Superbike-WM in Donington Park/England (Archivversion)

Die Weltverbesserer

Mit neuer Struktur, einer Handvoll junger Ingenieure und den zwei Top-Favoriten auf den WM-Titel dominiert Ducati die Superbike-WM, auch wenn in Donington Park nach fünf Siegen erstmals der Konkurrenz von Honda der Vortritt gelassen werden mußte.

Carl Fogarty und Troy Corser, erbitterte Rivalen im Kampf um den Superbike-Weltmeister-Titel, die sich bisher eher aus dem Weg gegangen sind, stehen am Samstag nachmittag nach der Superpole-Qualifikation von Donington Park entspannt plaudernd an der Theke des Ducati-Hospitality-Zelts.»Dies zeigt am allerbesten, wie unsere neue Teamstruktur bei Ducati Corse funktioniert«, grinst Teamchef Davide Tardozzi angesichts der neuen Eintracht seiner Piloten. Das Ducati-Werksteam wurde über den Winter nämlich komplett umgekrempelt und firmiert nun als eigenständige Firma, mit dem bisherigen EntwickIungsingenieur Claudio Domenicali als Direktor. Neben ihm gehören Tardozzi und Chefingenieur Corrado Cecchinelli zum Führungsgremium.»Wir haben für jeden unserer beiden Fahrer einen Renningenieur, der die Arbeit der Mechaniker koordiniert und überwacht«, erklärt Domenicali die neue Arbeitsweise. Entscheidend für den derzeitigen Höhenflug beider Werks-Ducatisti in der Superbike-WM aber soll die neue Offenheit im Team sein. »Nach jedem Training, nach jedem Rennen halten wir eine Besprechung ab, an der beide Fahrer teilnehmen, beide Renningenieure, Cecchinelli, Tardozzi und ich«, so Boß Domenicali, »da gibt es keine Geheimnisse zwischen Carl Fogarty und Troy Corser. Unser gemeinsames Ziel ist, Ducati als Ganzes und damit beide Fahrer nach vorn zu bringen.«Und daß hauptsächlich die neue Gesprächskultur bei Ducati Ursache der Überlegenheit auf der Rennstrecke ist, darüber sind sich alle Teammitglieder einig. Teamchef Tardozzi: »Wir haben die beiden besten Fahrer und können sie durch unsere neue Arbeitsweise optimal einsetzen. Was aber noch viel wichtiger ist: Carl und Troy können selber glasklar erkennen, daß sie absolut gleich behandelt werden und daß sie, wenn sie perfekt zusammenarbeiten und all ihre Daten, Erfahrungen und Reifenentscheidungen austauschen, ihre Spitzenposition noch ausbauen.«Bei aller offenen Diskussion aber hatten die Ducati-Superstars in Donington Park bei ihrer Reifen-Wahl für die zwei WM-Rennen nur bedingt eine glückliche Hand. Fogarty zog nach zahlreichen Gummimorden in den verschiedenen Trainings eine völlig ungetestete Michelin-Michung aus der Kiste und gewann das erste Rennen überzeugend vor der Honda-Konkurrenz Aaron Slight und Colin Edwards. Ein noch deutlich härterer Reifen hielt Troy Corser auf Rang sechs zurück.Das zweite Rennen starteten beide Ducati-Werksfahrer auf bedeutend weicheren Pneus und sahen den Nimbus ihrer bisherigen Unschlagbarkeit prompt zerschmelzen. Profitieren konnte Honda-Fahrer Edwards, der zu Beginn mit einem kernigen Blockade-Manöver im Stile eines Supercrossers ausgerechnet seinen Teamkollegen Slight in die Wiese geschickt hatte. Fogarty und Corser retteten mit ihren verglühenden Reifen immerhin noch die Plätze zwei und drei und damit die WM-Tabellenspitze wie auch die Stimmung im Ducati-Werksteam.Nur wenig getrübt wird die Hochstimmung der Roten durch die wieder aufkochende Diskussion um den Hubraumvorteil der 1000-cm³-Zweizylinder gegenüber den 750er Vierzylindern. »Der Hubraum gleicht nach wie vor nur das Zylinderhandikap aus«, wehrt sich Claudio Domenicali, »unser Plus ist eindeutig unsere neue, effizientere Arbeitsweise.«Auch Cheftechniker Cecchinelli streitet den »billigen Hubraumvorteil« ab: »Das entscheidende Technik-Thema ist in der Superbike-WM derzeit die elektronische Benzineinspritzung. Und da haben wir einen ganz erheblichen Erfahrungsvorsprung, schließlich ist Ducati schon seit 1988 damit erfolgreich. Yamaha und Suzuki fangen erst jetzt an.« Die Ergebnisse von Donington Park geben Cecchinelli recht. Selbst der begnadete Noriyuki Haga kann das Potential der neuen Yamaha R7 noch nicht annähernd ausschöpfen. Mit großem Kampfesmut reichte es nur für die Ränge zehn und sechs. Der internationale Publikumsliebling Pierfrancesco Chili stellte seine Suzuki GSX-R 750 zwar sensationell auf die Pole Position. Im ersten Rennen aber stürzte er hinter Fogarty an zweiter Stelle - wegen einer ungenügend abgestimmten Einspritzung, wie die nachträgliche Data Recording-Analyse ergab. Im zweiten Rennen wurde er mit großen Schmerzen in der linken Hand heldenhaft Fünfter.Was aber sagen zum guten Schluß die Herren Fogarty und Corser zum neuen Ducati-Familienleben? Würden sie dem jeweiligen anderen helfen, den Titel gegen einen Gegner von außerhalb zu gewinnen? »Völlig klar«, überrascht der dreifache Weltmeister Fogarty, der 1998 noch auf Exklusivbehandlung bestanden hatte, mit neuem Teamgeist, »natürlich würde ich für Troy fahren, wenn ich keine Titel-Chancen mehr hätte.« Corser ist für einmal nicht ganz einig: »Dazu wird es nicht kommen. Die WM machen Carl und ich unter uns aus.“
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Parc fermé (Archivversion)

