Superbike-WM in Kyalami/Südafrika (Archivversion) Hören und Sehen

Im wachsenden Donnerhall der Twins gehen die kreischenden Vierzylinder fast unter. Für das meiste Aufsehen sorgte dennoch eine Yamaha.

Auf der Zielgeraden von Kyalami, in fast 1600 Meter Meereshöhe am Rande der südafrikanischen Metropole Johannesburg gelegen, war das hochfrequente Kreischen der Reihen-Vierzylinder von Kawasaki, Suzuki oder Yamaha kaum noch auszumachen unter dem dumpfen Donnerschlag der Twins. Umso mehr konnten sich die knapp 60000 Fans auf den optischen Genuss der Vorstellung von Yamaha-Superstar Noriyuki Haga konzentrieren. Mit seinem nach wie vor extrem brachialen Fahrstil gelang es dem 25-jährigen Japaner sogar, WM-Favorit Colin Edwards und den neuen Honda-Überflieger-Twin VTR 1000 SP 1 beunruhigen. Dabei weist Hagas Yamaha R7 gegenüber 1999 nur behutsame Modifikationen auf und zeigte sich auch kaum leistungsstärker. Der entscheidende Unterschied für den Einzelkämpfer Haga ist die Rückkehr von Michelin- zu Dunlop-Reifen, welche seine ungestümen Quertreibereien eher unterstützen.Im ersten Rennen noch denkbar knapp Colin Edwards unterlegen, distanzierte der Samurai den Texas Tornado im zweiten Aufeinandertreffen um mehr als sechs Sekunden. Der Honda-Twin präsentierte sich in Kyalami dennoch vom ersten Training an als neue Messlatte in der Superbike-WM. Edwards dominierte jede Trainingssitzung. Offenbar ist es den Honda-Technikern gelungen, dem 90-Grad-V-Twin mit zwei Einspritzdüsen von Anfang eine überragende Leistungsentfaltung in allen Drehzahlbereichen anzuerziehen. In der Beschleunigung aus langsamen Ecken heraus war gegen die neue Honda kein Kraut gewachsen. Aber erst mit der überlegenen Motorleistung konnte sich Edwards in der letzten Runde vor der entscheidenden Kurve neben Haga setzen und ihn dann austricksen.Das Weltmeister-Team von Ducati hatte bereits sehr frühzeitig auf die zu erwartende Honda-Offensive reagiert und ihre Twins, »die Orginale«, wie Teamchef Davide Tardozzi gern augenzwinkernd ergänzt, von einer Einspritzung mit drei Düsen auf eine zurückgerüstet. Zusammen mit Maßnahmen wie leichteren Kolben sollen damit rund acht PS Spitzenleistung gefunden worden sein. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten während der Wintertests haben Weltmeister Carl Fogarty und der neue Werksfahrer Ben Bostrom dem Ducati-Twin auch das traktorähnliche Ansprechverhalten in den niedrigen Drehzahlregionen wieder beigebracht.Während sich WM-Neuling Bostrom noch in der Orientierungsstufe befindet, war der Champion schlicht nicht fit. Nach seinem Sturz bei Testfahrten in Valencia drei Wochen vor dem WM-Auftakt hatte Fogarty eine Bänderdehnung im rechten Oberarm zu lange ignoriert. Im ersten Rennen in Südafrika wurde er trotz nur weniger Meter Rückstand auf Haga chancenloser Dritter, bevor er im zweiten Lauf stürzte.Ex-Weltmeister Troy Corser jagte seine neue, mattschwarze Aprilia RSV 1000 mit der ihm eigenen zwingend kalten Aggressivität zur Bestzeit in der Superpole-Qualifikation. »Wir haben alle Informationen vom letzten Jahr beiseite gelegt und wieder bei null begonnen«, erklärte der Australier die Sensation recht unspektakulär. Dass dabei auch fast die gesamte Motorperipherie, also Getriebe, Kupplung, Auspuff, Einspritzung und Zündung von Grund auf erneuert wurde, hält der gute Troy wohl für weniger aufregend. Beide Rennen beendete der neue Aprilia-Held auf Rang vier.Ganz am Anfang steht dagegen noch das Bimota-Team von Virginio Ferrari. »Wir konnten insgesamt gerade mal sechs Stunden in Misano testen«, erklärten Ferrari und sein Fahrer Anthony Gobert unisono. Immerhin erreichte Gobert das Superpole-Zeitfahren der 16 Trainingsschnellsten. Nach einem Ausfall im ersten Rennen wegen eines Elektroniksensors wurde der »Bad Boy« im zweiten Lauf Zwölfter vor dem österreichischen Ducati-Fahrer Andreas Meklau. Technischer Kopf hinter dem Bimota-Projekt ist der legendäre Ex-Ducati-Ingenieur Franco Farné. Zusammen mit Magneti Marelli entwickelte er eine völlig neue Einspritzung mit insgesamt vier Düsen für den Suzuki-TL 1000-Basismotor. Ferrari, der das Team zusammen mit dem flamboyanten nigerianischen Prinzen Malik führt, sieht sehr viel Potenzial in der SB 8 R: »Der Motor zum Beispiel ist um echte fünf Kilogramm leichter als das Ducati-Triebwerk.«Bei aller Twin-Euphorie dürfen aber die klassischen Helden von Suzuki und Kawasaki nicht vergessen werden. Piefrancesco Chili muss zwar weiter mit der 1999er-GSX-R 750 Vorlieb nehmen. »Aber wir haben eine neue Einspritzung und neue Leistungsteile«, so der sympathische Italiener, »die Maschine ist technisch absolut auf der Höhe.« Was er mit dem dritten Platz im zweiten Rennen bewiesen hat.Auch in Kyalami zeigten sich die letzten Mohikaner aus der Vergaser-Ära, die Kawasaki ZX-7RR, keinesfalls unterlegen, schon gar nicht in Sachen Motorleistung. Aber Akira Yanagawa konnte wegen eines Trainingssturzes nicht starten, und Gregorio Lavilla besiegte mit seinen zwei sechsten Plätzen heldenhaft sein eigenes gebrochenes Kahnbein.

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