Superbike-WM in Hockenheim (Archivversion) Carl, der IV.

Zwingend und unwiderstehlich, wie schon in der ganzen Saison, holt Carl Fogarty seinen vierten Superbike-WM-Titel – und nimmt Urlaub.

Der König verteilte großzügig Geschenke. »Für mich hat Aaron Slight das Rennen gewonnen«, erklärte Carl Fogarty, soeben nicht nur zum vierten Mal Weltmeister geworden, sondern auch noch Sieger des ersten Superbike-WM-Rennens in Hockenheim, obwohl er nur als Zweiter hinter dem Honda-Werksfahrer abgewunken wurde.Das Rennen vor gut 25000 Zuschauern war in der letzten Runde wegen einer Kollision zwischen Aprilia-Werksfahrer Peter Goddard und dem Kawasaki-Reiter Igor Jerman abgebrochen worden, was in der Hitze des nordbadischen Spätsommers weder Fogarty auf dem Weg zu seinem vierten Superbike-WM-Titel mitbekommen hatte noch Aaron Slight, verbissen seinen ersten Saisonsieg jagend.Bei der vorletzten Zieldurchfahrt aber war die Ducati mit der Numer eins vorn, und so stand der alte und neue Weltmeister auch bei der Siegerehrung des Rennens ganz oben, zusammen mit seiner Frau Michaela und Ducati-Chef Federico Minoli. Das Podest für Rang zwei aber blieb leer. Aaron Slight war erbost verschwunden.Die Krönungsfeier von King Carl wurde dadurch nicht weiter gestört. Zwischen beiden Rennen lief Carl Fogarty mit einer Krone aus Plüsch und Glanzpapier durchs Fahrerlager, die er wohl aus dem Karnevalfundus seiner Töchter entwendet hatte, hielt Hof und schrieb mit erstaunlicher Freude und Begeisterung Autogramme. »Jetzt habe ich endlich Gelegenheit, den Fans, die ja um die halbe Welt zu den Rennen mit reisen, zu zeigen, dass sie mir sehr wohl viel bedeuten«, so Fogarty im Stile einer Thronrede, »im Lauf der Saison muss ich mich oft viel mehr abschotten, als ich das eigentlich will.«Das zweite Rennen hätte zum Triumphzug für den Champion werden sollen, aber es kam noch besser. In einer Windschattenschlacht, wie sie selbst eingefleischte Hockenheim-Insider noch selten gesehen haben, setzte sich am Schluss ausgerechnet Suzuki-Werksfahrer und Ducati-Erzrivale Pierfrancesco Chili gegen den Meister und einen wieder besänftigten Aaron Slight durch.Chili, im ersten Rennen noch von einem kapitalen Motorschaden an seiner GSX-R 750 gestoppt, warf all seine Erfahrung in die Waagschale, war im entscheidenden Moment in der Motodrom-Eingangskurve zur Stelle und bog als Erster ins Stadion ein. »Als ich auf die Sachskurve zufuhr, dachte ich an ein 125er EM-Rennen 1985 oder 86, das ich da noch verloren hatte, und sagte mir: ‚Frankie, heute bist du alt und clever genug, damit das nicht noch einmal passiert.« Auch ausgangs der Sachskurve, wo Chili 1996 im Kampf um den Sieg mit Aaron Slight in der letzten Runde noch zu Boden musste, warteten keine Schicksalsschläge mehr, und der Italiener hatte ihn wahr gemacht, den ersten Superbike-WM-Sieg für Suzuki unter regulären Bedingungen, nur zwei Wochen nach der Triumph-Fahrt im Regen auf dem A1-Ring.Recht blass blieben in Hockenheim dagegen Fogartys letzte verbliebene Verfolger in der WM-Titeljagd. Aber sowohl sein Teamkollege Troy Corser wie auch Honda-Werksfahrer Colin Edwards wurden eigentlich schon eine Woche vorher im niederländischen Assen demotiviert. Denn dort, wo er bis dahin schon zehn Mal gewonnen hatte, holte sich Fogarty vor zigtausenden britischen Fans, quasi auf