Superbike-WM in Misano/I (Archivversion)

Unbedingt Troy

Troy Corser war beim Heimspiel seiner hochmodernen Werks-Aprilia in Misano unschlagbar. Doch auch Kawasakis Treue zu dem antiquierten grünen Reihenvierzylinder zahlt sich immer wieder aus.

»Die Aprilia ist das derzeit leistungsstärkste Motorrad in der Superbike-WM”, lautet die klare und durchaus überraschende Analyse von Kawasaki-Superbike-Teamchef Harald Eckl. Und er hatte Recht. Aprilia-Werksfahrer Troy Corser beherrschte das Superbike-Wochenende in Misano nach Belieben. Beste Trainingszeit, Superpole-Position, zwei ungefährdete Siege samt Rundenrekord. »Ja, das Wochenende verlief makellos”, so Sieger Corser, »die Aprilia war von unseren Testfahrten hier vor vier Wochen perfekt eingestellt.«Im Gegensatz dazu erlebte die Kawasaki-Werkscrew ein munteres Auf und Ab. »Unser Nummer-eins-Fahrer Akira Yanagawa hat zur Zeit offensichtlich Probleme, sich mental 100-prozentig auf die Rennen einzustellen”, orakelt Eckl. Tatsächlich schaffte der junge Vater als 16. gerade mal so die Qualifikation in die Superpole-Prüfung. Dann aber pfeilte er die grüne Kawasaki ZX-7RR auf Startplatz fünf nach vorn. Die beiden Rennen von Yanagawa liefen genauso: Eher gemächliche Starts, zum Ende höchst engagierte Aufholjagden, immerhin auf die Ränge fünf und sechs.Wobei Harald Eckl überzeugt ist, dass diese Platzierungen nicht das ganze Potenzial der grünen Renner darstellen. »Dass wir als Einzige noch mit Vergasertriebwerken fahren, wirft uns nicht zurück. Wir haben den zweitstärksten Motor im Feld, der im nutzbaren Leistungsband sogar besser als die Aprilia ist.” Der Reihenvierzylinder dreht immerhin 15500/min und bringt dabei reichlich 180 PS. »Viel entscheidender ist, dass wir die Einzigen sind, die dies mit den ganz gewöhnlichen Stahlventilen erreichen, wie sie jeder Kawasaki-Privatier im käuflichen Racing-Kit auch fährt.”Was ist also das Geheimnis des ZX-7RR-Evergreens, der, je oller, je doller, regelmäßig ganz oben in den Topspeed-Listen steht und nach Aussage von Eckl »mit einem im Kopf wieder 100 Prozent freien Akira Yanagawa oder einem Top-Fahrer wie Corser oder Gobert alle schlagen könnte«? »Wenn ich Details verraten würde, wäre natürlich einiges von unserem Vorteil beim Teufel”, so der Teamchef, »es sind viele kleine Dinge, die vor allem die Drehfreude und die Haltbarkeit unserer Motoren verbessern.”Das im Vergleich etwa zum zierlichen Misano-Siegermotorrad von Aprilia reichlich überdimensionierte Fahrwerk der ZX-7RR nimmt Eckl quasi als gottgegeben hin. Und da von Kawasaki auch in der Saison 2001 kein neues Superbike zu erwarten ist, müssen die grünen Renntechniker weiterzaubern. »Doch die Kawasaki ist längst nicht mehr das unfahrbare Monster, das mit Gewalt und höchsten Drehzahlen um die Ecken geworfen werden muss”, rekapituliert Eckl. Und die Höchstgeschwindigkeitswerte auf den Rennstrecken geben ihm ebenso Recht wie Yanagawas furchtlose Angriffsfahrten.Einzig die Ducati-Fahrer konnten neben Aprilia-Superstar Corser und Yanagawa noch einigermassen ungeschoren Misano verlassen. Zwei zweite Plätze verstärken den Aufwärtstrend des australischen Fogarty-Nachfolgers Troy Bayliss, und auch Neu-Werksfahrer Juan Bautista Borja belegte endlich standesgemässe Ränge vier und fünf, während der vom Werksteam aussortierte Ben Bostrom den sensationellen dritten Platz im zweiten Rennen belegte.Die WM-Spitzenreiter Colin Edwards, Pierfrancesco Chili und Noriyuki Haga mussten in Misano dagegen mehr oder weniger schmerzhafte Tiefschläge einstecken. Honda-Star Edwards stürzte in seiner Superpole-Runde, startete von Platz 15 zu einer Aufholjagd, die in der zweiten Runde im Hinterrad seines Teamkollgen Aaron Slight und anschließend auf dem Asphalt endete. Im zweiten Rennen fuhr er diskret auf Platz zehn. Haga, aufgrund einer Berufung seines Yamaha-Teams gegen die Dopingsperre unter Vorbehalt startberechtigt, holte im ersten lauf einen mäßigen siebten Rang und stürzte im zweiten im Kampf um die Spitze hinter Corser.Und Frankie Chili, der Held aller Tifosi, hatte wie so oft Riesenpech bei seinem Heimspiel. Sturz in der Superpole-Runde, Startplatz 16, blitzartige Jagd auf Rang zehn, Ausfall mit Motordefekt. Zu allem Überfluss brach er sich im zweiten Rennen das Schlüsselbein. Immerhin wurde er von seinem entfesselten Teamkollegen Katsuaki Fujiwara auf den Rängen drei und vier glänzend vertreten.Auch das deutsche Alpha-Technik-Superbike-Team hatte kein Traumweekend an der Adria. MOTORRAD-Testfahrer Markus Barth wurde 17. und schied im zweiten Rennen mit Kupplungsdefekt aus, Kollege Jürgen Oelschläger wurde vom Italiener Sanchini in der letzten Kurve des ersten Rennen von Platz 14 abgeschossen und gab im zweiten Rennen mit Fahrwerksschaden auf.
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Superbike-WM Misano/I (Archivversion)

