Superbike-WM in Donington/GB (Archivversion) Foggy-Mania

Die britischen Fans verehren ihn wie einen Nationalhelden - auch wenn es für Superbike-Star Carl Fogarty und seine Werks-Ducati mal nicht so gut läuft.

Rivals on the track - united under one flag«, lautete der TV-Werbeslogan für die Superbike-WM an Ostern in Donington Park. Rivalen auf der Strecke - vereinigt unter einer Flagge. Der Anführer der british Squad war selbstverständlich Carl Fogarty, auf der Insel der Nationalheld in Sachen Motorradrennsport. Aber auch seine beiden Kollegen und potentiellen Widersacher Jeremy Whitham und Neil Hodgson meldeten Ansprüche auf Ruhm und Ehre an. In seinem tiefen Inneren mag der zweifache Weltmeister Fogarty mit dieser Werbeidee gar nicht hundertprozentig einverstanden gewesen sein. Denn »Foggy« zeigt zwar nach jedem Sieg - und es waren allein in der Superbike-WM bis heute 46 - mit großer Begeisterung Flagge. Aber es ist nicht die Fahne des Vereinigten Königreichs, der Union Jack, der im Erfolgsfalle über der siegreichen Ducati mit der Nummer zwei weht. Der überzeugte Engländer Fogarty fährt unter dem »St. George«- Banner, weiß mit rotem Kreuz - dem Symbol für England im engeren Sinne, ohne Schottland, Wales, Nordirland und die kleineren Inseln. Und seine Fans spielen das Spiel des Regionalisten mit. Auf jeden der dennoch sehr zahlreichen Union Jacks rund um Donington Park kommen mindestens zwei St. George-Banner. »Foggy ist unser Held, wir fahren überall hin, wo er Rennen fährt, wenn wir Zeit und Geld dafür übrig haben«, so Paul aus East London, stolzer Besitzer eines Ford Transit- Kastenwagens nicht mehr allzu neuester Bauart, der dennoch einzigartig ist. Schneeweiß überstrahlt er an zentraler Stelle den Campingplatz beim Haupteingang von Donington Park, der an diesem Oster-Wochenende bei bitterlicher Kälte eher den Charme eines Elefantentreffens als eines früglingsbeschwingten Saisonauftakt-Rennens hat.An den Seiten des Vans prangt in Übergröße jeweils »Go Foggy Go«, während auf der Rückseite, ganz im Stile eines Renntransporters, die wichtigsten Erfolge des großen Helden protokolliert sind. »Foggy ist einfach der Beste, und er ist Brite«, erklärt einer von Pauls Freunden seine Begeisterung, »die anderen britischen Rennfahrer wie Hodgson, Whitham und Niall Mackenzie mögen wir natürlich auch sehr gern. Aber Foggy ist einfach der Größte.« Auf die Frage nach ihrer bevorzugten Rennklasse, schließlich kommen in England schon seit Jahren mehr Fans zur Superbike-WM als zum Grand Prix, reagieren die Jungs sehr gelassen: »Wir gehen dahin, wo Foggy fährt, ganz egal. Würde er 500er Grand Prix fahren, wären wir sofort dort. Am liebsten aber würden wir ihn auf der Isle of Man sehen«, so Gregory, der nur eine starke halbe Stunde von Donington Park entfernt wohnt und sich trotzdem mit großer Begeisterung das Fan-Gruppenerlebnis auf dieser winterlichen mittelenglischen Wiese gibt, »aber da fährt er nicht mehr, weil es zu gefährlich ist.« An der Strecke dann, während der Trainings und Rennen, zeigt sich der britische Humor der Fogarty-Fans. Nebelwarnschilder (englisch: »Fog«) mit der Aufschrift »Foggy ahead« finden sich genauso rund um die Strecke wie die Karrikatur einer wildgewordenen Ducati samt Reiter mit dem Untertitel »Best british Beef«. Neben vielfältigsten Ducati-Shirts gehört längst die Variante des St. George-Banner mit der Startnummer eins in der Mitte und den stilisierten Augen des Helden darüber zur Standard-Ausstattung der Fans. Denn Fogartys »magic eyes«, ein weiteres Thema der Transparente entlang der Donington-Rennstrecke, gelten als sein Markenzeichen. Niemand im internationalen Rennsportbusineß strahlt selbst und gerade bei extremster Konzentration derartig feurige, unbezwingbare Aggressivität aus wie Carl Fogartys Blick. »The Lizard Man« - der Leguan-Mann - war das einzige, was einer ob dieses optischen Feuers eher verwirrten australischen Journalistenkollegin dazu eingefallen ist.Die Fogarty-Fans sitzen jedoch nicht nur in seiner englischen Heimat. Sein Abenteuer im Honda-Werks-Team während der Saison 1996 führte beim damaligen Saisonauftakt im italienischen Misano zu einem der skurrilsten Foggy-Transparente überhaupt. »Foggy - why you have money so