Paddock ShowFanbeteiligungTreffpunkt für Fahrer und Fans soll die Paddock Show im Superbike-WM-Fahrerlager werden. Eine Ausstellung von Renn- und Serien-Superbikes sowie einige Teams aus dem Gespann-Weltcup und der neuen Superstock-EM, die unter den Augen der Öffentlichkeit ihre Maschinen präparieren, dazu Computer-Rennspiele sollen ein kommunikatives Umfeld schaffen, in dem auch die Pressekonferenzen nach den Rennen stattfinden. Die Fahrer sahen bei der Eröffnungsparty die Sache zweischneidig. Troy Corser, einer der Fan-freundlichsten Superbiker: »Die Paddock Show ist eine gute Idee. Aber wir sollten für die Fahrer eine eigenen Zugang schaffen. Sonst werden wir an Plätzen wie hier in Donington von den Fans förmlich erdrückt und verlieren dann vielleicht schon bald die Lust, dort aufzutauchen.«Kawasaki Racing TeamAuf und niederJede Menge heftigster Stimmungswechsel mußten die beiden Kawasaki-Werksfahrer Akira Yanagawa und Gregorio Lavilla in Donington Park über sich ergehen lassen. Yanagawa blieb zunächst als 13. im Zeittraining blaß, donnerte dann in der Superpole-Qualifikation auf den vierten Startplatz in der ersten Reihe vor. Aber nur, um von dort mit verschlafenen Starts zunächst wieder im Mittelfeld zu versinken. Mit irsinnig dickem Hals raste er danach durchs Feld auf die Ränge fünf und vier.Sein Teamkollege Lavilla fiel durch einen Bermsdefekt zu Beginn der Superpole-Runde auf den 15. Startplatz zurück. Zu allem Überfluß fing er sich auch noch einen Virus ein und stürzte mit über 38 Grad Fieber und rasendem Puls in beiden Rennen früh. Ebenfalls von einer Fieberattacke geplagt war der österreichische Kawasaki-Fahrer Robert Ulm, der nach Aufgabe im ersten Lauf im zweiten Rennen aber noch Zwölfter wurde.Superstock-EMR1-CupDie neu geschaffene Superstock-Europameisterschaft für junge Fahrer mit Serienmaschinen bis 1000 cm³ stand bei ihrer Premiere ganz im Zeichen von einheimischen Yamaha R1-Fahrern. Bester von insgesamt fünf war Dave Jefferies an der Spitze des Felds. Der junge Saarländer Dominique Duchène auf Kawasaki ZX-9R brach sich bei einem Trainingssturz das Schlüsselbein. Beim nächsten Rennen in Albacete soll auch Supermono-Europa-Cup-Siegerin Katja Poensgen mit einer Suzuki in dieser Serie antreten.Superbike-WM 2000Ohne Donington?Möglicherweise war die Superbike-WM zum letzten Mal zu Gast in Donington Park. Der Vertrag mit Promoter Maurizio Flammini läuft Ende des Jahres aus. Außerdem hat die Betreibergesellschaft des zweiten britischen WM-Rennens in Brands Hatch inzwischen die Formel 1-Strecke in Silverstone gekauft und möchte dort auch ein Superbike-WM-Rennen haben. Maurizios Bruder Paolo Flammini, vor Ort Verantwortlicher für die Superbike-WM, dazu: »Die Leute aus Brands Hatch sind sehr interessiert.“

