Superbike-WM in Hockenheim (Archivversion) Sonnenaufgang im Westen

Der gewaltige Auftritt des neuen Hauptsponsors, Ungereimtheiten um Noriyuki Hagas Dopingsperre und ein unglaublicher Sieg am Ende - das Yamaha-Superbike-WM-Team war in Hockenheim immer im Blickpunkt.

Die Technomusik hätte jeden Mercedes-Formel 1-Motor übertönt. Und dazu war die mächtige Beschallungsanlage ursprünglich auch angeschafft worden. Denn sie stand im Motodrom Hockenheim im VIP-Zelt des Yamaha-Superbike-Werksteams anlässlich der Präsentation des neuen Hauptsponsors West, der derzeit im Rahmen der Formel 1-Rennen einen DJ-Wettberwerb am laufen hat.Die Zigarettenmarke aus dem Hamburger Reemtsma-Konzern lässt neben McLaren-Mercedes in der Formel 1 auch mit der Superbike-Yamaha R7 von Noriyuki Haga den Rauch aufsteigen. Der Marketing-Direktor von West, Volker Reeh, sieht die Zusammenarbeit mit Yamaha weit über die Superbike-WM hinaus. »Wir wollen mit Yamaha generell in der Motorradszene Fuß fassen«, so der 36-Jährige, »begleitend zu dem Superbike-WM-Sponsoring wird es gemeinsame Promotionaktionen von Yamaha und West geben.«Geplant ist unter anderem, den Yamaha-Spitzenfahrer Noriyuki Haga, der mit seinem Brachial-Fahrstil ja bereits weltweit die Fans begeistert, endgültig zum Superstar zu machen. Und der erste Schritt, den West in Hockenheim in diese Richtung gegangen ist, hat ursächlich mit dem in einigen Ländern bestehenden Tabakwerbeverbot bei Sportveranstaltungen zu tun, das ja in Deutschland nicht durch ein Gesetz geregelt ist, sondern durch eine mehr oder weniger freiwillige Vereinbarung der führenden Hersteller.Statt dem West-Schriftzug prangte auf dem Rennmotorrad, den als Promotionfahrzeuge eingesetzten Mercedes A-Klasse-Autos im Formel 1-Design sowie den aufregenden Body Paintings der ansonsten kaum bekleideten Grid Girls ganz unbescheiden »Haga« – selbstverständlich in der Typographie des West-Logos.Damit steht der Superbike-Samurai zumindest diesbezüglich auf der gleichen Stufe wie »Mika« oder »David«. Ansonsten begann Hagas Hockenheim-Wochenende ähnlich unerfreulich wie das seiner neuen Arbeitskollegen Häkkinen und Coulthard beim gleichzeitig stattfindenden Monaco-Grand Prix. Das internationale Disziplinargericht CDI des Motorradsport-Weltverbands FIM hatte am Freitagmorgen wegen Hagas positiven Dopingbefund getagt, sinnigerweise während des ersten freien Trainings der Superbike-WM. Beschlossen haben die hohen Herren, dass Noriyuki Haga ab dem 5. Juni für einen Monat gesperrt wird und ihm außerdem die Ergebnisse vom Saisonauftakt im südafrikanischen Kyalami aberkannt werden.Dies bedeutet für den Japaner, dass er einen Sieg und einen zweiten Platz verliert, also 45 WM-Punkte, sowie auf die beiden kommenden Superbike-WM-Auftritte im italienischen Misano am 18. Juni und am 25. Juni auf der spanischen Grand Prix-Strecke Valenica verzichten muss. Außerdem erwähnte der CDI in süffisantem Ton, der in einem offiziellen Schreiben grundsätzlich nichts zu suchen hat, dass weder Haga selbst noch einer seiner Vertreter es für nötig befunden hätten, an der öffentlichen Sitzung teilzunehmen.Genau hier aber haken jetzt die Juristen des Yamaha-Teams ein, während Noriyuki Haga selbst sich zurückhaltend gibt. »Ich habe während der Winterpause intensiv im Fitness-Studio an meiner körperlichen Verfassung gearbeitet und dabei auch das Präparat Ma-Huang eingenommen, das Gewichtsabnahme ohne Kraftverlust ermöglicht. Aber ich habe nicht gewusst, dass dies auf der Dopingliste steht, und außerdem hat das Mittel keinerlei Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit als Rennfahrer.