Superbike-WM in Kyalami/Südafrika (Archivversion)

Das Imperium fällt zurück

Die kleinen italienischen Edelschmieden Aprilia und Ducati haben vor allem ihre Motoren gewaltig aufgerüstet. Titelverteidiger Honda hat Probleme dagegenzuhalten.

Weltmeister Colin Edwards sprach klar aus, was er vorhatte beim diesjährigen Afrika-Gastspiel der Superbike-WM: »Hier in Kyalami müssen zwei Siege her wie im Vorjahr. Alles andere wäre doch sehr enttäuschend.« Im ersten Lauf ging die Texas-Taktik denn auch perfekt auf. Edwards schnappte sich von Startplatz drei nach wenigen Runden Tabellenführer Troy Corser auf der Werks-Aprilia und dessen australischen Landsmann, Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss. Damit war die Action im ersten Rennen auch schon erledigt. Edwards siegte überlegen vor einer von Bayliss, Corser und Pole-Mann Ben Bostrom angeführten Prozession. »Ehrlich gesagt habe ich es mir vor dem Rennen noch leichter vorgestellt«, relativierte der Champion seine Überlegenheit im Ziel, »Troy Bayliss hat phasenweise doch ein sehr hohes Tempo vorgelegt.«So wählte Colin Edwards für das zweite Rennen logischerweise die gleiche Strategie. Doch diesmal gab es von Ben Bostrom auf seiner Werks-Ducati wesentlich mehr Gegenwehr. »Im ersten Rennen war unser Fahrwerk nicht 100-prozentig perfekt«, so der Amerikaner, »danach hatten meine Mechaniker ein paar neue Ideen. Und das Ding funktionierte genial. Ich werde wohl heute abend einen ausgeben müssen.« Dennoch schaffte es Bostroms California Dreambike zunächst nur bis zur 16. von 25 Runden, den Texas Tornado in Schach zu halten. Dann presste sich Edwards in einem klassichen Blockpass-Manöver der härteren US-Schule in Führung, bevor seine Werks-Honda nur wenige hundert Meter später mit kapitalem Motorschaden verendete. Statt von zwingender Überlegenheit und glänzendem Doppelsieg war plötzlich von der wachsenden Unzuverlässigkeit des Meister-Superbikes die Rede.Edwards’ Teamkollege Tadayuki Okada war in den Rennen von Kyalami in der sechsten respektive achten Runde ausgeschieden. Die Honda-Offiziellen schoben zwar zumindest im ersten Fall einen Elektrikschaden vor. Doch zusammen mit zwei defekten V2-Triebwerken an den Trainingstagen zählten skeptischere Beobachter fünf Motorschäden beim Weltmeisterteam allein in Kyalami. Und der Superbike-Neueinsteiger Tady Okada steht, bereits beim Saisonauftakt in Valencia von einem sterbenden Honda-Twin eingebremst, noch ohne WM-Punkte da.Der Grund für die plötzliche Konditionsschwäche der japanischen Aggregate liegt ganz offensichtlich in einer Leistungsexplosion bei den 1000er-Twins aller Marken. Ducatis für die neue Saison massiv überarbeiteter Motor mit steiler stehenden Ventilen dreht deutlich über 13000/min, was nicht nur in eine Spitzenleistung von über 180 PS umgemünzt werden konnte, sondern auch deutlich zu hören ist. Bei der aktuellen Ducati-Motorengeneration sowie der Twin-Konkurrenz von Aprilia und Honda weicht der typische dumpfe Bollersound mehr und mehr einem metallisch harten, äußerst aggresiven Geräusch.Die Aprilia-Techniker entfesselten im Winter ebenfalls gewaltige Leistungsreserven. »Wir haben acht bis zehn PS in der Spitze gefunden«, freut sich WM-Tabellenführer Troy Corser, »und nicht nur das. Wir haben über das gesamte Drehzahlband deutlich mehr Dampf.« Und Honda? Die großen Meister aus Japan mussten Mitte Februar bei den ersten gemeinsamen Testfahrten aller Superbike-WM-Spitzenteams im spanischen Valencia feststellen, dass der Vorsprung speziell in Sachen Motorleistung dahin war. Bis in Kyalami war der vermeintliche Power-Rückstand wieder mehr als ausgeglichen, wie die Vorstellung von Colin Edwards bis zum großen Knall eindrucksvoll bewies. Doch die neuen, kraftstrotzenden Honda-Twins hatten ihre Zuverlässigkeit verloren, bislang eines der Trumpfasse der Japaner.Offiziell wird im Castrol-Honda-Team die Ausfallserie ins Reich der Zufälle verwiesen. »Wenn wir ein ernsthaftes Problem hätten, würden wir es doch auch zugeben«, setzt Honda-Pressesprecher Chris Herring auf sein in langen Jahren erworbenes äußerst seriöses und glaubwürdiges Image, diesmal aber nicht so überzeugend wie sonst. Titelverteidiger Colin Edwards auf WM-Rang drei mit bereits 34 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Troy Corser, Neuling Okada auf Null und der einzige Honda-Punkt für die Marken-WM durch den elsässischen Privatfahrer Bertrand Stey auf Rang 15 im zweiten Rennen: In den Hallen der Honda Racing Corporation werden wohl in den nächsten Wochen die Lichter kaum ausgehen.Noch viel größere Probleme aber haben die verbliebenen Vierzylinder-Marken in der Superbike-WM. »Frankie Chili ist in beiden Rennen im Schnitt pro Runde eine Sekunde langsamer gefahren als im Vorjahr«, resignierte Corona-Alstare-Suzuki-Teamchef Francis C. Batta, »und vor dem übernächsten Rennen in Sugo werden keine neuen Leistungsteile kommen. Es ist fast hoffnungslos.« Harald Eckl, Chef des Kawasaki-Werksteams, mit seinen Vergasermotoren auf der rund 1700 Meter hoch gelegenen Kyalami-Piste als chancenlos vorverurteilt, war da noch bedeutend besser drauf. »Der fünfte Platz von Akira Yanagawa im ersten Rennen ist unter diesen Voraussetzungen eine hervorragende Leistung«, so der Bayer, »zumal Akira erklärte, dass er im Rennen einige kleine Fehler gemacht hätte.«Suzuki und Kawasaki haben zwar nicht die Haltbarkeitsprobleme wie das Weltmeisterteam Honda, fallen jedoch mit den 750er-Vierzylindern gegenüber den 1000er-Twins immer mehr ab und verlieren damit ganz im Gegensatz zum Honda-Imperium allmählich die Hoffnung, irgendwann auch wieder zurückschlagen zu können.
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Parc fermé (Archivversion)

