Superbike-WM in Misano/I (Archivversion) Auf und nieder

Ducati-Boss Federico Minoli stand patschnass auf dem Siegerpodest des Autodromo Santamonica in Misano. Sein Angestellter Troy Bayliss hatte soeben planmäßig seine Arbeit erledigt, im ersten Superbike-WM-Rennen des Tages überlegen den Ducati-Heimsieg geholt und danach zusammen mit den Zweit- und Drittplatzierten, Ten-Kate-Honda-Fahrer James Toseland und Yukio Kagayama auf der Corona-Alstare-Suzuki, den großen Chef gründlich mit Champagner abgeduscht.
Die rote Welt, zu der auch der Großteil der rund 45000 Fans auf den Naturtribünen in Misano zählte, war nach Bayliss’ achtem Sieg in Folge in bester Ordnung. Auch deshalb, weil Weltmeister Troy Corser, der Erzrivale im Titelrennen, in der
16. von 25 Rennrunden an dritter Position
von seiner Suzuki gestürzt war. Der im Vorfeld von einer Windpocken-Erkrankung geschwächte Australier verzichtete heldenhaft darauf, die Krankheit vorzuschieben, sondern gab Abstimmungsprobleme zu, die in der brütenden Hitze leider nur
zu ungenügendem Grip der Pirelli-Einheitsreifen auf der Suzuki GSX-R 1000 und zum Sturz geführt hatten.
Tatsächlich war Corsers Sturz, nach einem leichten Trainingsabflug schon der zweite des Wochenendes, nur der Beginn eines Favoritensterbens, das auch noch das Ducati-Werksteam ereilen sollte.
»Das zweite Rennen wollte ich natürlich ebenfalls gewinnen«, schilderte Bayliss, »aber wie im ersten musste ich nach mäßigem Start erst mal nach vorn fah-
ren. Dabei bemerkte ich, dass das Set-up der Gabel nicht perfekt passte, vielleicht
wegen der noch größeren Hitze. Ich hätte mich einfach mit dem dritten Platz zufrieden geben müssen. Hinterher bist du freilich immer schlauer. Außerdem bin ich Racer und will immer gewinnen.«
Bayliss stürzte in der 17. Runde, konnte jedoch weiterfahren und wurde noch Zwölfter. Was den WM-Tabellenführer versöhnlich stimmte: Sein Namensvetter Troy Corser saß zu diesem Zeitpunkt längst
mit sich und der Welt hadernd in seinem Motorhome. Nach einem Bilderbuchstart ungefährdet in Führung gegangen, rutschte die Suzuki mit der Startnummer eins erneut in einer der wenigen Rechtskurven von Misano über das Vorderrad aus – und die Nullnummer des Meisters war perfekt.
Den Absturz der Champions vervollständigte James Toseland, Superbike-Weltmeister von 2004, genau eine Runde nach Bayliss mit einem ausgiebigem Ritt durch die großzügigen Kiesauslaufzonen des Circuito Santamonica, der dem Briten vom zweiten auf den achten Platz im Ziel zurückwarf.
Gefördert von den abstürzenden Weltmeistern, kam Andrew Pitt, im Jahr 2001 siegloser Supersport-Weltmeister, zu seinem ersten Superbike-WM-Erfolg. Der Yamaha-Italia-Fahrer hing nach einem Blitzstart hinter Corser auf Rang zwei. Pitt zu Rennbeginn auf Spitzenplätzen zu sehen ist für die Superbike-Welt noch nichts
Besonderes. Doch dieses Mal durfte der Australier seine Top-Position nach Corsers Abflug bis ins Ziel genießen. Die großen Meister zerlegten sich selbst. Kämpferisch vielleicht stärker als Pitt eingeschätzte Fahrer wie sein Yamaha-Italia-Kollege Noriyuki Haga, Klaffi-Honda-Solist Alex Barros und Kawasaki-Superheld Chris Walker waren derart in ihren internen Auseinanderset-
zungen gefangen, dass sie den gleichmäßig an der Spitze cruisenden Pitt nicht mehr gefährden konnten.
Immerhin konnte MotoGP-Umsteiger Alex Barros ein relatives Erfolgserlebnis verbuchen. Vom elften Startplatz wurde er mit den Rängen vier und zwei der insgesamt punktbeste Superbiker und damit so etwas wie der inoffizielle Tagessieger.
Für den deutschen Max Neukirch-
ner wurde das Misano-Wochenende zum
Desaster: Sturz im Training, Sehnenabriss in der linken Schulter und möglicherweise Ausstieg beim Pedercinin-Ducati-Team (siehe Kasten). mtr

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