Superbike-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) Party-Killer

Die Rekordkulisse von 120000 Fans war bei der größten Sommerparty auf den Britischen Inseln ihren bester Laune, bis der Texas Tornado ihren königlichen Helden und damit auch ihre Stimmung wegfegte.

Stell dir vor, es ist eine Riesenparty - und plötzlich fehlt Holzkohle und Bier. Dieses höchst unangenehme Gefühl beschlich die 120000 Superbike-Fans in Brands Hatch, als am Sonntagnachmittag auch nach dem zweiten WM-Rennen wieder nur die US-Hymne zu hören war statt »God save the Queen«. Noch schlimmer war, dass Carl Fogarty, der fast im Alleingang dafür gesorgt hatte, dass statistsch gesehen jeder 50. Einwohner der britischen Hauptstadt London die 20 Meilen hinaus nach Brands gekommen ist, in beiden Rennen noch nicht einmal auf dem Podest stand, geschweige denn ein anderer der im Training noch so starken Superbiker aus dem Empire.So trat der dreifache Weltmeister zum Ende der Veranstaltung ans Mikrofon des Streckensprechers, durchaus im Bewusstsein, seinen Anhängern ein schlechter Gastgeber gewesen zu sein, und entschuldigte sich. »Ich habe mir das hier genau wie ihr auch anders vorgestellt, vor allem nach der Pole Position gestern Nachmittag«, so der Champion mit bedrückter Stimme, »aber wir hatten durch die Hitze so große Probleme mit den Reifen. Ich hoffe, ihr seid im September trotzdem alle in Assen. Wir werden dort die Party nachholen.« Für ein paar Sekunden wich die gespenstische Ruhe der vertändelten Gartenparty trotzigem Gebrüll der Vorfreude auf das nächste Fest. Aber insgesamt war der Spaß wie vom Winde verweht, und zwar von einem eher stürmischen.»Texas Tornado« steht anstelle seines Namenszugs auf der Verkleidungsscheibe der Werks-Honda von Colin Edwards. Und der selbstgewählte Kampfname war Programm für den 25-Jährigen, quasi im Feindesland. »Jetzt hast du Foggy und 120000 Fans die Party verdorben«, kommentierten die Journalisten in der Pressekonferenz nach seinen beiden überzeugenden Siegen, jeweils vor seinem Teamkollegen Aaron Slight. »Ja, genau«, bestätigte Edwards mit strahlendem Gesicht.Aber ganz so schlimm war sein Sieg dann doch nicht. Denn was der Texaner und sein Honda-Kollege auf der Strecke zeigten, war eine Vorstellung vom Feinsten. Und in beiden Rennen hatten sie einen Spielkameraden, der, obwohl Ausländer, auch und gerade in England viele Menge Fans hat. Pierfrancesco Chili trieb seine Corona-Alstare-Werks-Suzuki wieder zu neuen Höhenflügen. Im Training Dritter hinter Fogarty und Edwards, schaffte er nach weniger explosiven Starts in beiden Rennen leicht den Anschluss zur Spitze und mischte über weite Strecken die weiß-grün-rote Honda-Monotonie auf. Aufgrund der reifenmordenden Aufholjagd reichte es zwar im ersten Rennen doch nur zu Platz drei, dennoch wurde der Italiener gefeiert. Und es wäre auch im zweiten Rennen so gekommen, wenn der gute Frankie nicht mal wieder seine auch schon wohl bekannte Rolle als tragischer Held übernommen hätte. Wenige Runden vor Schluss, Rang drei war auch diesmal schon sicher, rutschte er mit seinen nach Hitzeschlacht und Aufholjagd verendenden Reifen aus und kam mit lädierter Suzuki über die Wiese zurück an die Boxen, unter großem, wohl wollendem Beifall des Publikums versteht sich. Rang drei ging damit an Yamaha-Nummer eins Noriyuki Haga, der vielleicht jetzt aufhört, ständig zu betonen, wie unwohl er sich in Brands Hatch fühlt.Der König selbst konnte seinem Volk nur jeweils zu Anfang der Rennen kurze Machtdemonstrationen bieten. Aus der Pole Position pfeilte Fogarty blitzartig in Führung und zeigte, was möglich gewesen wäre, wenn sich die Werks-Ducati in der Hitze des heißesten Tages des diesjährigen britischen Sommers besser mit den Michelin-Reifen verstanden hätte. Denn Fogarty war nicht allein mit der Misere.Troy Corser, Foggys Teamgefährte und schärfster Verfolger in der WM, sah noch schlechter aus als der große Meister, der im ersten Lauf schon nach einem Renndrittel von seiner standesgemäßen Führungsposition wehrlos druchgereicht wurde auf Rang fünf, bis er urplötzlich in der Box auftauchte. Was dann passierte, hat man noch selten im Motorradrennsport gesehen. Nach einem kurzen, aber bühnenreifen Tobsuchtsanfall des Ducati-Team-Managers Davide Tardozzi wurde an Foggys Ducati der Hinterreifen gewechselt. Genau eine Runde verlor der Titelverteidiger durch diese Aktion und wurde 19. Rang vier im zweiten Rennen hielt Fogartys Katastrophe dann ein wenig in Grenzen, zumal WM-Verfolger Corser diesmal durch die tiefste Gummi-Hölle fuhr und ohne Reifenstopp 13. wurde, einen Platz hinter dem deutschen Meister Andreas Meklau.Nicht gerade stimmungssteigernd war auch die Ratlosigkeit beim Reifenlieferanten Michelin, der gleichzeitig mit Honda den totalen Triumph feierte und mit Ducati die totale Niederlage erlitt. Aber der Meister hat es schon angekündigt. Spätestens in Assen am 5. September wird alles gut. Dann vergisst keiner die Holzkohle und das Bier, und vielleicht sollte King Carl auch schon mal für genügend Champagner sorgen.

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