GP1 und Superbike-WMRosige Zukunft?Durch das ab 2002 gültige 990-cm3-Viertakt-Reglement für die Grand-Prix-Top-Klasse entsteht möglicherweise eine bedrohliche Nähe zur Superbike-WM. Über dieses Thema sind allerdings die Superbike-Teamchefs einerseits und die Offiziellen des Weltverbandes FIM oder Superbike-WM-Promoter Flammini andererseits nicht einer Meinung. »Die neu formierte Viertakt-Grand-Prix-Welt und die Superbike-WM werden beide mindestens so gut weiter existieren wie bisher. Ein Hersteller, der Benefit aus dem Rennsport ziehen will, muss in beiden Kategorien antreten – im GP, um seine technische und innovative Kompetenz zu zeigen, und bei den Superbikes wegen des erfolgreichen Marketings seiner Serienmaschinen«, formuliert FIM-Präsident Francesco Zerbi reichlich idealistisch und prognostiziert auch künftig in beiden WM-Serien volle Startfelder.Paolo Flammini, Geschäftsführer der Superbike-WM-Agentur SBK International, zeigt etwas mehr Realitätssinn, gibt sich aber ebenfalls optimistisch: »Das Produkt Superbike-WM ist derzeit sehr gut, ebenso die 500er-GP. Und das wird auch künftig so bleiben. Wir werden ab 2003 das Hubraumlimit für alle Superbikes auf 1000 cm³ anheben, weil die 750er-Klasse am Markt der Serienmaschinen keine Rolle mehr spielt. Damit bleibt die Attraktivität für die großen Hersteller erhalten.« Zum Thema aufkommende Konkurrenz durch die Viertakt-GP-Serie hält sich der Italiener bedeckt: »Wir müssen uns in erster Linie um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Deshalb nur so viel: Ich sehe momentan nicht genügend neue GP1-Viertakter, damit wir auch dort spannenden Rennsport sehen werden.«Die Teamchefs sehen dagegen die Superbike-Zukunft problematischer. »Yamaha ist schon weg, und der Vertrag zwischen Suzuki und meinem Alstare-Team läuft Ende des Jahres auch aus«, so der Belgier Francis C. Batta, im Superbike-Fahrerlager nicht nur wegen seiner Statur ein Schwergewicht, »und wenn nicht schnell etwas passiert, das die Vierzylinder wieder konkurrenzfähig macht, können die ruckzuck auch verschwunden sein.« Harald Eckl, der deutsche Teamchef des Kawasaki-Werksteams, versprüht ebenfalls nicht den allergrößten Optimismus: »Flammini war sich seiner Sache zu lange zu sicher, und reagierte mit Dingen wie etwa der Hubraumangleichung viel zu spät. Es sieht so aus, also ob ihm die Hersteller weglaufen. Was bei Kawasaki nach 2002 passiert, ist noch nicht entschieden. Ob es dort ein GP1-Projekt gibt, weiß noch nicht mal ich.«Aus den Reihen der Teammanager kommt immerhin der bemerkenswerte Vorschlag, der Superbike-WM ein komplett neues Format zu geben und sie damit vom GP-Sport schärfer abzugrenzen: Längere Rennen im Stile der 200 Meilen von Daytona mit Tank- und Reifenwechselstopps sowie zur Spannungserhaltung Pace-car-Einsätze schon bei der geringsten Störung, wie etwa im US-Automobilsport. Paolo Flammini lehnt dies ab, während FIM-Chef Zerbi sich die Möglichkeit sehr wohl vorstellen könnte.

