Superbike-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) Garden-Party

82000 Zuschauer wollten Carl Fogarty siegen sehen. Aber auch ohne den ultimativen Triumph feierten sie ein riesiges Sommerfest.

Carl Fogartys Ziel war klar in Brands Hatch - und selbst abgesteckt. In einem Fernsehwerbespot gab King Carl, von den Regisseuren in einem ästhetischen Schwarz-weiß-Clip ganz auf Philosoph getrimmt, in staatstragenden Worten eine Regierungserklärung ab: »Über 70000 kommen raus nach Brands, um mich siegen zu sehen. Ich werde sie nicht enttäuschen.«Es kamen sogar 82000 Fans, doch sie konnten ihren König leider nicht siegen sehen. Aber von Enttäuschung keine Rede. Der Auftritt der Superbike-WM am Stadtrand wurde zum gigantischen Sommerfest, auch wenn die weltunergangsmäßige Sintflut am Samstagabend für den Renntag das übelste befürchten ließ. Auch der zwingend überlegene Honda-Paarlauf im ersten Rennen fand britisch-fairen Beifall.Denn das britische Element der Brands Hatch-Party wurde vom US-Amerikaner Edwards und Kiwi Slight nur wenig gestört. Rund fünf Sekunden hinter ihnen schoßen die wahren Helden des britischen Superbike-Empires, Ducatis Doppelweltmeister Carl Fogarty, Jamie Whitham auf Suzuki und Kawasaki-Werksfahrer Neil Hodgson ein Feuerwerk an sensationellen Überholmanövern und Abwehrkämpfen ab, das die Stimmung auf den Tribünen und Grashügeln rund um die Strecke über den Siedepunkt trieb. Einer der gefragtesten Artikel in den Fanshops unter der Haupttribüne waren Preßlufttröten, die von besonders findigen fliegenden Händlern schlicht als »Foggy Horns« angeboten wurden.Aber die Begeisterung machte nicht bei den britischen Ohren halt. »Dieses Rennen hier in Brands Hatch stellt es alles Bisherige in den Schatten«, jubelte ausgerechnet Carl Fogartys Erzfeind als alten Tagen, der US-Amerikaner Scott Russell. Wie beflügelt wirkte der 1998 äußerst frustgeplagte Yamaha-Werksfahrer aus Georgia. Russell hetzte seine YZF 750 vom nur wenig motivierenden 14. Startplatz nach vorn, als gäbe es kein Morgen.Mitten im allbritischen Prestige-Fight mischte der Weltmeister von 1993 munter mit. Und am Ende ließ er alle stehen und komplettierte im ersten Rennen als Dritter ein zwar englischsprechendes, aber eben nicht britisches Siegerpodium. »Es ist etwas ganz Besonderes hier in Brands Hatch aufs Podest zu fahren, unter der Anfeuerung von zigtausend Fans«, freute sich Russell, »und das Allerbeste ist, wenn du dabei den Mann geschlagen hast, den sie alle siegen sehen wollen.« Augenzwinkernd spielte der zweitplazierte Aaron Slight bei der Siegerehrung den Ahnungslosen: »Wenn meinst du schnell wieder?«Aber Scott Russell hatte noch einen Pfeil im Köcher. »Foggy mag es nicht, wenn er vom alten Scott Russell geschlagen wird, er hat es noch nie leiden können«, erinnerte der Ex-Weltmeister an die legendären Zweikämpfe Mitte der 90er Jahre. Selbst die etwas hämische Party-Stimmung der Sieger des ersten Rennens tat der Begeisterung der Fans keinen Abbruch. Auch der große Held Carl Fogarty, anderswo nach so einer Niederlage wie vom Erdboden verschluckt, zeigte sich bester Laune seinen Fans. »Das nasse Superpole-Qualifying ist halt nicht mein Ding. So stand ich nur auf Startplatz neun. Von da aus ist Rang vier erträglich.«Bei aller guter Laune weit und breit bließen aber speziell die einheimischen Fahrer zum großen Angriff im zweiten Rennen. Denn neben den viert- und fünftplazierten Fogarty und Whitham hatte vor allem Kawasaki-Reiter Neil Hodgson noch eine Rechnung offen. Durch einen Schaltfehler war der 25jährige im ersten Rennen gestürzt.Um wieviel tatsächlich das Stimmungsbarometer gestiegen war, zeigten die beiden Honda-Fahrer. Colin Edwards und Aaron Slight, im ersten Rennen souveräne Sieger, fuhren im zweiten Lauf über die Gesamtdistanz noch mal um vier Sekunden schneller - und wurden Vierter und Fünfter. Gerade noch überlegen, reichte dieselbe Leistung auf einmal nicht mehr, um die mit einer Extraportion Heimspiel-Motivation offenbar wildgewordenen Carl Fogarty und Jamie Whitham in Schach zu halten. King Foggy gegen den unheimlichen Jamie, den Mann, der nicht nur ein Krebsleiden besiegt hat, sondern auch seinen Motorrädern und Reifen die waghalsigsten Schräglagen aufzwingt - das ist auch in der gottweißwievielten Auflage das größte Duell des britischen Motorradrennsports. Alles wäre perfekt gewesen, hätte nicht vom Start weg Ducati-Werksfahrer und WM-Tabellenführer Troy Corser, im ersten Rennen mit Reifenproblemen nur Siebter, sich jeglicher Auseinandersetzung entzogen. Drei Sekunden vor dem britischen Empire endete die erfolgreiche Flucht im Ziel.Aber immerhin steckt ja auch in der australischen Flagge ein kleiner Union Jack, und so steigerte sich die Party jetzt ins Endlose. Wie sonst nur die liebenswerten Chaoten aus der Super Moto-Szene, knallten die Superbiker, ganz egal auf welchem Platz sie angekommen waren, Burnouts, Wheelies und andere Show-Manöver auf die Bahn. Fogarty kam ohne Helm, Handschuhe und in Socken zur Siegerehrung. Um seine Ausrüstungsteile balgte sich derweil die Haupttribüne. Selbst Noriyuki Haga, in den beiden Rennen nur reichlich diskreter Zwölfter und Siebter, amüsierte sich königlich mit den Fans. Der Japaner kam mit seiner Yamaha als einer der letzten aus der Auslaufrunde zurück. Er hatte ebenfalls Helm und Handschuhe dem Publikum überlassen und wurde im Austausch dafür mit einer englischen St. George-Flagge, dem Kennzeichen der härteren Foggy-Fans, beschenkt und damit zum inoffiziellen Mitglied des britischen Empires.

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