Neue RegelnKeine KitbikesDie für 2001 geplante Regel, nur noch Tuningkits für die Superbike-Rennmaschinen zuzulassen, die in einer Mindeststückzahl von 30 gebaut werden müssen und höchstens 45000 US-Dollar kosten dürfen, wurde wieder fallengelassen. »Das offizielle FIM-Papier sagt zwar, dass die Regel nur auf 2002 verschoben worden ist«, so Kawasaki-Teamchef Harald Eckl, »aber ich gehe davon aus, dass die Idee vom Tisch ist.«Superstock-EMKatja fantasticaDie Fans waren aus dem Häuschen, als ausgrechnet im Macholand Italien mit Katja Poensgen eine Frau ein immerhin zur Europameisterschaft zählendes Rennen anführte. Dass es der Suzuki-Fahrerin am Ende nur zum zweiten Platz hinter dem Italiener Fabio Capriotti auf Yamaha reichte, trübte die Champagnerlaune des Sensationsteams keineswegs. In der Tabelle der Superstock-EM rückte Katja Poensgen damit auf Rang fünf vor.Gespann-WeltcupWieder WebboAuch in Misano war im Gespann-Weltcup-Rennen kein Kraut gewachsen gegen Titelverteidiger Steve Webster/Paul Woodhead. Mit sieben Sekunden Vorsrung auf Klaffenböck/Hänni gewann die Steinhausen-Suzuki-Crew überlegen. Die Teamkollegen Jörg Steinhausen/Christian Parzer wurden diesmal nur Fünfte.Bimota fehltePleitegeierDas nur zehn Kilometer von der Rennstrecke entfernt liegende Bimota-Werk musste wegen akuter Geldsorgen auf den Start in Misano verzichten. »Prinz Malik Adul Ibrahim ist ein verlogener Mistkerl«, beschrieb Teamchef Virginio Ferrari seinen vermeintlichen Gönner. »Er hat sich in einem Vertrag mit uns verpflichtet, entweder Sponsoren zu bringen oder das Budget mit eigenem Geld abzusichern. Beides ist nicht passiert.« Angebliche Sponsoren wie Levis Jeans oder die Zigarettenmarke West, die kürzlich beim Yamaha-Werksteam eingestiegen ist, waren offenbar nie ernsthaft mit Malik geschweige denn Ferrari oder Bimota in Verbindung getreten. Und da unabhänigig vom Racing Team und den Machenschaften des nigerianischen Hochstaplerprinzen auch Bimota selbst in höchsten finanziellen Schwierigkeiten ist, steht die Zukunft von Virginio Ferrari, Fahrer Anthony Gobert und auch Cheftechniker Franco Farné in den Sternen. Eine Schließung der Firma noch in diesem Monat wird von Insidern der italienischen Motorradindustrie als höchstwahrscheinlich angesehen.

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