Superbike-WM in Laguna Seca/USA (Archivversion)

Schwarze Abfahrt

Die einzigartige Corkscrew-Bergab-S-Kurve auf dem Laguna-Seca-Speedway in Kalifornien birgt immer noch Geheimnisse für die meisten Rennfahrer, auch wenn es sie bereits seit 43 Jahren gibt.

Es sieht immer ein bisschen wie ein Fahrfehler aus, wenn Ben Bostrom, der California Dreamboy des Rennsports, vor seiner liebsten Streckenpassage im internationalen Rennzirkus zum Angriff bläst. Extrem weit an der linken Innenseite taucht der seit seiner Verbannung aus dem Ducati-Werksteam immer stärkere 26-Jährige in die wohl berühmteste S-Kurve der Welt, der Corkscrew-Corner von Laguna Seca, dieser einzigartigen Rennbahn in den Dünen hoch über der Monterey Bay an der kalifornischen Küste, allen Lehren von späten Einlenkpunkten und sauberen Kurvenlinien zum Trotz.Und im Notfall setzt Bostrom dann zur äußersten Verwunderungen seiner Gegner, immerhin die Top-Stars aus der Superbike-WM vom Schlage eines Noriyuki Haga, Troy Corser, Colin Edwards oder Pierfrancesco Chili, kurz den linken Fuß, ganz im Stile eines Dirt-Track-Racers. »Der Corkscrew-Abschnitt ist eine Stelle, die ich besonders mag. Denn dort oben kann ich relativ leicht überholen«, freut sich der California Dreamboy.Überholen vor »Turn eight«, wie die offizielle Bezeichnung für die Kornekzieher-Achterbahn lautet, das ist eines der Geheimnisse, das auch Weltstars auf ihren einmal jährlichen Visiten in Laguna Seca weitgehend verschlossen bleibt. Denn Superstars wie etwa Corser, Chili oder Haga haben zwar ihren Spaß an dem Kurvengeschlängel, fahren aber doch die eher konventionelle, weitere Linie am Eingang. Die ist nicht nur überraschenderweise langsamer, sondern lässt vor allem jede Menge Platz an der Inneseite für Manöver, die auf jeder anderen Strecke als Kamikaze-Angriffe abgehakt würden. Da oben in den kalifornischen Dünen jedoch finden kundige Pfadfinder vom Schlage eines Ben Bostrom, offensichtlich unterstützt von dem steilen Bergabstich zwischen der Links- und der folgenden Rechtskurve, einen Rettungsanker, der den überstürzt anmutenden Angriff am Kurvenausgang wieder in geregelte Bahnen und vor allem ganz nach vorn lenkt.Die internationalen Stars konnten froh sein, dass es in Laguna Seca nicht nur solch wundersame Ecken gibt, sondern auch ganz gewöhnliche, hart angebremste Kurven, wie zum Beispiel die Zielkurve, nach offizieller Laguna-Nomenklatur »Turn eleven«. Denn dort war es dem All American Hero offenbar etwas zu langweilig. In beiden Rennen ließ sich der gute Ben in der allerletzten Kurve des Rennens die Butter vom Brot nehmen.Troy Corser auf seiner Werks-Aprilia hatte Bostroms Ducati rundenlang wie einen Schatten verfolgt, und jedem war klar, wann der Angriff kommen würde, auch Ben Bostrom. »Aber Troy war plötzlich innen neben mir und konnte mich bei der Ausfahrt auf die Zielgerade geschickt abblocken.« Der Podestplatz für den Helden der über 70000 US-Fans war dahin, denn vor Corser waren ein unwiderstehlicher Noriyuki Haga und WM-Tabellenführer Colin Edwards bereits entschwunden.Haga? Ja, genau. Der japanische Yamaha-Werksfahrer ist trotz seines Dopingvergehens beim Saisonauftakt in Südafrika nach wie vor startberechtigt. Seine Sperre, eine Woche vor dem Rennen von vier auf drei Wochen reduziert und endlich in Kraft gesetzt, wurde unmittelbar vor dem Laguna-Seca-Wochenende weiter vertagt. Der Court of Arbitration for Sports (CAS), ein internationales Sportschiedsgericht, das über den Sportverbänden angesiedelt ist, hatte eine Berufung von Hagas Yamaha-Superbike-Werksteam zugelassen und die Strafe bis zu einer eigenen Entscheidung ausgesetzt.Noriyuki Haga selbst war von dem ganzen Gezerre um seine Startberechtigung am wenigsten angefressen: »Das alles interessiert mich während eines Rennwochenendes gar nicht.« Ganz im Gegenteil, der wilde Reiter war in blendender Form. Oben in der Corkscrew-Corner war er der einzige internationale Fahrer, der sich wenigstens annnähernd an die Bostrom-Linie herantraute. Mit Erfolg, wie der überlegene Sieg im ersten Rennen zeigte. Im zweiten Lauf hatte Haga zwar dem entfesselt fahrenden Troy Corser nichts entgegenzusetzen, was die Siegfahrt des Australiers hätte einbremsen können. Aber in der allerletzten Kurve zeigte auch der Japaner dem armen Ben Bostrom, das Laguna Seca nicht nur aus Corkscrew besteht. Mit einem sauberen, beinahe schulmäßigen Ausbremsmanöver schnappte Haga sich den zweiten Rang, und Bostrom schaute auf der Ziellinie wieder in die Röhre. Immerhin durfte er diesmal wenigsten mit aufs Siegerpodest, wo er voll des Lobes über seine Gegner war. »Hier auf Rang drei hinter Corser und Haga, den allerbesten Fahrern der Welt, zu stehen, ist ja nun wirklich keine Schande. Und nächstes Jahr sieht es dann ganz anders aus«, tönte der Dreamboy unter dem Jubel der Fans und entschwand anschließend standesgemäß im 1959er-Cadillac Fleedwood Eldorado Cabriolet.Ebenfalls nur auf ein besseres Laguna-Rennen 2001 hoffen konnte am Ende Pierfrancesco Chili. Der italienische Suzuki-Werksfahrer, der wieder einmal von den einheimischen Zuschauern wie einer der ihren gefeiert wurde, laboriert immer noch an dem Schlüsselbeinbruch aus Misano herum. »Und das tut hier ganz besonders weh, wenn du in Corkscrew einbiegst. Es ist fast nicht zu aushalten«, resümierte Frankie mit schmerzverzerrtem Gesicht seine heldenhaften, aber dennoch nur sechsten und fünften Ränge.
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Superbike-WM Laguna Seca/USA (Archivversion)