«»Dies alles ist derzeit nicht mehr das Problem«, sagt Jim Gilroy, der Pressesprecher des Yamaha-Superbike-WM-Teams, und verweist auf den offiziellen Yamaha-Einspruch gegen die Entscheidung des Disziplinargerichts. Dort erklären die Yamaha-Rechtsvertreter, dass sie bereits bei Bekanntgabe des Tagungstermines 2. Juni in Hockenheim auf die Kollision mit dem offiziellen Training hingewiesen und beim FIM-Berufungsgericht TIA eine Verlegung beantragt hätten. »Da diese Eingabe fristgerecht war, hatte der CDI gar kein Recht zu tagen, geschweige denn eine Entscheidung zu treffen«, erklärt Gilroy, »Yamaha wird damit einen weiteren Einspruch beim TIA platzieren und ist sicher, eine neue, diesmal faire Verhandlung zu bekommen, bei der Noriyuki sich erklären kann. Wir gehen davon aus, dass er danach frei gesprochen wird.« Bei den Fans in Hockenheim und, erstaunlich genug, auch bei seinen Gegnern hat Haga-san seine Reputation längst wieder hergestellt, vor allem durch seine Auftritte auf der Strecke. Denn er ließ sich auf der Hochgeschwindigkeitsbahn in Hockenheim nicht abschrecken von einem deutlich erkennbaren Leistungs- und damit Topspeed-Defizit seiner Yamaha R7 gegenüber der Honda VTR 1000 SPW in den Händen von WM-Spitzenreiter Colin Edwards. Ebensowenig vom wieder genesenen Aaron Slight und auch nicht von den pfeilschnellen Werksmaschinen von Kawasaki - Akira Yanagawa war mit 319 km/h mit Abstand der Schnellste im Hockenheimer Wald - Chilis Suzuki und den Werks-Ducati.Musste Haga im ersten Rennen noch die taktisch klugen Troy Bayliss auf Ducati und Yanagawa vor lassen, zeigte er am Ende des zweiten Rennens ein Manöver, das auch der eingefleischte Motodrom-Stammgast so noch nicht gesehen hat. In der Stadion-Eingangskurve, dem klassischen Platz der Entscheidung in Hockenheim, hatte der Japaner das Rennen eigentlich schon verloren. Colin Edwards nutzte Windschatten und Honda-Power auf der letzten Waldgeraden zu einem sauberen Ausbremsmanöver und bog als Erster ins Motodrom ein.Vor der Sachs-Kurve, dem Augenblick der letzten Chance, setzte sich Haga jedoch rechts neben die Werks-Honda und wollte offenbar die leichte Kurvenüberhöhung nutzen, um mit leichtem Geschwindigkeitsüberschuss den Texas Tornado außenherum zu düpieren. Aber der Plan ging nicht auf. So schaltete der Yamaha-Held blitzschnell um, ließ Edwards innen durch und donnerte seinerseits am Kurvenausgang hinter der Honda nach innen und blieb eisern am Gas, bis Colin Edwards ein Einsehen hatte. »Ich war mir in diesem Moment absolut sicher, das Rennen gewonnen zu haben«, so der Texaner resigniert und respektvoll zugleich, »aber dann hatte Haga noch eine weitere Aufgabe für mich, die ich dann doch nicht mehr lösen konnte.«Der Sieger selbst fand kaum Worte für seine Aktion: »Die letzte Runde? Nicht zu glauben. Wunderbar.« Ausführlicher kommentierte Pierfrancesco Chili, Dritter im zweiten Rennen, nachdem er im ersten Lauf mit einem Reifenplatzer in der allerletzten Runde mal wieder die Rolle des tragischen Helden übernehmen musste. Sozusagen sein Schlussplädoyer in Sachen Haga: »Wir haben heute wieder einmal gesehen, warum wir einen Fahrer wie Haga unbedingt brauchen in der Superbike-WM. Das gilt für die Fans da draußen und für uns Fahrer ganz genauso.«»Und unter gegenseitigen Umarmungen fällt der Vorhang«, fällt dem theaterinteressierten Motorsportfreund dazu vielleicht ein, zumal David Coulthard ja in Monaco kurz vor Schluss die West-Farben auch noch ganz vorn gebracht hatte. Vor einem versöhnlichen Ende im Sinne von Lessings Klassiker »Nathan der Weise« müssen allerdings die verschiedenen Funktionsträger in den unterschiedlichen FIM-Gremien mit den interessanten Buchstabenkombinationen erst noch eine gehörige Portion Weisheit zeigen.

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