei Tests Hunderte von Runden. Und Streckenkenntnis ist nirgendwo wichtiger als in Brands Hatch.« Die gut vier Kilometer lange Berg-und-Talbahn vor den Toren Londons gilt als die schwierigste Piste im WM-Kalender. Paddock Hill Bend, die Kurve am Fahrerlagerhügel, konfrontiert die Piloten sofort mit einer ganzen Reihe von Aufgaben, die gleichzeitig zu lösen sind. Nach der Start/Ziel-Passage, die in einer leichten Rechtskurve erst bergab und dann steil nach oben führt, gilt es, mehrfach herunterzuschalten und ohne Sicht auf den Einlenkpunkt zu bremsen, der nach einer Kuppe schon längst wieder bergab liegt. Auch die folgende Druids Bend hat es in sich. Die langsame Rechts-Kehre oben auf einem kleinen Hügel lässt in der Anbremszone zahlreiche Linien zu, und lädt die Fahrer deshalb zu gewagten Manövern ein. Die anschließende Abfahrt durch die Graham- Hill-Kurve, einer unangenehm nach außen hängenden Links, die viel weniger Tempo verträgt, als der anfliegende Pilot zunächst denkt, ist eines der besten Beispiele für die hohe Schwierigkeit von Brands Hatch. Mit John Surtees, dem bislang einzigen Motorrad- und Formel 1-Weltmeister der Motorsportgeschichte, ist unmittelbar nach Graham Hill ein weiterer britischer Superheld Pate einer Brands-Hatch-Kurve. Diese führt nach einer kurzen Gerade hinter der Boxenanlage links bergauf und hängt nach außen über eine Kuppe. Weitere Highlights der Strecke sind die Senke bei Westfield, die sicher nicht hinter der Fuchsröhre auf der Nürburgring-Nordschleife zurückstecken muss, die Dingle-Dell-Schikane und natürlich die steil bergab zu Start und Ziel führende Jim-Clark-Kurve. Colin Edwards sollte recht behalten mit seinen Befürchtungen. Vier der wilden Reiter aus der britischen Meisterschaft standen tatsächlich in den ersten zwei Startreihen. Vor allem Pole-Mann Neil Hodgson auf seiner privaten Ducati sowie der Suzuki-Fahrer Chris Walker zeigten den etablierten WM-Fahrern höchst überraschende Wege an den Schlüsselstellen der Strecke – manchmal meterweit neben der vermeintlichen Ideallinie. Am aufregendsten wird der Fahrerlager-Hügel in der ersten Runde, wenn das geschlossene Feld in die Achterbahn drängelt. Und prompt drückte Wild Card-Routinier Steve Hislop auf seiner Yamaha nach dem Start des ersten Laufs den WM-Tabellenführer Colin Edwards nach innen, doch da fuhr bereits Neil Hodgson. Edwards war eingeklemmt, Hislop knallte in die Honda, und Yamaha-Werksfahrer Noriyuki Haga fiel von hinten drüber. Nach dem Neustart sah der zunächst davonstürmende Edwards allmählich seine Felle davonschwimmen, als das Getriebe seiner Honda VTR ihn vor kaum lösbare Probleme beim Herunterschalten stellte. So verlor der Texaner rasch den Anschluss an Troy Bayliss und den nach schwachem Start massiv vordrängenden Neil Hodgson. Der neue Ducati-Werksfahrer Bayliss ist zwar Australier, verfügt als britischer Superbike-Meister 1999 aber über reichlich Brands-Hatch-Erfahrung. »Diese Strecke musst du immer wieder neu lernen. Das ist vielleicht der größte Nachteil der WM-Fahrer«, beschrieb er den speziellen Charakter des englischen Kurses. Nach fast überlegener Alleinfahrt über weite Strecken des ersten Rennens musste aber auch Bayliss in den letzten beiden Runden noch wie Löwe kämpfen, um seinen früheren Teamkollegen aus der britischen Meisterschaft und wahrscheinlichen Nachfolger als Insel-Champion, Neil Hodgson, zu bezwingen. In der letzten Runde brannte Bayliss, inklusive eines gewagten Überholmanövers gegen den kurz führenden Hodgson in der Graham-Hill-Kurve, seine schnellste Runde in den Asphalt. Auch das zweite Rennen begann mit einem großen Knall, allerdings nicht unmittelbar nach dem Start. Genau im Scheitelpunkt der John-Surtees-Kurve verlor Ex-Weltmeister Troy Corser seine Werks-Aprilia. Der dichtauf folgende Akira Yanagawa konnte eine Kollision nicht mehr verhindern – wieder Rennabbruch. Beim Neustart saß der japanische Kawasaki-Werksfahrer auf dem Ersatzmotorrad. Trotz Schmerzen am verletzen rechten Handgelenk erkämpfte er sich den fünften Platz. Corser war zwar auch nicht schwerer lädiert, wurde aber nach eigenen Angaben von den Rettungskräften fast vergewaltigt. »Ich habe sie mehrfach angebrüllt: ‚Ich bin okay. Aber das hat niemand interessiert.« So konnte Troy Corser beim Re-Start nicht dabei sein und musste mit großem Groll zusehen, wie sein Titelkonkurrent Colin Edwards erneut nur sehr diskret auf Rang sechs fuhr. Das reichte dem Honda-Werksfahrer aber, um seinen Vorsprung in der WM-Tabelle auf 24 Punkte gegenüber Pechvogel Corser auszubauen. MOTORRAD-Tester Markus Barth, im ersten Heat auf Platz 20 im Ziel, holte sich im zweiten Durchgang Rang 13 und weitere WM-Punkte. Barths Alpha-Technik-Teamkollege Jürgen Oelschläger musste seine Yamaha dagegen mit Ölverlust abstellen. An der Spitze des Feldes war unterdessen Neil Hodgson der Konkurrenz davongeflogen. In den letzten beiden Runden hatte er seinen Sechs-Sekunden-Vorsprung auf Troy Bayliss allerdings fast aufgebraucht. In einer Mischung aus Nervosität und vorgezogener Ehrenrunde unterhielt er das Publikum mit spektakulären Wheelies und anderen Aktionen. 104 000 Fans – das ist absolute Rekordkulisse in der Superbike-WM – waren begeistert. Auch den WM-Organisatoren gefällt es in Brands Hatch. So gut, dass sie in diesem Jahr dort noch einen Lauf austragen, und zwar das Finale: am 15.Oktober als Ersatz für das abgesagte Rennen von Imola.

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