Superbike-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) Wo die wilden Kerle wohnen

Sie haben bei aller Professionalität noch Spaß am Motorrad fahren, die Superbike-WM-Cracks. Und sie zeigen dies ganz besonders auf Rodeo-Strecken wie Brands Hatch.

Kawasaki-Werksfahrer Anthony Gobert stellte es klar: »Es ist einfach langweilig, auf dem Bike zu sitzen und bloß ein Rad hinter dem anderen herfahren zu lassen.« Wie er denken nicht nur die meisten seiner Kollegen in der Superbike-WM, sondern auch die Fans. 57000 begeisterte Zuschauer verfolgten in Brands Hatch am Südost-Rand von London die Macho-Bike-Show.Haarsträubende Driftwinkel, heldenhafte Wheelies oder schlicht beides gleichzeitig: Das gehört zum Standard-Programm, wenn die Superbiker auf der traditionsreichen Berg-und-Talbahn gastieren. Aber auch in der wildesten Bande im Motorrad-Rennsport gewinnen die Cleversten, die bei allem Spektakel das Ziel, den Sieg, die WM-Punkte nicht aus den Augen lassen.Wie Pierfrancesco Chili, der Ducati-Werksfahrer aus der zweiten Reihe. Sein Gattolone-Team hat zwar Werksmaschinen aus Bologna, ist aber ohne Entwicklungspartnerschaft, wie sie Virginio Ferraris Team und die Power Horse-Equipe um WM-Spitzenreiter Troy Corser genießen, weitgehend auf sich alleine gestellt. »Wir müssen oft improvisieren«, so Chili, »dafür führen gute Ergebnisse bei uns wahrscheinlich zu größerer Freude als bei anderen Teams.«In Brands Hatch hatte die Gattolone-Truppe gar Grund zu überschwenglicher Freude. Denn »Frankie« überstand im ersten Rennen die aberwitzigen Attacken des vom Geradeausfahren gelangweilten Anthony Gobert, die während der 25 Rennrunden in überlieferten 16, wahrscheinlich noch mehr, gegenseitigen Überholmanövern gipfelten, und siegte, obwohl er sich auf der Cross and Country-Bahn nicht wohl fühlte. »Ich mag Brands Hatch nicht. Die Strecke ist extrem wellig, und oft stehen die Leitplanken sehr nahe. Aber jetzt habe ich gezeigt, daß ich nicht nur auf Vollgas-Bahnen wie in Monza gewinnen kann, sondern auch unter gegensätzlichen BedingungenSein Widersacher Gobert ließ an seiner Kawasaki kein gutes Haar: »Ich habe zwar viel Spaß an einem aggressiven Fahrstil, aber was ich tun muß, um mit Chili oder anderen Top-Fahrern mitzukommen, ist kein Spaß mehr, sondern absolut notwendig, wenn du mit einem so langsamen Motorrad vorn dabei sein willst.« Sein Muzzy-Team wollte er aus dieser harten Kritik ausnehmen: »Das Team arbeitet hervorragend. Doch aus Japan kommt einfach keine Unterstützung. So muß ich halt fahren wie ein Verrückter.«Und dagegen hatten die eigentlichen Top-Stars der Superbike-Szene in Brands Hatch zumindest im ersten Rennen keine Chance. John Kocinski etwa auf der Werks-Ducati konnte nur zu Beginn einigermaßen mithalten und fuhr schließlich, von Chili und Gobert sicher distanziert, als Dritter ins Ziel - und war überrschend fröhlich. »Ich bin zum ersten Mal hier, was ein größerer Nachteil als auf anderen Strecken ist. Deshalb bin ich glücklich, auf dem Siegerpodest zu stehen und das beste Ergebnis der Brands Hatch-Debütanten erreicht zu haben.«Unendlich mehr Erfahrung mit dieser Bahn, aber dennoch Probleme hatte Weltmeister Carl Fogarty: »Ich bin Fünfter geworden mit einem Bike, das normalerweise kaum Zehnter werden kannst. Wir sind zwar auf dem richtigen Weg bei der Fahrwerksentwicklung, aber Brands Hatch deckt Schwächen grasser auf als irgendeine andere Strecke«, so der Honda-Werksfahrer.Im zweiten Rennen wurden die Herren Kocinski und Fogarty von ihren Geräten abgeworfen. An der Spitze enteilte derweil Power Horse-Ducati-Mann Troy Corser seinen Verfolgern, wie er es in dieser Saison schon häufiger gezeigt hatte. Im Auftaktrennen des Tages hatte er dazu nie die Gelegenheit gehabt. »Schon vom Start weg in Rennen eins lief der Motor nicht störungsfrei. Deshalb gurkte ich irgendwo um Platz sieben rum, bis schließlich das Triebwerk gänzlich abstarb. Der zweite Lauf dagegen war perfekt, und wenigstens habe ich die WM-Tabellenführung etwas ausbauen können.«Dies wiederum lag am völlig indiskutablen Gesundheitszustand von Honda-Werksfahrer Aaron Slight. Der Neuseeländer hatte sich beim Acht-Stunden-Rennen in Suzuka am linken Fuß zwei Zehen gebrochen und einige Bänder gedehnt. Dazu kamen nach einem Trainingssturz in Brands Hatch noch sehr schmerzhafte Schürfwunden am rechten Handgelenk und am Oberarm. »Dazu habe ich im zweiten Rennen bei einem Rutscher ausgerechnet den verletzten Fuß unters Motorrad gebracht«, berichtete der tapfere, zweimal sechstplazierte Slight.Auch nach dem zweiten Lauf nichts erklären mußte Frankie Chili, der hinter Corser einen sauberen zweiten Platz heimbrachte und somit Brands Hatch als Punktsieger verließ. Der Drittplazierte dagegen, Yamaha-Werksfahrer Colin Edwards, hatte zwar Kawasaki-Fighter Gobert niedergerungen, beschwerte sich aber trotzdem: »Allmählich gehen mir diese ewigen zweiten, dritten, vierten Plätze auf die Nerven.«Sehr beeindruckt dagegen war Edwards vom Überraschungssieger im Supersport 600-Rennen. »Wie der in der letzten Runde den Pirovano geschnappt hat, das war unglaublich.« Gemeint war der deutsche Supersport-Meister Thomas Körner. Als Siebter im Training einziger »Nicht-Italiener« unter den Top ten, konnte »Tom« in allen langsameren Streckenpassagen erheblich schneller fahren als sein Ducati-Kollege Fabrizio Pirovano, der die EM anführt, und dessen Cousin Massimo Meregalli auf einer Werks-Yamaha. Und so schlug der Schwabe zum Schluß fast schon logisch zu. Daß er dabei trotz zweier Überholmanöver so ganz nebenbei auch noch die schnellste Rennrunde drehte, machte ihn endgültig zu einem der Helden von Brands Hatch - nicht nur in den Augen seines neuen Fans Colin Edwards.

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