Superbike-WM Kyalami/Südafrika (Archivversion)

Ergebnisse1. Lauf: 25 Runden = 106,575 km1. Colin Edwards (USA) Honda 43.17,2222. Troy Bayliss (AUS) Ducati -1,8483. Troy Corser (AUS) Aprilia -4,1564. Ben Bostrom (USA) Ducati -9,7685. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -13,5066. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -32,6997. Gregorio Lavilla (E) Kawasaki -35,2528. Régis Laconi (F) Aprilia -35,5139. Ruben Xaus (E) Ducati -41,95610. Stéphane Chambon (F) Suzuki -49,72111. Giovanni Bussei (I) Ducati -51,50312. Broc Parkes (AUS) Ducati -53,41813. Robert Ulm (A) Ducati -1.04,24114. James Toseland (GB) Ducati -1.17,80015. Marco Borciani (I) Ducati -1.18,148Schnitt des Siegers: 147,723 km/h2. Lauf: 25 Runden = 106,575 km1. Ben Bostrom (USA) Ducati 43.13,5132. Troy Bayliss (AUS) Ducati -4,3053. Troy Corser (AUS) Aprilia -12,5514. Neil Hodgson (GB) Ducati -17,3405. Ruben Xaus (E) Ducati -18,2346. Régis Laconi (F) Aprilia -18,8327. Gregorio Lavilla (E) Kawasaki -32,1138. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -38,8289. Giovanni Bussei (I) Ducati -43,68210. Stéphane Chambon (F) Suzuki -48,87611. Broc Parkes (AUS) Ducati -1.02,68912. Robert Ulm (A) Ducati -1.10,35313. Michele Malatesta (I) Kawasaki -1.14,58514. Lucio Pedercini (I) Ducati -1.16,39615. Bertrand Stey (F) Honda -1.19,116Schnitt des Siegers: 147,934 km/hSchnellste Rennrunde: Bostrom in 1.42,928 min = 149,102 km/h (Rekord)Pole Position: Bostrom in 1.41,689 min = 150,920 km/hWM-StandCorser 82Bayliss 80Bostrom 54Edwards 48Lavilla 45Chili 36Laconi 31Yanagawa 29Xaus 26Hodgson 24Chambon 24Bussei 12Parkes 12Ulm 11Toseland 9Borciani 9Izutsu 7

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