Lauf: Ergebnis nach 28 Runden = 101,080 km1. Noriyuki Haga (J) Yamaha 40.40,3792. Colin Edwards (USA) Honda -2,6643. Troy Corser (AUS) Aprilia -3,5714. Ben Bostrom (USA) Ducati -3,5945. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -14,5256. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -15,2577. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki -29,1688. Aaron Slight (NZ) Honda -32,5709. Juan Bautista Borja (E) Ducati -39,32010. Giovanni Bussei (I) Kawasaki -44,62411. Haruchika Aoki (J) Ducati -50,05712. Andreas Meklau (A) Ducati -55,72813. Lucio Pedercini (I) Ducati -1.22,905Schnitt des Siegers: 149,111 km/hLauf: Ergebnis nach 28 Runden = 101,080 km1. Troy Corser (AUS) Aprilia 40.38,7142. Noriyuki Haga (J) Yamaha -7,7553. Ben Bostrom (USA) Ducati -9,0114. Colin Edwards (USA) Honda -9,8215. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -14,5626. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -25,2257. Troy Bayliss (AUS) Ducati -26,4618. Katusaki Fujiwara (J) Suzuki -27,2479. Aaron Slight (NZ) Honda -27,93510. Peter Goddard (AUS) Kawasaki -28,15711. Giovanni Bussei (I) Kawasaki -48,88312. Lance Isaacs (RSA) Ducati -1.09,31513. Larry Pegran (USA) Ducati -1.23,021Schnit des Siegers: 149,213 km/hPole Position: Bayliss in 1.26,273 min = 150,638 km/hSchnellste Rennrunde: Bostrom in 1.26,317 min = 150,561 km/hWM-StandEdwards 265Corser 247Haga 232Chili 190Bostrom 153Yanagawa 151Bayliss 142Fujiwara 110Slight 98Lavilla 71Meklau 71Borja 70Antonello 62Aoki 57

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