Ansage, zwei weitere Siege und ließ den Herren Corser und Edwards nur minimalste Restchancen für Hockenheim, die sich schnell völlig erledigten.Colin Edwards, wie seine Werks-Honda RC 45 eigentlich wie geschaffen für Hochgeschwindigkeitsbahnen in Stil von Hockenheim, trat schon in den Trainings kaum als Sieganwärter in Erscheinung und konnte die Rennen auch nur auf den Rängen vier und fünf beenden. Und Troy Corser wurde ein Opfer des nicht sehr reifenschonenden Hockenheimrings. Drei Runden vor Schluss musste der Australier seine Ducati mit verendetem Hinterradreifen abstellen.In der Niederlage gegen King Carl noch vereint, handeln die unglücklichen Kronprinzen Corser und Edwards bezüglich ihrer Zukunft aber höchst unterschiedlich, auch wenn am Ende das Gleiche dabei heraus kommen könnte. Der Texaner Edwards wird 2000 erneut für Honda in der Superbike-WM antreten, allerdings nicht mehr mit der ehrenvollen RC 45, sondern auf der neuen Zweizylinder-Honda VTR 1000 SP. Troy Corser dagegen spürt einen immer stärkeren Drang weg von Ducati, auch wenn Teamchef Davide Tardozzi ihn gern behalten würde. »Wir haben mit Carl und Troy die beiden besten Fahrer. Und als Teamchef möchte ich natürlich, dass das so bleibt«, so die klare Ansage.Carl Fogarty hat unmittelbar nach seinem vierten Titelgewinn bestätigt, was alle wussten: »Ich werde 2000 bleiben, wo ich bin.« Troy Corser aber wäre als höchst erfahrener Zweizylinder-Treiber nicht nur bei Aprilia, wo neben der de Cecco-Crew ein neues, echtes Werksteam entstehen soll, äußerst willkommen, sondern auch bei Castrol-Honda, wo es immer deutlicher wird, dass mit der RC 45 auch der Mann Vergangenheit werden soll, der dieses Motorrad in aufopferungsvoller Kärrnerarbeit von der Fehlkonstruktion zum Super-Bike gemacht hat. Aaron Slight, gefragt ob er die VTR 1000 schneller zur Siegermaschine entwickeln könne als die alte RC 45: »Ich bin mit dem aktuellen Honda Twin noch nicht gefahren.« Der Neuseeländer könnte aber dennoch künftig auf einem Zweizylinder sitzen. Denn einiges deutet auf einen schlichten Arbeitsplatztausch mit Corser hin, zumal es um Laguna Seca-Sieger Anthony Gobert als kommenden Ducati-Superbike-Werksfahrer etwas ruhiger geworden ist. Eine weitere Option für Slight wäre Kawasaki. Teamchef Harald Eckl würde zwar »Gregorio Lavilla gern ein zweites Jahr beschäftigen, denn erst dann kann er sein Potential richtig zeigen«. Aber in der Zentrale der Grünen sind einige maßgebliche Herren nicht mehr von dem freundlichen Spanier überzeugt.Weitgehend klar sind dagegen die 2000er Crews von Suzuki und Yamaha. Im Corona-Alstare-Team wird der junge Spanier Ruben Xaus den erfolglosen Japaner Katsuake Fujiwara verdrängen. Nummer eins-Fahrer Frankie Chili gehört dagegen zum Inventar. Und Yamaha-Teamchef Davide Brivio erklärt: »Noriyuki Haga und Vittoriano Guareschi werden wohl weiterbeschäftigt.«Die Karten für die Millenium-Superbike-WM werden also allmählich verteilt. Ob aber irgendwo ein Ass steckt, das König Carl den fünften Titel abstechen kann, bleibt auch im neuen Jahrtausend die große Frage. Der Chef selbst gönnt sich zunächst mal eine Pause: »Jetzt, wo der Titel vorzeitig gesichert ist, werde ich mir die Reise zum Finale nach Japan sparen.« Es lebe der König – der König ist im Urlaub.

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