Superbike-WM in Donington Park/England (Archivversion) Privatsache

Nur abgelegte Vorjahres-Maschinen hatte Ducati übrig für das britische GSE-Privatteam um Neil Hodgson. Die wirken aber als ideale Motivationsspritze, nicht nur im Kampf gegen Junior-Werksfahrer Ruben Xaus.

»Wir sind doch keine Baufirma«, hatte Jaguars Formel-1-Aushängeschild Niki Lauda kürzlich den zögerlichen Ausbau des Team-eigenen Windkanals erklärt. Diesem Spruch könnte Superbiker Neil Hodgson sich nicht anschließen. Denn der Löwenanteil des Budgets seines GSE-Ducati-Privatteams kommt tatsächlich aus der Bauindustrie. »GSE steht für eine Tiefbaufirma, die im Südosten von England Marktführer ist«, erklärt Hodgson die Buchstabenkombination.Aber selbst eine solch solide Finanzlage konnte dem britischen Superbike-Meister 2000 nicht die zum WM-Wiedereinstieg heiß ersehnten Werks-Ducati 996 R beschaffen. »Wir bekommen von Ducati hervorragende Unterstützung«, stellt GSE-Besitzer Darrell Healey sehr diplomatisch fest, »aber nur für die 996 RS 2000. Die neue Testa-Stretta-Version stand leider nie zur Debatte.«Nummer-eins-Fahrer Neil Hodgson wie sein junger Teamkollege James Toseland haben jedoch schnell gelernt, diesen Rückstand in eine Extramotivation umzuwandeln. »Natürlich geht es für uns immer zuerst gegen die drei Ducati-Werksfahrer«, enthüllt Hodgson seine für die gesamte Saison gültige Rennstrategie.Beim Heimspiel in Donington Park, wo der 27-Jährige schon im Vorjahr als Wild-Card-Fahrer einen Sieg abräumen konnte, ging die Taktik der privaten Bauarbeiter glänzend auf. Lokalheld Hodgson setzte bei nachlassendem Regen auf Trockenreifen und lag damit richtig, ganz im Gegensatz zu seinen Erzrivalen Troy Bayliss und Ruben Xaus aus dem Ducati-Werksteams sowie Weltmeister Colin Edwards auf Honda, die alle drei nach starkem Start allmählich im Feld versanken.Hodgson dagegen enteilte dem Rest zum souveränen Sieg vor Pierfrancesco Chili, der auf seiner Alstare-Corona-Suzuki den sensationellen Wild-Card-Evergreen Steve Hislop auf einer privaten Ducati in der letzten Runde noch von Rang zwei verdrängen konnte. Ausgerechnet in der Melbourne-Hairpin, einer Spitzkehre kurz vor dem Ziel, wo Hislop das ganze Wochenende über unschlagbar schien.»Es war vor allem am Schluss schwer, die Konzentration zu halten«, so Sieger Hodgson, der mit seinem dritten Superbike-WM-Erfolg endgültig sein Image als konditionsschwacher Sprinter ablegte. Der vierfache Weltmeister Carl Fogarty bestätigte: »Früher war Hodgson immer nur für wenige Runden schnell. Heute kann er ein ganzes Rennen das Tempo an der Spitze halten.«Ein solches Lob vom großen Meister konnte Hodgson schlecht dementieren: »Ich war gerade 22, als ich 1996 Ducati-Fahrer wurde. Heute bin ich wesentlich reifer.« Mit einer eher kritischen Bemerkung Fogartys kann Hodgson weniger anfangen. »Von den britischen Fahrern wird keiner meine Nachfolge antreten«, verblüffte der Champion, »schon eher der junge Spanier Ruben Xaus. Denn der hat auch diesen unbändigen Willen zum Sieg wie ich.« »Carl sagt immer, was er denkt, das schätze ich sehr an ihm«, lautet Hodgsons Kommentar dazu, »für mich ist das aber nur ein weiterer Motivationsschub. Dass Xaus auf einer Werks-Ducati sitzt, macht die Sache noch interessanter.«Der 24-jährige Katalane stand in Donington als bester Ausländer auf Startplatz drei direkt neben Pole-Mann Hislop und Hodgson. Außerdem war er als Siebter und Zehnter erstmals in seiner Superbike-Karriere vor seinem Teamkollegen, WM-Tabellenführer Troy Bayliss, als 13. und Neunter schwer geschlagen. Trotzdem verblasste der Prinz von Spanien gegenüber dem Mann vom GSE-Tiefbau.Dass Hodgson den ersten Doppelsieg seiner Laufbahn knapp verfehlte, lag an »Chilone«, der auch im zweiten Rennen in der Melbourne Hairpin zugeschlagen hat. Diesmal drückte er die blau-gelbe Suzuki an Hodgsons GSE-Ducati vorbei zum ersten 750er-Vierzylinder-Sieg in diesem Jahr gegen die 1000er-Twins.Weniger mit Tiefbau wie Hodgsons Hauptsponsor, sondern mit ganz massiven Maurerarbeiten war Ducati-Fahrer Vittoriano Guareschi im Supersport-Rennen beschäftigt. Wegen erheblicher Reifenprobleme führte er aus der Pole Position schon früh eine Abwehrschlacht. Paolo Casoli auf seiner Yamaha fand als einziger ein Loch in der Mauer, noch bevor Guareschi nach sechs Runden enttäuscht abgab, und fuhr einsam zum Sieg. Suzuki-Werksfahrer Karl Muggeridge und Weltmeister Jörg Teuchert auf seiner Wilbers-Yamaha konnten ihr heftiges Duell um Rang zwei erst danach völlig entfachen, das sogar zu Reifenabdrücken von Muggeridges Vorderrad am linken Ellenbogen von Teucherts Lederkombi führte.

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