Superbike-WM in Hockenheim (Archivversion) Franky ging zum Regenbogen

Den Schatz aber fanden andere: die siegreichen Honda-Helden Aaron Slight und Carl Fogarty; aber auch John Kocinski, der zur WM-Führung schlich.

Sie ist dem Pierfrancesco Chili geradezu auf dem Leib geschneidert, die Rolle des sympathischen Herausforderers, der auf dem Weg zum Erfolg immer ein Hindernis mehr überwinden muß als die anderen. Mit seinem Blick voll feuriger Angriffslust und liebenswürdiger Resignation zugleich taugt der Ducati-Superbike-WM-Werksfahrer aus der zweiten Reihe ideal zum Krieger wider das Unrecht im großen Rennsportbussineß.»Franky« war mit der schwarz-bunten Ducati 916 des Gattalone-Teams in Hockenheim immer der schnellste Mann. 303 km/h am Topspeed-Meßpunkt, überlegene Pole-Position in 2.00,36 Minuten, bestimmende Führung über weite Strecken des ersten Rennens. Und das alles mit einer alten Mähre. »Unsere Fahrwerke sind von 1995«, erklärte er, »das scheint zwar ein Vorteil, weil sie noch mit Zusatzgewichten auf das Mindestgewicht gebracht werden müssen und so bei der Gewichtsverteilung mehr Spielraum bieten. Aber sie haben eben auch schon eine ganze Saison auf dem Buckel.« Die Triebwerke? »Ja, schon Werks-Motoren, wir haben jedoch kaum Unterstützung und müssen jegliche Entwicklung selber betreiben.« Daß Franky dabei grinst, liegt wohl daran, daß sein 1B-Werks-Bike auf den endlosen Geraden in Hockenheim als einzige Ducati schneller war als die Spitze der Vierzylinder-Aramada aus Japan, von den echten Werks-916 der Herren Troy Corser und John Kocinski ganz zu schweigen.Aber die wachsende Begeisterung in der Angreifertruppe von Gattalone kam im ersten Rennen zu einem jähen Ende. Zunächst war Chili unangefochtener Herrscher in einem eher langweiligen Rennen, bei dem die rund 25000 Fans die sonst für Hockenheim typischen Windschattenschlachten vermißten. Der Italiener führte ein dem restlichen Feld davoneilendes Trio mit Honda-Werksfahrer Aaron Slight und WM-Spitzenreiter Troy Corser auf der Promotor-Power Horse-Ducati an. Bis in der vorletzten Runde Corser den Beginn der Schlußoffensive übertrieb. Der sonst eher besonnene Australier donnerte erheblich zu schnell in die Ostkurve und überstand den abendfüllenden Abflug, ausgerechnet an der heikelsten Stelle der Hochgeschwindigkeitsbahn, zum Glück unbeschadet.Seine Freunde Chili und Slight jedenfalls wurden von dieser Aktion heftig aufgeweckt. Denn in den letzten anderthalb Runden kam es zwischen den beiden zu mindestens fünf Positionswechseln, bis Chili seine Halb-Werks-Ducati als Erster ins Motodrom einlenkte, was der erfahrene Hockenheim-Zuschauer gemeinhin als vorentscheidend einstuft. Doch Aaron Slight erzwang mit einem äußerst gewagten Bremsmanöver in die Sachskurve die Führung zurück. In diesem Moment entspannen sich die Veteranen unter den Fans. Das Rennen ist endgültig gelaufen.Anders dachte Pierfrancesco Chili. Er war bemüht, möglichst vor dem zaubernden Slight in den folgenden Linksknick einzubiegen und zog mit atemberaubender Schräglage nach innen. Dort aber war die Honda von Slight, der seine Maschine wieder unter Kontrolle kriegen wollte, indem er sich nach außen tragen ließ. Und am Kreuzungspunkt der unterschiedlichen Pläne trafen sich die beiden tatsächlich. Chilis Ducati knallte mit dem Vorderrad etwa auf Höhe des Motors in die Honda, und während der völlig überraschte Slight - »ich hing weit auf der anderen Seite des Motorrads und habe Franky überhaupt nicht mehr gesehen« - nach einem Schlenker dem Sieg entgegen fuhr, ging Chili als tragischer Held im nordbadischen Sand unter. Ducati-Werksfahrer John Kocinski und sein US-Landsmann Colin Edwards auf Yamaha erbten die Podestränge, und mit dem viertplazierten Simon Crafar auf Muzzy-Kawasaki vor Carl Fogarty auf der zweiten Honda fing schon das Mittelfeld an.Pierfrancesco Chili fand übrigens später kaum böse Worte für Slight. Er antwortete auf andere Art. Vom Start weg dominierte er auch das zweite Rennen, bis zur Halbzeit die Leistung an seiner Ersatzmaschine nachließ und er, wenn schon tragischer Held, dann richtig, nach zehn Runden aufgab.Zu dieser Zeit fand ein anderer seinen Weg aus der tragischen Rolle heraus. Der zweifache Weltmeister Carl Fogarty, der allmählich sein stattliches Salär bei Honda als Schmerzensgeld empfinden mußte, tauchte zusammen mit seinem Teamkollegen Slight und John Kocinski an der Spitze auf. Er führte zwar nie, »aber irgendwann gegen Mitte des Rennens habe ich beschlossen, daß ich hier nicht verlieren werde«.Ein erstaunliches Ansinnen, schaut man auf Fogartys bisherige Honda-Ergebnisse. Aber Hockenheim hat wenig Kurven, was der störrischen, aber sehr leistungsstarken RC 45 entgegenkommt, und Foggys Augen funkelten endlich wieder. So hatten auch die nicht gerade übersensiblem Herren Slight und Kocinski keine Chance mehr, als der Weltmeister in der Schlußrunde ausgangs der letzten Schikane erstmals das Kommando übernahm und bis zum Zielstrich nichts mehr anbrennen ließ. »Wir werden einfach nur neue Reifen aufziehen«, hatte er nach seinem fünften Platz im ersten Rennen enttäuscht geätzt. Nach dem Sieg redete Fogarty von großen Fahrwerksänderungen. Aber sein Teamchef Neil Tuxworth relativierte: »Wir haben das Heck geringfügig angehoben. Wichtiger ist, das Foggy seine eigene Kraft zum Siegen wiedergefunden hat.«Davon fühlt sich John Kocinski weit entfernt: »Wir haben noch soviel Arbeit vor uns«, leierte er schon fast gebetsmühlenartig, um dann aber wenigstens ein bißchen heldenhaft fortzufahren: »Die Schmerzen am linken Fuß von einem Testcrash in Misano behindern mich auf dem Bike kaum. Schlimmer war, daß im zweiten Rennen gegen Ende der Sprit knapp wurde.«Dennoch übernahm Kocinski wieder die Führung in der Superbike-WM, weil Troy Corser sich auch im zweiten Rennen ein spektakulären Abgang erlaubte, der allerdings noch übertroffen wurde von seinem Landsmannn Anthony Gobert. Der wurde ausgerechnet von seinem Muzzy-Kawasaki-Teamkollegen Crafar ins Aus geschickt. »Das ist mir schon peinlich«, so der Viertplazierte.

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