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Carl Fogarty (GB) Ducati, 25 Runden in 39.19,856 min ( = 153,390 km/h), 2. Aaron Slight (NZ), 3. Colin Edwards (USA), beide Honda, 4. Chris Walker (A), 5. Akira Yanagawa (J), beide Kawasaki, 6. Troy Corser (AUS), 7. John Reynolds (GB), beide Ducati, 8. Steve Hislop (GB) Kawasaki, 9. Sean Emmett (GB) Ducati, 10. Noriyuki Haga (J) Yamaha, 11. Doriano Romboni (I) Ducati, 12. Niall Mackenzie (GB) Yamaha, 13. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki, 14. Igor Jerman (SLO) Kawasaki, 15. Frédéric Protat (F) Ducati;2. Lauf: 1. Edwards, 39.25,558 min ( = 153,020 km/h), 2. Fogarty, 3. Corser, 4. Yanagawa, 5. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki, 6. Haga, 7. Reynolds, 8. Romboni, 9. Hislop, 10. Mackenzie, 11. Fujiwara, 12. Robert Ulm (A) Kawasaki, 13. Marty Craggill (AUS) Suzuki, 14. Alessandro Gramigni (I) Yamaha, 15. Protat;Schnellste Runde: Fogarty in 1.33,700 min ( = 154,527 km/h);WM-Stand: 1. Fogarty 135 Punkte, 2. Corser 112, 3. Edwards 97, 4. Slight 82, 5. Yanagawa 66, 6. Haga 50, 7. Romboni 44, 8. Fujiwara 32, 9. Chili 31;Marken-WM: 1. Ducati 145, 2. Honda 113, 3. Kawasaki 68, 4. Yamaha 53, 4. Suzuki 44;Supersport 600: 1. James Whitham (GB) Yamaha, 23/37.51,458 min ( = 146,611 km/h), 2. Stéphane Chambon (F) Suzuki, 3. Iain MacPherson (GB) Kawasaki, 4. Jörg Teuchert (D) Yamaha, 5. William Costes (F) Honda, 6. Piergiorgio Bontempi (I) Yamaha, 7. Cristiano Miglioratin (I) Suzuki, 8. James Toseland (GB) Honda, 9. John Crawford (GB) Suzuki, 10. Roberto Panichi (I) Bimota, 11. Christian Kellner (D) Yamaha;Schnellste Runde: Whitham in 1.37,565 min ( = 148,405 km/h);WM-Stand: 1. MacPherson 41, 2. Chambon 40, 3. Teuchert 29, 4. Whitham 25, 5. Toseland und Kellner, je 18, 7. Costes 17, 8. Bontempi 12;Marken-WM: 1. Yamaha und Kawasaki, je 41, 3. Suzuki 40, 4. Honda 21.

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