Superbike-WM in Brünn/CZ (Archivversion) Freies Wochenende

Nur 11000 Zuschauer, wohl wegen des GP in Assen und des Fußball-EM-Endspiels, verbreiteten ein familiäre Stimmung, die auch auf die Piste überschwappte. Doppelsieger Troy Corser erholte sich prächtig.

Troy Corser saß bester Laune beim Mittagessen. Er hatte gerade das erste Rennen der Superbike-WM in Brünn gewonnen, völlig ungefährdet und mit über zehn Sekunden vor dem Castrol-Honda-Duo Carl Fogarty und Aaron Slight. Rechnet er damit, daß sie ihm im zweiten Lauf näher auf den Pelz rücken? »Wer?« Na, Fogarty und Slight oder Ducati-Star John Kocinski oder so. »Warum?« war das einzige, was dem Power Horse-Ducati-Mann zwischen zwei Gabeln Spaghetti dazu einfiel.Und tastsächlich, der 24jährige Australier fuhr auch im zweiten Lauf sofort aus den Augen und aus dem Sinn seiner sogenannten Gegner, begnügte sich diesmal mit knapp acht Sekunden Vorsprung auf Slight und Fogarty, die die Plätze gegenüber dem ersten Rennen getauscht hatten. Aber immerhin war Corser nach dem zweiten Lauf gesprächiger als bei der Störung seiner Mittagspause. »Hier in Brünn ist der Start extrem wichtig. Wenn du in den vielen schnellen Kurven alleine fahren kannst und nicht kämpfen mußt, kannst du früher bremsen und dafür präziser und schneller durch die Kurven fahren und früher beschleunigen. Die anderen hinter dir bremsen sich durch ihre Fights stärker ein als anderswo«, freute sich der Vizeweltmeister.Corsers Überlegenheit überraschte seine Widersacher übrigens kaum. »Troy ist während der Testfahrten vor einer Woche ständig in 2.03er Rundenzeiten hier herumgebraten, während wir kaum 2.04er Runden schafften«, erinnerte sich Aaron Slight, der mit seinen Plätzen drei und zwei immerhin die WM-Tabellenführung verteidigt hatte, »gegen ihn war hier nichts zu machen, das war von vornherein klar.«Dafür sorgte der Neuseeländer außer mit seinem bekannten Frisurenspiel - diesmal präsentierte er einen blauen Irokesenschopf mit ausrasiertem Zielflaggenmuster an den Seiten, nach vorn spitz zulaufenden Koteletten und angedeutetem Ziegenbart - auch im Rennen zusammen mit seinem Honda-Teamkollegen Carl Fogarty für den schillernsten Auftritt.Im ersten Lauf hatte der Titelverteidiger das bessere Ende für sich: »Ich konnte Aaron in der vierten Runde überholen, mußte aber zum Rennende mit einem massiven Gegenangriff rechnen, weil er etwas härtere Reifen hatte. Tatasächlich überholte er mich drei Runden vor Schluß, doch ich konnte sofort kontern«, so Fogarty.Aaron Slight ärgerte sich weniger über seine Niederlage als über die falsche Reifenwahl: »Für die niedrigen Außentemperaturen um 13 Grad waren meine Reifen viel zu hart, am Anfang kaum fahrbar, und selbst zum Schluß hin hatte der weichere Pneu, den Carl gefahren ist, immer noch mehr Grip als meiner.«Im zweiten Rennen sorgte Slight für Waffengleichheit auf dem Gummisektor und konnte den Spieß umdrehen. In Runde drei zog er an Fogarty vorbei und schuf bis ins Ziel ein kleines Polster von etwa einer Sekunde.Der Weltmeister selbst mußte sogar seinen dritten Rang zeitweilig gegen den heranstürmenden Ducati-Werksfahrer Neil Hodgson, im zivilen Leben ja Nachbar und guter Freund von »Foggy«, verteidigen. »In den Bergaufpassagen hatte ich ein unsicheres Gefühl mit der Gabel«, erklärte Fogarty seinen allmählich erlahmenden Elan im Fight mit Slight.Ebenfalls nicht sehr tatkräftig erschien Ducati-Star John Kocinski. Vor dem Rennen wollte er in seiner nicht mehr überraschenden freundlichen Art von Problemen im Team nichts wissen: »Manche Pressevertreter graben immer in den alten Geschichten, die niemanden mehr interessieren. Wir haben viel Arbeit im Ducati-Werksteam, aber nicht mehr Probleme als andere Teams auch.