important«, holperten die traurigen Tifosi durch die englische Sprache. Aber Carl Fogarty hatte noch nicht fertig mit Ducati und kam 1997 zurück. Und sein Fans stellten die Saison unter ein kriegerisches Motto. »Foggy - spank the yank«, konnte man weltweit auf den St. George- Banners und Union Jacks lesen. Frei übersetzt: Hau dem Ami ein paar aufs Maul. Aber daraus wurde nichts, der böse John Kocinski und die Honda holten die Weltmeisterschaft. Und Fogarty muß in diesem Jahr einen zweiten Anlauf unternehmen, um seinen WM-Titel zurückzuholen.Doch ausgerechnet beim Heimspiel tauchten plötzlich größere Ungereimheiten auf. Foggy, in der Industriestadt Blackburn aufgewachsen, rund eine Stunde von Donington Park entfernt, schlachtete im Training zwei Motoren an seiner Werks-Ducati und war nach dem Zeittraining lediglich 14. Grund genug für ihn, seine Stimmung der Lufttemperatur nur wenig über dem Gefrierpunkt anzupassen und seinen zu Hunderten im Fahrerlager an seiner Boxentür ausharrenden Fans zu entkommen, indem er heimlich durch die Boxengasse davonschlich, um sich an weniger frequentierter Stelle auf halbem Weg zu seinem Wohnmobil von seiner Frau Michaela auf dem Roller abholen zu lassen. Auch sein Teamchef Davide Tardozzi, der zuvor noch in großer Freundlichkeit trotz beißend kalten Windes das Boxenrolltor offen gelassen hatte, damit die Fans was zu sehen haben, hatte plötzlich sein sonniges Gemüt verloren. Die neugeschaffene Super Pole-Qualifikation, das Einzelzeitfahren der 16 Trainingsschnellsten in umgekehrter Reihenfolge um die besten Startplätze, brachte nur vorübergehend bessere Stimmung ins Ducati Performance Team, das ja speziell für Carl Fogarty installiert und ganz auf ihn zugeschnitten worden war. Fogarty knallte zwar eine Rundenzeit auf die fahrerisch höchst anspruchsvolle Bahn, die im Zeittraining nur von seinem Ducati-Werksfahrer-Kollegen Troy Corser übertroffen worden war. Aber kurz nach Foggy kam nicht der Nebel, sondern der Schnee. Die Super Pole-Show mußte abgebrochen werden, die Startaufstellung wurde nach dem vorhergehenden Zeittraining vorgenommen, und der große Held war wieder 14. Nun wollte der große Meister gar nichts mehr sehen, nur noch zur Entspannung den argentinischen Formel 1-Grand Prix. Die Fans aber hegten wenig Groll über den angeschlagenen und präsentationsscheuen Helden. »Er hatte viel Ärger heute«, so Paul, der mit dem Fan-Bus, »da würde ich auch keinen mehr sehen wollen. Aber morgen, bei den Rennen, da wird das ganz anders aussehen. Denn er ist einfach der beste.« Ganz dieser Meinung ist selbstverständlich auch Carl Fogartys Ehefrau Michaela, die einen guten Teil der Foggy-Show entscheidend mitinszeniert. Ihre telegenen Begeisterungs- oder Trauerausbrüche an der Boxenmauer sind Legende. Wie selbstverständlich wird ihr Fiebern mit ihrem Carl in jeder schnellen Runde von Kameras begleitet. Am Montag nachmittag, am Ende des traditionellen Renntags an Ostern in England, waren sowohl Michaela wie auch Carl Fogarty einigermaßen versöhnt. Der große Held konnte von seinem Startplatz 14 zwar keine Wunder bewirken, Rang sieben im ersten Rennen war unter diesen Bedingungen allerdings eine starke Leistung. Dann aber kamen Foggy die lokaen Götter zu Hilfe, die ihn am Vortag noch verächtlich mit Schnee beworfen hatten. Nach einem Motorschaden an der Kawasaki von Chris Walker mußte das zweite Rennen nach zehn Runden abgebrochen werden. Und wurde für die restlichen 15 Runden neu gestartet - mit Foggy auf Startplatz sechs in der zweiten Reihe. Dies reichte dem König von Donington, »wenigstens die Fans einigermaßen zufrieden zu stellen. Die hängen hier seit Tagen in der Kälte rum und wollen mich siegen sehen und nicht problembeladen um die Strecke eiern«. Fogarty fuhr in diesem Sprintrennen vor rund 40000 Zuschauern als Erster vor dem tatsächlichen Sieger Haga und Troy Corser über die Ziellinie - und wurde gefeiert wie beim Gewinn der WM. Daß er nach addierter Zeit nur Dritter war, interessierte niemanden. »Diese Fans sind die besten in der Welt, und es war mir extrem wichtig, sie wenigstens mit einem teilweisen Erfolgserlebnis heimschicken zu können. Ihre Unterstützung bedeutet mir eine Menge.“

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