Superbike-WM in Brands Hatch/GB (Archivversion)

Zauberberg

Einen unheilvollen Bund mit altertümlichen Druiden hatte in Brands Hatch Volksheld Carl Fogarty (4) geschlossen. Aber Pierfrancesco Chili (7) konnte immerhin einmal entkommen.

Auf der Traditionsrennstrecke Brands Hatch an der südwestlichen Peripherie von London sind die Kurven und Geraden nach alten Rennsportmeistern wie Mike Hailwood, Graham Hill oder Sir Jack Brabham benannt. Eine Ausnahme ist die langsamste Stelle, eine Rechtskehre um ein kleines Wäldchen auf einem Hügel. Die heißt »Druids«, und mit den Geistern der dort einst hausenden Druiden, altertümlichen Meistern jeglicher Magie, wähnte sich wohl Carl Fogarty verbündet während des Superbike-WM-Wochenendes.Allerdings waren die Geister dem großen Helden des britischen Bikervolkes nicht wohlgesonnen, als er genau in Druids zwei haarsträubende Attacken ritt, die erste schon nach vier Runden im ersten Rennen. Im erbitterten Kampf um Platz zwei hinter seinem Ducati-Werksfahrerkollegen Neil Hodgson legte er zum Entsetzen der 67000 Zuschauer dem Kawasaki-Werksfahrer Simon Crafar seine Ducati vors Vorderrad. Und der hochmotivierte Neuseeländer mußte erneut seinen Traum vom ersten Superbike-WM-Sieg vertagen. Nur den bekannt guten Manieren von Gentleman-Rider Crafar war es zu verdanken, daß beide Fahrer nicht nur den Sturz unverletzt überstanden, sondern auch unversehrt an ihren Boxen ankamen.Während Fogarty »am liebsten einfach verschwunden und nie wieder auf ein Motorrad gestiegen wäre« und Crafar erstaunlich gelassen blieb, bestimmte Pierfrancesco Chili mit seiner Werks-Ducati den nun entstandenen Dreikampf mit Hodgson und Hondas John Kocinski. Als der nach einer Verletzung noch konditionsschwache Blitzstarter Hodgson wie auch der mit nachlassenden Reifen hadernde Kocinski allmählich den Anschluß verloren hatte, vervollständigte Chili ein bereits bis dahin makelloses Brands Hatch-Weekend: Bestzeit in jeder Trainingssitzung, daher logisch Pole Position und Sieg im ersten Lauf. »Ich habe zwar schon im Vorjahr hier gewonnen, aber jetzt mit dem neuen Asphalt ist die Strecke so viel besser«, lobte der Sieger, »die unangenehmen Wellen sind fast vollständig verschwunden.«Neben dem Italiener standen aber nicht die zurückgefallenen Kocinski und Hodgson auf dem Podest, sondern Ex-Weltmeister Scott Russell mit seinem besten Yamaha-Resultat in der WM und Altmeister Niall Mackenzie. Der war auf seiner Vorjahres-Yamaha nach gutem Start von Platz vier zunächst im Mittelfeld verschwunden, entschädigte die britischen Fans aber mit einer furiosen Aufholjagd für das Fehlen von Fogarty.Kocinski, in der letzten Runde unter frenetischem Jubel durch Mackenzie vom Podestrang drei verdrängt, ärgerte sich nur wenig: »Ich führe in der WM-Tabelle. Und das soll bis Saisonende auch so bleiben.«Daß Kocinskis Laune in Brands Hatch nicht ins Unendliche stieg, dafür sorgte unfreiwillig der unantastbar scheinende Chili. Vom Start des zweiten Rennens weg war der Italiener auf dem besten Weg, seinen astreinen Auftritt mit dem zweiten Sieg zu krönen.Bis der Ducati-Fahrer mit der Nummer sieben in der siebten Runde in Druids einlenken wollte - und wenig später im Dreck lag. Denn, nur die Magier wissen warum, von hinten donnerte im Stile eines völlig außer Kontrolle geratenen Nachwuchsfahrers Carl Fogarty heran, ließ alle halbwegs sinnvollen Bremspunkte unbeachtet und knallte das haltlos wegrutschende Hinterrad seiner Ducati zwar planlos, aber derart kunstvoll in das Vorderrad von Chillis Maschine, daß nur der arme Franky zu Boden mußte. Fogarty aber, der noch am Vorabend zusammen mit Chili diniert hatte, konnte unbehelligt weiter fahren. Er wurde erst vom Rennabbruch wegen hereinbrechenden Landregens gestoppt.Nach 15minütigem Informationstraining ging es im Regen weiter. In dem Restrennen Teil des zweiten Laufs, die Gesamtfahrzeit wurde addiert, kam die Stunde des britischen Honda-Privatiers Michael Rutter. Der Spezialist für widrige Bedingungen konnte sich das verbissen um die WM-Herrschaft fightende Duo Kocinski/Fogarty vom Leib halten und fuhr als Regenmeister vor dem Honda-Kollegen und dem furiosen Volkshelden ins Ziel. Das rechnerische Gesamtergebnis war umgekehrt, Fogarty vor Kocinski und Rutter.Um seinem Erzfeind Kocinski die WM-Tabellenführung wieder abzujagen, müßte sich Foggy vor den kommenden Rennen aber noch mal mit seinen Druiden beraten.
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Ergebnis (Archivversion)

1. Lauf: 1. Pierfrancesco Chili (I) Ducati, 2. Scott Russell (USA), 3. Niall Mackenzie (GB), beide Yamaha, 4. John Kocinski (USA) Honda, 5. Neil Hodgson (GB) Ducati, 6. Akira Yanagawa (J) Kawasaki, 7. Aaron Slight (NZ) Honda, 8. Jeremy Whitham (GB) Suzuki, 9. Piergiorgio Bontempi (I) Kawasaki, 10. Mike Hale (USA) Suzuki, 11. Chris Walker (GB) Yamaha, 12. Michael Rutter (GB) Honda, 13. Ray Stringer (GB) Kawasaki, 14. Pere Riba (E) Honda;2. Lauf: 1. Carl Fogarty (GB) Ducati, 2. Kocinski, 3. Rutter, 4. Yanagawa, 5. Russell, 6. Hodgson, 7. Simon Crafar (NZ) Kawasaki, 8. Slight, 9. Whitham, 10. Walker, 11. Hale, 12. Bontempi, 13. Riba, 14. Peter Giles (GB) Kawasaki;WM-Stand: 1. Kocinski 246 Punkte, 2. Fogarty 242, 3. Slight 187, 4. Russell 150, 5. Crafar 135, 6. Chili 134, 7. Yanagawa 100, 8. Hodgson 88, 9. Whitham 86;Supersport 600: 1. Stéphane Chambon (F), 2. Paolo Casoli (I), beide Ducati, 3. Yves Briguet (CH) Suzuki, 4. Vittorio Guareschi (I)Yamaha, 5. Stéphane Mertens (B) Suzuki, 6. Fabrizio Pirovano (I), 7. Scott Smart (GB), 8. Christophe Cogan (F), alle Ducati, 9. Gianni Bussei (I) Suzuki, 10. Wilco Zeelenberg (NL) Yamaha,..., 14. Thomas Körner (D) Ducati;Stand: 1. Casoli 65, 2. Mertens 63, 3. Chambon 60, 4. Massimo Meregalli (I) Yamaha 51, 5. Michael Paquay (B) Honda 49,..., 9. Körner 28.

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