Superbike-WM in Kyalami/Südafrika (Archivversion) Ivan, der Schreckliche

Die Konkurrenz fährt sich die Seele aus dem Leib und begeistert die Fans mit haarsträubenden Manövern. Weltmeister Troy Bayliss bleibt aber auch in Kyalami unbesiegt und bekam einen verwirrenden Kampfnamen.

Zu Beginn eines Superbike-WM-Rennens ist die Welt noch in Ordnung. Die einschlägigen Helden wie Noriyuki Haga, Colin Edwards oder Ben Bostrom glänzen in ihrer Rolle als Herausforderer des Titelverteidigers Troy Bayliss. Heftigste Slides am Rande der Physik sowie vor allem vom schwarzen Aprilia-Ritter Haga vorgetragene außerirdische Überholmanöver an eigentlich völlig unmöglichen Stellen – so erlebten die rund 60000 Zuschauer auf der mit 1800 Metern Meereshöhe extrem hoch gelegenen Kyalami-Piste am Rande der südafrikanischen Millionenstadt Johannesburg die Superbike-WM 2002.Gegen Mitte des 25-Runden-Rennen jedoch änderte sich das Geschehen auf der Piste nachhaltig. Der Weltmeister übernahm die Regie höchstpersönlich. Troy Bayliss aus dem australischen Provinznest Tarrée drängte sich auch in Kyalami nach den fast schon hysterischen Auftaktschlachten mit zwingender Ruhe, Überlegt- und Überlegenheit vorbei an die Spitze und fuhr das Rennen ebenso perfekt und siegreich wie unspektakulär zu Ende. Damit bleibt er in dieser Saison noch unbesiegt.Zu einem illustren Kampfnamen hatte es der Champion aber bei aller unbestrittenen Klasse bislang noch nicht gebracht. Das hat sich nach seinem sechsten Laufsieg in Folge geändert. »Ivan Lendl« nennen ihn nun einige Lästermäuler im Superbike-Fahrerlager. Warum? »Weil er seine Siege auf genau so packende Weise erkämpft wie früher Ivan der schreckliche in Wimbledon«, lautet die zynisch grinsend vorgetragene Antwort eines unbeteiligten Teammanagers. Troy Bayliss befindet sich derzeit in blendener Verfassung, ebenso seine Werks-Ducati. »Es ist unbeschreiblich«, ringt der Sechsfach-Sieger nach Worten, »ich bin noch nie so viele perfekte Runden am Stück gefahren wie heute im zweiten Rennen.«Davon konnte bei Noriyuki Haga auf seiner Aprilia keine Rede sein. Zu Beginn beider Rennen zeigte er dem Weltmeister zunächst ungerührt das Hinterrad. Doch mit fortschreitender Renndistanz verlor der Japaner nicht nur die Spitzenposition, sondern sukzessive auch den Anschluss und musste im ersten Lauf letztich sogar zu Boden. Das zweite Rennen beendete Haga nach seinem Strohfeuer an der Spitze abgeschlagen auf Rang sechs. Sein Ärger hielt sich dennoch in Grenzen: »Gegenüber den Rennen in Australien befinden wir uns klar im Aufwind. Wir sollten schon bald ganz vorn fahren können.«Über die Gründe des zweimaligen plötzlichen Absturzes hielt man sich bei Aprilia eher bedeckt. Neben dem Standardspruch »mit zunehmender Renndistanz abbauende Reifen« konnte man in Erfahrung bringen, dass der zu Bärenkräften erstarkte Aprilia-V-Twin in beiden Rennen mit massivem Leistungsverlust zu kämpfen hatte.Eher Motivationsprobleme machten den beiden US-Helden Edwards und Bostrom zu schaffen. Während der frustierte Texas Tornado einen zu großen Abstand zwischen seiner »eigentlich perfekt funktionierenden« Werks-Honda und den Ducati feststellte, suchte Bostrom die Lösung bei sich selber. »Das Bike läuft perfekt, aber wir kriegen das gesamte Ding einfach nicht rund«, haderte der ansonsten sehr lebensfrohe Kalifornier.Der dritte Mann im Ducati-Werksteam, der Katalane Ruben Xaus, dagegen ist wohl der Einzige, der sich von Bayliss’ Machtdemonstrationen mitreißen statt demoralisieren lässt. »Wir fahren schließlich das gleiche Motorrad. Da sollte ich ja genau so schnell fahren können. Wenn nur nicht immer meine verzockten Superpole-Qualifikations-Runden wären.« So musste der lange Spanier auch in Südafrika von Startplatz elf aus der dritten Reihe erstmal jede Menge Aufholarbeit leisten, bevor er als Dritter und Zweiter gleich zweimal mit Chef Bayliss auf dem Podest stehen durfte.In der Supersport-WM führt derzeit ebenfalls kein Weg am Titelverteidiger vorbei. Andrew Pitt holte auf seiner Werks-Kawasaki in Kyalami seinen zweiten Sieg in Folge mit einer feinen Defensiv-Leistung gegen der britischen Evergreen Jamie Whitham auf Yamaha und den Ex-Weltmeister Stéphane Chambon auf der Corona-Alstare-Suzuki. Die beiden deutschen Yamaha-Helden Jörg Teuchert und Christian Kellner folgten mit zehn Sekunden Respektabstand an der Spitze der Verfolgergruppe auf den Rängen vier und sechs.

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