« Seinem Teamchef Virginio Ferrari platzte nach den Rennen und den diskreten Plätzen vier und sechs dagegen der Kragen. »Es ist nahezu unmöglich, mit John Kocinski ernsthaft zu testen. Er ist nicht willens, von vorgefaßten Position abzurücken. Er kann zweifellos auf Anhieb mit einem ihm bisher fremden Motorrad sehr, sehr schnell fahren, aber er schreckt dann vor der Weiterentwicklung zurück. Neil Hodgson hat tausendmal weniger Erfahrung als John. Doch er bemüht sich, das Bike zu verstehen und betreibt im Moment fast ausschließlich unsere Entwicklung. Das Ergebnis siehst du: Hodgson Vierter im zweiten Rennen, Kocinski Sechster.«Ebenfalls sehr unzufrieden, wenn auch auf die ihm eigene, sehr viel ruhigere Art, äußerte sich Kawasaki-Muzzy-Werksfahrer Simon Crafar, für den in Brünn nur die Ränge zehn und neun übrigblieben: »Das ist ein komplettes Desaster. Alle anderen Hersteller entwickeln ihre Bikes ständig weiter. Nur unsere Kawasaki bleiben einfach stehen. Wenn wir von Kawasaki aus Japan keine Neuentwicklungen bekommen, sind alle Testfahrten mehr oder weniger nutzlos.«Crafars Kollege Anthony Gobert machte die Kawastrophe komplett, indem er seine ZX-7R im ersten Rennen gleich in der zweiten Kurve in das Heck von Neil Hodgsons Ducati rammte und stürzte, während der Brite wenigstens mit großer Verspätung weitermachen und gar noch Elfter werden konnte. Im zweiten Rennen gab es nach einem Ausritt auf Rang 19 wieder keine Punkte. Dessen ungeachtet ließ er sich nach den Rennen in der Power Horse-Hospitality das eine oder andere Bier schmecken und war bester Dinge, auch wenn unklar blieb, ob sein blaues Auge und der Nasenbeinbruch von einer Roller-Blödelei während der Testfahrten eine Woche vor dem Rennen herrührten oder schlicht von einer Schlägerei mit Einheimischen.Während auch das offizielle Yamaha-Team recht unauffällig blieb - Colin Edwards wurde Sechster und Siebter, der nach seinem Sturz in Hockenheim wiedergenesene Wataru Yoshikawa Neunter und Elfter -, traten zwei andere, in der bisherigen Saison eher Geplagte plötzlich ins Rampenlicht. Power Horse-Ducati-Nummer zwei Mike Hale ließ sich am Freitag unmittelbar vor dem ersten Zeittraining zwei Stifte aus seinem bei einem Monza-Teststurz gebrochenen linken Sprunggelenk entfernen und damit wohl auch das Pech. Trotz Kupplungsproblemen und damit erschwerter Arbeit ausgerechnet für den lädierten Fuß schaffte der Texaner als Siebter und Fünfter sein bislang bestes Saisonergebnis.Ebenfalls beeindruckend war endlich auch die Vorstellung des Harris-Suzuki-Werksteams. Endlich war die neue GSX-R 750 konkurrenzfähig und John Reynolds nicht mehr von alten Verletzungen gehandikapt. Das ganze Team freute sich über das erste standesgemäße Ergebnis mit den Plätzen fünf und acht. Nur der ehrgeizige Reynolds selbst blieb kalt: »Die Reifen haben in beiden Rennen zum Schluß stark abgebaut, sonst wäre mehr drin gewesen.«Von den Top-Teams aus der Superbike-DM sah Power Horse-Ducati-Fahrer Andreas Meklau mit zwei zwölften Plätzen am besten aus, klagte aber trotzdem über schwache Bremsen. »Mit der gleichen Anlage wie die Werksfahrer könnte ich leicht unter die Top-Ten fahren.« Christer Lindholm und das DNL-Ducati Deutschland-Team hatten ebenfalls Grund zum Klagen: Gaszug gerissen an elfter Stelle in der vorletzten Runde des ersten Rennen und gerade mal Rang 13 im zweiten. Der deutsche Meister Jochen Schmid wurde mit seiner Kawasaki im ersten Lauf 13. knapp hinter Meklau und stürzte in der letzten Runde des zweiten Rennens beim Versuch, Lindholm den 13. Rang abzujagen.Im Supersport 600-EM-Rennen siegte endlich Ducati-Werksfahrer Mauro Lucchiari vor den beiden Yamaha-Werksfahrern Massimo Meregalli und Vittoriano Guareschi. Vierter wurde überraschend Bernhard Schick auf der kurzfristig geliehenen Ducati des tschechischen HPB-Teams.

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